Ehre für den Münchner

Brych für WM nominiert - Stark nicht dabei

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Felix Brych fährt als deutscher Schiedsrichter zur WM nach Brasilien.

Köln - FIFA-Schiedsrichter Felix Brych fährt trotz seiner Fehlentscheidung beim „Phantomtor“ von Stefan Kießling zur Fußball-WM 2014 in Brasilien.

Nach dem Phantomtor schien Felix Brych eigentlich unten durch, doch trotz seiner folgenschweren Fehlentscheidung ist der Schiedsrichter nicht durchs Netz der FIFA gefallen: Der 38-Jährige aus München fährt gemeinsam mit seinen Assistenten Mark Borsch und Stefan Lupp, die ebenfalls an jenem 18. Oktober 2013 in Sinsheim im Einsatz waren, zur Fußball-WM 2014 nach Brasilien (12. Juni bis 13. Juli).

Mit seiner Bekanntgabe am Mittwoch sorgte der Weltverband für Jubel auf Mallorca. Dort bereitet sich Brych derzeit mit den anderen deutschen Top-Referees auf die Bundesliga-Rückrunde vor.

„Felix Brych hat sich die Nominierung durch seine außergewöhnlichen Leistungen im internationalen Fußball verdient. Er gehört für mich zweifellos zu den besten Schiedsrichtern der Welt, seit Jahren pfeift er konstant auf einem sehr hohen Niveau. Und ich freue mich für ihn, dass er in Brasilien dabei ist“, sagte der deutsche Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel über Brych, der mit den Gegebenheiten in Brasilien bestens vertraut ist.

Bereits beim Confed Cup 2013 war der promovierte Jurist, der das aktuelle Regelheft des Deutschen Fußball-Bund (DFB) als „Cover-Boy“ ziert, im Einsatz und leitete die Partie Mexiko gegen Japan in Belo Horizonte. Auch ansonsten mangelt es Brych nicht an Erfahrung. Der FIFA-Schiedsrichter hat bereits 171 Bundesligabegegnungen, 24 Länderspiele und 37 Europacup-Partien gepfiffen.

Zudem vertrat Brych, der in der vergangenen Saison die meisten Spiele aller Referees in der Bundesliga gepfiffen hat (18) und nach der Spielzeit als Schiedsrichter des Jahres 2012/13 ausgezeichnet wurde, den DFB 2012 beim olympischen Fußballturnier in London.

Brych ist einer der deutschen Unparteiischen, der in die Rubrik Halbprofi eingeordnet werden kann. Da der Referee mit den Hobbys Sport und Musik seit 2007 für die FIFA Spiele leitet, erhält er als Schiedsrichter der Eliteklasse einen festen Betrag in Höhe von 60. 000 Euro pro Spielzeit. Zudem verdiente Brych (der seit 1999 DFB-Schiedsrichter ist, seit 2001 in der 2. Liga und seit 2004 in der Bundesliga pfeift) in der vergangenen Saison alleine durch seine Einsätze in der Bundesliga insgesamt 68.400 Euro (3800 Euro pro Spiel).

„Seine Teilnahme an der WM sehe ich auch als Anerkennung und Auszeichnung für das deutsche Schiedsrichterwesen“, äußerte Fandel: „Es ist unser Anspruch, bei großen internationalen Turnieren wie einer WM dabei zu sein - aber es ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis konsequenter Arbeit.“

Brych setzte sich im Rennen um einen WM-Platz gegen Wolfgang Stark durch. Dem Ergoldinger, der bei der zurückliegenden WM in Südafrika und der vergangenen EM in Polen die deutschen Unparteiischen vertreten hatte, waren nach dem Fauxpas seines Kollegen am neunten Spieltag bei der Partie zwischen 1899 Hoffenheim und Bayer Leverkusen (1:2) gute Chancen auf die dritte Turnierteilnahme in Folge eingeräumt worden. Doch trotz des Wirbels um den Phantomtreffer von Bayer-Stürmer Stefan Kießling entschied sich die FIFA, die insgesamt 25 Schiedsrichtertrios und acht sogenannte „Support-Duos“ aus 43 verschiedenen Ländern nominiert hat, für Brych.

Selbst aus dem Hause Stark kamen Glückwünsche: „Ich freue mich natürlich sehr, dass erneut ein bayerischer Schiedsrichter Deutschland bei einer Fußball-WM vertritt“, sagte Wolfgangs Vater Rudolf, der Schiedsrichterobmann des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV): „Felix Brych hat in den vergangenen Jahren seine Qualität auf internationalem Top-Niveau regelmäßig bewiesen und sich diese Nominierung mehr als verdient. Ich wünsche ihm für die WM viel Erfolg!“

Die FIFA erklärte, dass „die Persönlichkeit und das Fußballverständnis“ die Grundlage ihrer Auswahl war. Bis zur Endrunde stehen für die Referees im Februar, März/April und zehn Tage vor Anpfiff noch drei Seminare auf dem Programm. Die aufgebotenen Unparteiischen werden laut FIFA in dieser Zeit regelmäßig betreut und überwacht.

Technisch überwacht wird bei der Endrunde zum ersten Mal auch die Torlinie. Das dürfte Brych beruhigen. Schließlich war es Brych vor knapp drei Monaten entgangen, dass Kießling den Ball ans Außennetz geköpft hatte - nur durch ein Loch im Netz war der Ball ins Gehäuse gelangt.

