Korruption und Erpressung

Namen, Fakten, Folgen: Alle Infos zum FIFA-Skandal

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Ein Korruptionsskandal erschüttert den Weltfußball-Verband FIFA.

Zürich - Sieben Festnahmen, Korruptionsvorwürfe, Geldwäsche-Verdacht: Ein Skandal erschüttert die FIFA. Jetzt sind viele Fragen offen - auch über die Zukunft Sepp Blatters. Die Antworten gibt's hier:

Am frühen Mittwochmorgen sind in Zürich sieben hochrangige Funktionäre des Fußball-Weltverbands FIFA von der Kantonspolizei Zürich festgenommen und abgeführt worden. Darunter auch die beiden FIFA-Vizepräsidenten Jeffrey Webb (Kaimaninseln) und Eugenio Figueredo (Uruguay). Die Polizeiaktion im noblen Fünf-Sterne-Hotel „Baur au Lac“ glich einem Hollywood-Film.Die in Zivil gekleideten Beamten, die wegen eines Ersuchens aus den USA handelten, ließen sich an der Rezeption die Zimmerschlüssel geben und holten die Funktionäre aus ihren Zimmern. Ihnen drohen wegen Korruption, Bestechung und Erpressung bis zu 20 Jahre Haft.

In einer weiteren, davon unabhängigen Justizaktion verlangte die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts auf Geldwäscherei und Schmiergeldzahlungen bei den WM-Vergaben an Russland (2018) und Katar (2022) die Aushändigung mehrerer Dokumente aus dem FIFA-Hauptquartier.

Wir fassen die wichtigsten Fragen und Entwicklungen zum FIFA-Skandal zusammen:

Findet die Präsidenten-Wahl am Freitag trotzdem statt?

Ja! Die FIFA geht unbeirrt zur Tagesordnung über. Am Donnerstag beginnt im Hallenstadion der 65. FIFA-Kongress, am Freitag will FIFA-Boss Joseph S. Blatter (79) in seine fünfte Amtszeit gewählt werden. „Es gab niemals die Idee, den Kongress oder die Präsidenten-Wahl zu verschieben. Wir fahren mit der Agenda fort“, sagte FIFA-Mediendirektor Walter de Gregorio. Die einzige Reaktion des Weltverbandes: Die FIFA-Ethikkommission sperrte elf der betroffenen Funktionäre vorläufig.

Einziger Herausforderer ist der jordanische Prinz Ali bin Al Hussein (39), der bereits von einem „traurigen Tag für den Fußball“ sprach. Inzwischen haben sich noch mehr Funktionäre und Politiker zum FIFA-Skandal geäußert, darunter DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). In Deutschland werden Forderungen nach einer Neuvergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 laut. Die europäische Fußball-Union UEFA forderte am Mittwoch eine Vertagung der Präsidentschaftswahl. Wir haben alle Reaktionen gesondert für Sie zusammengefasst.

Worum geht es genau?

US-Justizministerin Loretta Lynch.

Laut Schweizer Bundesamt für Justiz (BJ) geht bei den aus den USA arrangierten Verhaftungen um die Annahme von Schmiergeldern von mehr als 150 Millionen Dollar aus den vergangenen 20 Jahren. Den sieben Festgenommenen, die in die USA ausgeliefert werden sollen, werden Geldwäsche, die Annahmen von Bestechungsgeldern sowie Korruption bei WM-Vergaben und TV-Rechten vorgeworfen. Die mutmaßlichen Bestecher sind Vertreter von Sportmedien und von Sportvermarktungsunternehmen. Als Gegenleistung sollen diese bei der Austragung von Fußballturnieren in den USA und Lateinamerika die Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechte erhalten haben. Allein für die Vermarktungsrechte der Copa America in den USA sollen 110 Millionen Dollar über den Tisch gegangen sein. Auch bei der Vergabe der Fußball-WM 2010 in Südafrika ist laut US-Justizministerin Loretta Lynch Schmiergeld geflossen.

„Sie haben dem Fußball großen Schaden zugefügt, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen und sich selbst zu bereichern“, sagte Lynch, auf deren Amtshilfegesuch die Schweizer Polizei gehandelt hatte: „Wir werden diesen Praktiken und der Korruption ein Ende setzen und die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen.“

Der New Yorker Staatsanwalt Kelly Currie erklärte, dass die Festnahmen am Mittwoch in Zürich „erst der Anfang“ seien. „Weitere Individuen und Einrichtungen in zahlreichen Ländern“ würden noch überprüft. Die Anklageschrift des Justizministeriums verweist auf 25 namentlich nicht genannte Mitverschwörer. Noch am Mittwoch soll zudem das Hauptquartier des nord- und mittelamerikanischen Dachverbandes CONCACAF untersucht werden. 

