Felix Magath im tz-Interview

"1860? Das ist vom Tisch" - Kritik an Guardiola 

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Felix Magath schreibt ab jetzt Kolumnen für die tz.

München - Der neue tz-Kolumnist Felix Magath spricht exklusiv über den FC Bayern, seine Verhandlungen mit dem TSV 1860 und blickt auf die neue Saison.

Hart aber Felix! Unser neuer Kolumnist Felix Magath (61) legt heute los mit einem Ausblick auf die kommende Saison. Spannend ist es aber auch, was der Meistertrainer zu den zuletzt vorliegenden Job-Angeboten zu sagen hat. Exklusiv in der tz spricht er über die Verhandlungen mit Austria Wien und dem TSV 1860, die Bayern und die Nationalmannschaft.

Vor fünf Wochen gab’s die Meldung, Sie würden Trainer bei Austria Wien. Warum ist nichts daraus geworden?

Felix Magath: Ich hatte zwei sehr gute Gespräche mit Austrias Sportdirektor Franz Wohlfahrt, wir waren uns mündlich einig, dass ich den Trainerposten übernehme. Ich war überzeugt, dass ich mit ihm sehr gut hätte arbeiten können. Doch dann hat sich der Aufsichtsrat eingeschaltet, mitdiskutiert. Plötzlich tauchten Details über die Verhandlungen in der Öffentlichkeit auf. Am Ende hat sich gezeigt, dass die Austria das Problem hat, das viele Traditionsvereine haben: zu viele Gremien, zu viele Personen, die mitreden wollen, obwohl sie eigentlich keine Ahnung haben, viele undichte Stellen. Da ist Wien nicht anders als der Hamburger SV, das hat mich dann doch irritiert. Daraufhin habe ich mir gesagt, dass ich mir das nicht antun will, und habe abgesagt. Die ganze Konstellation dort hat nicht gepasst.

Dann kam das Angebot, Sportchef von 1860 München zu werden.

Magath: Ja, ich wurde vom Löwen-Präsidium angesprochen. Man sagte mir, ich solle die Position von Gerhard Poschner übernehmen, könnte frei entscheiden. Doch man sagte mir auch, dass die Rolle des Investors Ismaik problematisch sei. Er würde sich nie melden, das Präsidium glaubte aber zu wissen, dass er seine Anteile am Klub verkaufen wolle, obwohl man seit einem halben Jahr keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Wir konnten die Gespräche über die Ausgestaltung der Aufgabe aber gar nicht erst beginnen, weil der Investor sofort mitteilen ließ, dass er nicht verkaufen will. Zwischenzeitlich hatte ich die Befürchtung, man wollte meinen Namen nur benutzen. Da das Präsidium dann aber zurückgetreten ist, war zumindest der Gedanke vom Tisch.

Wären Sie denn bereit gewesen?

Magath: Natürlich. Diese Aufgabe, die Löwen in die Bundesliga zu führen, wäre ideal gewesen. Ich hätte es als große Chance angesehen, diesen Traditionsverein wiederzubeleben. Auch wenn ich einmal für die Roten gearbeitet habe, hätte mich der Job bei den Blauen sehr gereizt. Ich lebe in München. Bei meinen früheren Stationen in Wolfsburg, Schalke oder Fulham war ich immer von der Familie getrennt.

Wie denken Sie denn über 1860?

Magath: Das erinnert mich an Schalke 04. Auch dort ist nicht nur die Mannschaft das Problem. Bei 1860 hätte es nicht ausgereicht, nur ein paar Spieler auszutauschen und einen neuen Trainer zu holen. Der ganze Verein hätte sich verändern müssen, um den Ansprüchen eines Profi-Klubs gerecht zu werden. Das ist schon verwunderlich, dass sich ein Verein über Jahre in der Öffentlichkeit so darstellen kann. Aber das Thema ist ja nun für mich vom Tisch.

Es hieß, Sie hätten sogar Geldgeber an der Hand, um die Ismaik-Anteile zu übernehmen?

Magath: Nein, das ist dummes Zeug. Ich habe niemanden in der Hinterhand. Ich sollte den Verein umkrempeln. Das Präsidium hat aber entnervt aufgegeben, damit sind meine Ansprechpartner weg.

"Tuchel wird es schwer haben"

Was sagen Sie zu Ihrem Verein, dem Hamburger SV?

Magath: Eine erneute Zittersaison kann ich mir nicht vorstellen. Die letzte Saison war davon geprägt, dass sich die Vereinsführung zu sicher war, nicht absteigen zu können. Daher wurden falsche Entscheidungen getroffen. Joe Zinnbauer und Peter Knäbel wurden als Trainer von den Spielern nie akzeptiert. Daher hat die Mannschaft weit unter ihren Möglichkeiten gespielt. Bruno Labbadia war dann die richtige Notlösung zum Schluss. Er hat Bundesliga-Erfahrung und war nicht so eine Kompromisslösung wie seine Vorgänger. In dieser Saison wird der HSV einen gesicherten Mittelfeldplatz erreichen.

Kann Dortmund wieder Bayern-Jäger werden?