Brych hatte auf Tor erkannt und eine tagelange Diskussion entfacht. Als Schlusspunkt der Debatte lehnte das DFB-Sportgericht den Einspruch von 1899 gegen die Wertung des Spiels ab und ließ ganz im Sinne der FIFA die Tatsachenentscheidung des Unparteiischen unangetastet.

sid

Wembley, Helmer, Kießling: Diese Tor-Skandale sorgten für Schlagzeilen

Das Phantomtor von Stefan Kießling beim 2:1 von Bayer Leverkusen bei 1899 Hoffenheim weckte Erinnerungen an den Fall Thomas Helmer aus dem Jahr 1994. Es war nicht die einzige Fehlentscheidung der Fußball-Geschichte, die mit der Torlinientechnologie wohl nicht passiert wäre. © picture alliance / dpa
DAS WEMBLEY-TOR: Das 3:2 des Engländers Geoff Hurst im Endspiel der Weltmeisterschaft 1966 gegen Deutschland ist ein Mythos der Fußball-Geschichte. Bis heute ist ungeklärt, ob der Ball nach dem Schuss von Hurst an die Unterkante der Latte mit vollem Durchmesser hinter der Torlinie aufsprang. Der sowjetische Linienrichter Tofik Bachramow hatte den Ball hinter der Linie gesehen. © picture alliance / dpa
PHANTOM-TOR I: Dieser Fall ist dem Phantom-Tor von Stefan Kießling am ähnlichsten: Beim Zweitliga-Spiel zwischen Borussia Neunkirchen und den Stuttgarter Kickers (4:3) am 21. Oktober 1978 erkennt der Schiedsrichter ein Tor der Saarländer an, obwohl der Ball durch ein Loch im Seitennetz ins Tor gelangt. Nach einem Einspruch der Kickers und einer Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht wird der Fernsehbeweis zugelassen und das Spiel wiederholt. Stuttgart gewinnt 1:0. © picture alliance / dpa
KORRIGIERTE FEHLENTSCHEIDUNG: Beim 3:0-Sieg von Bayer Leverkusen gegen Bayern München trifft Arne-Larsen Ökland nach seinem Hattrick im ersten Durchgang mit einem weiteren Schussversuch im zweiten Durchgang die Netzstange hinter Münchens Tor. Beim Zurückprallen trifft der Ball das Tornetz, sodass der Schiedsrichter auf Tor entscheidet. Noch vor Wiederanstoß allerdings korrigierte der Referee seine Fehlentscheidung, nachdem Ökland selbst die Situation aufgeklärt hatte. Der Unparteiische bedankt sich beim Norweger per Handschlag. © picture alliance / dpa
HELMERS PHANTOM-TOR: Im Bundesliga-Spiel zwischen Bayern München und dem 1. FC Nürnberg am 23. April 1994 drückt Thomas Helmer den Ball neben das Tor. Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers („Das war der Supergau“) entscheidet nach Befragen des Linienrichters Jörg Jablonski auf Tor zum 1:0 für die Münchner. Nürnberg protestiert mit Erfolg, das Wiederholungsspiel gewinnen die Bayern 5:0. © picture-alliance / dpa/ SID
HOFFENHEIMER TORKLAU I: Beim Saisonauftakt 2009/10 gegen Bayern München prallt ein Kopfball von Josip Simunic an den Innenpfosten und von dort über die Torlinie. Schiedsrichter Babak Rafati erkannte das Tor nicht an, weil der Assistent falsch lag. Die Partie endete 1:1. © picture-alliance/ dpa
DAS DUISBURGER WITZ-TOR: Beim 5:0-Sieg des MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt in der 2. Liga am 17. Januar 2010 prallt ein Schlenzer von Christian Tiffert gegen die Latte, der Ball springt nach Berechnungen des TV-Senders Sky 1,3 Meter vor der Linie auf. Schiedsrichter Marco Fritz gibt dennoch Tor zum 5:0, weil dies sein Assistent anzeigt. © picture alliance / dpa
DIE WEMBLEY-REVANCHE: Deutschland „revanchiert“ sich gegen England 44 Jahre später bei der WM in Südafrika im Achtelfinale. Frank Lampards Schuss schlägt von der Lattenunterkante klar hinter der Torlinie auf. Schiedsrichter Jorge Larrionda aus Uruguay lässt aber weiterspielen. Es wäre das 2:2 gewesen. Deutschland siegt am Ende 4:1. © picture alliance / dpa
DAS UKRAINE-TOR: Bei der EM 2012 hat England wieder Glück. Der Ukrainer Marko Devic schießt beim Stand von 0:1 Englands Torhüter Joe Hart an, John Terry kann den Ball erst hinter der Linie klären. Die TV-Bilder sind eindeutig, Referee Viktor Kassai aus Ungarn lässt die Partie weiterlaufen. Auch der Torrichter reagiert nicht. © picture alliance / dpa
HOFFENHEIMER TORKLAU II: Vier Jahre später erwischt es die Kraichgauer erneut. Kevin Vollands Heber im Spiel gegen den 1. FC Nürnberg landet klar hinter der Torlinie, doch Referee Thorsten Kinhöfer und sein Assistent Detlef Scheppe sehen es nicht. Das kostet Hoffenheim beim 2:2 den Sieg. © picture alliance / dpa
KIEßLINGS PHANTOM-TOR: Am 18. Oktober 2013 geht ein Kopfball des Leverkuseners Stefan Kießling ans Außennetz des Hoffenheimer Tores. Durch ein Loch im Netz gelangt der Ball ins Tor. Schiedsrichter Felix Brych entscheidet auf Tor. Leverkusen gewinnt das Spiel 2:1, Hoffenheim legt gegen die Wertung Einspruch ein. © dpa

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