Unabhängig von den Ermittlungen der amerikanischen Justiz stellten Schweizer Behörden in der Zentrale des Fußball-Weltverbandes elektronische Daten und Dokumente sicher. Die zuständige Bundesstaatsanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren im Zusammenhang mit den WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022. Nach Behördenangaben geht es um den Verdacht „der ungetreuen Geschäftsbesorgung sowie des Verdachts der Geldwäscherei gegen unbekannt“. Bis zu zehn an der WM-Vergabe beteiligten Mitglieder des Exekutivkomitees sollen noch verhört werden.

Wer wurde verhaftet?

Das US-Justizministerium hat Anklage gegen vierzehn FIFA-Offizielle wegen des Verdachts der Verschwörung und Korruption bestätigt. Von der Schweizer Polizei verhaftet wurden Jeffrey Webb, Eugenio Figueredo, Eduardo Li, Julio Rocha, Costas Takkas, Rafael Esquivel and Jose Maria Marin. Webb hatte sich am Dienstag noch bestens gelaunt beim Treffen seines Kontinentalverbandes CONCACAF gezeigt.

Nach der Festnahme hat die Schweiz mehrere Konten gesperrt. Es handele sich um Bankverbindungen bei Schweizer Geldinstituten, über die mutmaßlich Bestechungsgelder geflossen sind, teilte das Bundesamt für Justiz in Bern am Mittwoch mit. Zudem sei die Beschlagnahme der Kontounterlagen angeordnet worden.

Welche Rolle spielt Sepp Blatter?

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter

Joseph Blatter gehört nicht zu den Beschuldigten. Gegen ihn wird nicht ermittelt. Damit gleichen die Fälle allen anderen Skandalen unter der Regentschaft des FIFA-Chefs. Und wieder stellt sich der Schweizer auch als Opfer da. „Die FIFA ist die Geschädigte“, lautete am Mittwoch das offizielle Statement. Unbeirrt will sich Blatter am Freitag zur Wahl stellen und eine fünfte Amtszeit antreten. Im Aussitzen von Skandalen ist er ein Weltmeister. Dennoch bleibt wieder die Frage, warum der 79-Jährige offensichtlich schwerwiegende kriminelle Vergehen in seiner Organisation nicht registrierte oder - wie in jedem anderen Weltunternehmen - dafür geradesteht. Am Mittwochabend äußerte sich Blatter erstmals selbst zu den Vorfällen, die er als "schwierige Zeit für den Fußball, die Fans und die FIFA bezeichnete."

Welche Auswirkungen haben die Verhaftungen auf die Wahl?

Das ist kaum abzusehen. Der Kongress und die Wahl sollen wie geplant stattfinden. Allein weil zwei Vizepräsidenten aber nicht auf ihrem Platz sitzen werden, kann die Veranstaltung kaum mehr als zu einer gewaltigen Farce werden. Die Wiederwahl eines Präsidenten, aus dessen Führungsriege Personen verhaftet wurden und auf ihre Auslieferung in die USA warten, ist nur sehr, sehr schwer vorstellbar. Aber bei der FIFA ist alles möglich. Blatter hat schon viele Krisen überstanden. Und die afrikanischen Verbände haben dem Schweizer bereits trotz des Skandals ihre Unterstützung zugesagt.

Was sind die Konsequenzen der Affäre?

Der Ruf nach einer grundlegenden Erneuerung des Weltverbandes wird wieder laut erschallen. Aber: Der Kongress findet statt. Die Präsidentschaftswahl findet statt. Die FIFA will ihr Programm einfach durchziehen. Sogar die mit Spannung erwartete Verteilung der WM-Startplätze für 2018 und 2022 am Samstag durch das neue Exekutivkomitee soll wie geplant vorgenommen werden, obwohl in Webb und Figueredo zwei Konföderationspräsidenten entweder fehlen werden oder deren Ruf zumindest massiv beschädigt ist. Die Frage ist, ob sich innerhalb des Weltverbandes nun eine Opposition bilden kann, die an Blatters Thron wirklich rütteln kann und vor allem will.

Video: FIFA-Verhaftungen erschüttern die Fußball-Welt

von Sebastian Dorn/sr, mit Material von dpa und SID

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