Magath: Es wird für Thomas Tuchel schwer als Nachfolger von Jürgen Klopp. Natürlich wird er in allen Dingen an seinem Vorgänger gemessen. Ich weiß nicht, ob er so richtig akzeptiert wird. Das hängt einzig und allein vom Erfolg ab. Ich tippe, dass der BVB einen guten Saisonstart hinlegt. Die große Stärke der Borussia ist, dass der Verein sehr stark ist. Auch in Krisenzeiten gab es dort keine Unruhe. Tuchel ist in meinen Augen aber ein Schlaufuchs. Eine Pause einzulegen als Trainer ist ein neuer Trend. Das macht einen interessant und begehrt. Ich habe damals den Fehler gemacht, direkt von Schalke nach Wolfsburg zu wechseln. Da war ich ausgebrannt.

"Guardiola hat Unruhe ins Team gebracht"

Herr Magath, reden wir über den anderen Münchner Klub. Mit welchen Gedanken sehen Sie Pep Guardiolas dritte Saison als Bayern-Trainer?

Magath: Durch die gigantischen Investitionen, die jährlich beim FC Bayern getätigt werden, muss man ohne Wenn und Aber erwarten, dass er die nationalen Titel holt. Dortmunds Pokal-Sieg im Halbfinale war glücklich. Hätten die Bayern das Spiel gewonnen, hätten sie auch Wolfsburg im Finale geschlagen. Zweimal in Folge im Champions-League-Halbfinale, das ist auch okay. Ich kann aber nicht verstehen, warum Guardiola wider besseren Wissens eine funktionierende Mannschaft umkrempeln wollte. Er hat nach Heynckes’ Triple-Gewinn eine funktionierende Truppe übernommen. Seine Aufgabe war es, den Weg weiterzuführen und wenig zu verändern. Stattdessen wollte er das Spiel verändern und hat auch durch seine Personalentscheidungen Unruhe ins Team gebracht. Das ist gefährlich. Dennoch: Es geht für die Konkurrenz in der neuen Saison wieder nur darum, den Rückstand auf Bayern zu verringern. Aufschließen zu ihnen kann kein Verein. Für mich streiten sich erneut Wolfsburg, Mönchengladbach und Leverkusen um den Platz hinter Bayern.

Bei Ihrem Ex-Klub Schalke ging es zum Ende der Saison drunter und drüber. Wird’s nun besser?

Magath: André Breitenreiter war in Hamburg mein Spieler. Ich finde, es ist eine herausragende Leistung, dass er Paderborn in der Vorsaison bis zum letzten Spieltag die Chance gehalten hat, in der Liga zu bleiben. Ich traue ihm zu, dass er auf Schalke ankommt und akzeptiert wird. Inwieweit der Verein ihn auch akzeptiert und die Situation grundlegend besser wird, bezweifle ich. Es ist doch jetzt schon wieder so, dass durch die Verhandlungen mit Markus Weinzierl und Marc Wilmots nun Breitenreiter wie eine Notlösung aussieht. Und schon hat er ein Problem. Es ist immer einfach, den Trainer als Schuldigen hinzustellen, obwohl andere im Verein Entscheidungen treffen, die Einfluss auf den Erfolg haben. Es ist einfach schwach, immer den Trainer für alles verantwortlich zu machen. Dadurch kommen Vereine wie Schalke, Stuttgart oder der HSV im Grunde nie vorwärts.

Mit Alexander Zorniger debütiert ein Trainer bei einem weiteren Ihrer Ex-Klubs, dem VfB Stuttgart.

Magath: Das ist für mich ein Experiment, was der VfB macht. Das kann gutgehen, muss es aber nicht. Aus meiner Sicht braucht ein Trainer Erfahrung, die hatte Huub Stevens. Trainer, das ist ein Beruf, in dem man sich weiterentwickelt durch Erfahrung. Wenn ein Trainer von der dritten Liga in die Bundesliga springt, ist das für mich in Ordnung. Aber der neuste Trend ist ja, Jugend-Trainer plötzlich zum Chef in der Bundesliga zu machen. Das ist in meinen Augen pure Verzweiflung.

Wie sehen Sie insgesamt das Bundesliga-Niveau?

Magath: Man kann sich immer alles schönreden. Der FC Bayern überstrahlt diese Liga. Die Infrastruktur ist gut, die Nationalmannschaft glänzt als Weltmeister. Aber dadurch wird in meinen Augen überdeckt, dass die Liga international an Attraktivität eingebüßt hat, oder sorgen Darmstadt oder Paderborn etwa für Attraktivität? Ins Champions-League-Viertelfinale gehören nur noch die Bayern. In der Europa League läuft’s auch nicht besser. Es ist doch alarmierend, dass dort der Vize-Meister gegen Neapel chancenlos ist.

Glauben Sie, dass Deutschland die EM-Quali verpassen könnte?

Magath: Nein, soweit wird’s nicht kommen, wo man sich ja selbst als Gruppendritter noch qualifiziert. Aber beim Turnier im nächsten Sommer, da müssen wir uns steigern, wenn wir was reißen wollen. Die größten Fehler werden im Erfolg gemacht. Und da haben sich alle Beteiligten nach dem WM-Titel ja monatelang auf die Schulter geklopft. Man hat jetzt wieder an der U21 gesehen, wie schnell man auf dem Boden landet, wenn man glaubt, was viele sagen. Diese Spieler sind noch keine Stars, bilden sich schon viel zu viel ein und sind nicht bereit, das Letzte für den Erfolg zu geben.

Interview: Marcel Schwamborn

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