Blatter wirft Einmischung vor

WM-Vergabe an Katar: Einflussnahme von Wulff und Sarkozy?

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Berlin - Die umstrittene Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar soll auf politische Einflussnahme auch des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff erfolgt sein. Das behauptet zumindest FIFA-Präsident Joseph Blatter.

Mit Attacken auf Deutschland und Verschwörungstheorien kämpft FIFA-Boss Joseph S. Blatter (Schweiz) im Korruptionsskandal um den Fußball-Weltverband weiter an mehreren Fronten um seine Macht. Der umstrittene Verbandschef inszenierte sich in der Welt am Sonntag außerdem als Saubermann und Retter seiner schwer angeschlagenen Organisation. „Ich habe Angst, dass man die FIFA kaputt machen will“, sagte Blatter.

Die Vortäuschung der Gefahr einer „feindlichen Übernahme“ der FIFA durch die USA, deren Justiz in der vergangenen Woche bei den Schweizer Behörden die Auslieferung von zwei Vizepräsidenten und fünf weiteren inhaftierten FIFA-Funktionären beantragt hat, scheint der nächste Schachzug des gewieften Strippenziehers zur Verhinderung seiner Ablösung an der Verbandsspitze zu sein. „Ich bin jetzt da, um zu kämpfen. Nicht für mich selbst, sondern für die FIFA“, rechtfertigte Blatter jedenfalls seinen Verzicht auf einen schnellstmöglichen und international überwiegend erhofften Abgang: „Der Kommandant bleibt beim Gefecht im Kommandoposten.“

In seinem Allmachts-Bewusstsein ignoriert Blatter auch weiterhin die dringende Aufforderung durch FIFA-Reformer Domenico Scala (Italien) zu einer Bekräftigung seines zu erwartenden Rücktritts: „Dass ich noch einmal kandidiere, ist nicht in meinem Sinne“, sagte Blatter dazu nur sibyllinisch und setzt offenbar auf seine Hausmacht in Afrika und Asien.

Wer denn auch sonst außer der 79-Jährige selbst, so die unausgesprochene Botschaft des Taktikers, sollte die FIFA, „ein Werk, das ich mitgeschaffen habe“, gegen die Dämonen aus Übersee erfolgreich verteidigen können? Zumal der FIFA-Boss dem Ermittlungsdruck durch US-Generalstaatsanwältin Loretta Lynch und die US-Bundespolizei FBI tapfer standzuhalten gedenkt: „Im Blick auf meine Arbeit bei der FIFA habe ich keine Angst. Ich habe nichts zu befürchten.“

Doch auch wenn „Selbstzweifel der größte Feind des Anführers“ seien, will Blatter seine auch strafrechtlich sichere Heimat vorläufig nicht verlassen: Um den US-Behörden nicht die Chance zu einem PR-Coup durch seine Verhaftung zu geben, „werde ich, so lange nicht alles abgeklärt ist, kein Reise-Risiko eingehen“. Nur für die Auslosung der Qualifikationsspiele zur WM-Endrunde 2018 Russland Ende Juli im für Blatter unbedenklichen Moskau kündigt Blatter schon eine Ausnahme an: „Dahin reise ich.“

Seine persönliche Verantwortung für die Problem-WM-2022 in Katar will Blatter scheinbar ebenfalls mit der Eröffnung von nebulösen Nebenkriegsschauplätzen loswerden. Jedenfalls soll die Vergabe des Turniers Ende 2010 seiner Darstellung zufolge auch auf politische Einflussnahme des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und Frankreichs Ex-Staatspräsident Nicolas Sarkozy erfolgt sein.

„Es gab zwei politische Interventionen. Die Herren Sarkozy und Wulff haben versucht, ihre Wahlmänner zu beeinflussen. Deswegen haben wir jetzt eine WM in Katar“, sagte Blatter: „Der Deutsche Fußball-Bund hat von Wulff auch eine solche Empfehlung bekommen, dass Deutschland wegen wirtschaftlicher Interessen für Katar stimmt. `

Laut WamS-Angaben soll der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger auch von einem Anruf Wulffs berichtet haben. Wie Franz Beckenbauer als Mitglied der entscheidenden Exekutive bei der Wahl Ende 2010 abgestimmt hat, lässt das deutsche Idol bis heute offen. Wulff hat nach seinem Rücktritt unlängst Anschuldigungen wegen versuchter Einflussnahme auf Katars Wahl in seinem Buch zurückgewiesen.

Vor dem Hintergrund der Debatte über die Missachtung der Menschenrechten und den unwürdigen Bedingungen von ausländischen Arbeitern im Land des künftigen WM-Gastgebers erneuerte Blatter außerdem seine Vorwürfe gegen deutsche Firmen wegen der Unterstützung des Regimes: `Die Deutsche Bahn, Hochtief und viele mehr hatten schon Projekte in Katar, als die WM noch gar nicht vergeben war.“

sid

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