1860-Rückkehr ein „Traum“

Schafkopf, Halbe, Rasenmäher? Niederlechner spricht über seinen kuriosen Karriereweg 

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„6 Uhr aufstehen, um 22 Uhr nach Hause kommen – das kenne ich auch noch“: Der gelernte Industriekaufmann Florian Niederlechner.

Vom Industriekaufmann zum Profi-Fußballer: Florian Niederlechner lebt seinen ganz eigenen, durchaus kuriosen Traum. Im Interview spricht der Goalgetter über die Nationalmannschaft, ein Karriere-Ende bei 1860 und Rasenmäher Christian Streich. 

München – Karrieren wie seine werden im Profifußball immer seltener: Florian Niederlechner, 28, arbeitete sich aus der Landesliga in die Bundesliga hoch. Beim SC Freiburg gehört der Ur-Bayer mittlerweile zu den Publikumslieblingen, am Samstag gastiert der FC Bayern im Breisgau. Für Niederlechner als bekennenden Löwen-Fan eine besondere Partie.

Herr Niederlechner, beginnen wir mit einer steilen These: Hätten Sie sich nicht im November 2017 die Kniescheibe gebrochen, wären Sie vom Bundestrainer als Mittelstürmer für das vorläufige WM-Aufgebot nominiert worden.

Das ist schwer zu sagen, da müsste man Joachim Löw fragen. Aber freilich: In der Saison 2016/17 war ich einer der erfolgreicheren deutschen Stürmer. Trotzdem weiß man nicht, wie die vergangene Saison ohne meine Verletzung verlaufen wäre, obwohl ich enorm viel Selbstvertrauen hatte und gut drauf war. Daran möchte ich aber auch nicht denken. In die Vergangenheit schauen, bringt nix.

Ihr Teamkollege Nils Petersen hatte es zumindest bis nach Südtirol geschafft.

Nils hat die Chance vergangene Saison auf alle Fälle richtig gut genutzt. Wenn wir ihn nicht gehabt hätten, wären wir abgestiegen, glaube ich. Er war nicht umsonst in der Torschützenliste auf dem zweiten Platz. Von daher war Nils verdientermaßen im vorläufigen WM-Kader.

Wie schwer war die Zeit nach Ihrem Kniescheibenbruch?

Ich war ab dem Zeitpunkt, als ich aus der Narkose nach der OP aufgewacht bin, positiv. Meine Familie und meine jetzige Frau waren immer für mich da. Meine Mama ist extra eine Woche in Freiburg geblieben, hat für mich gekocht und mir im Alltag geholfen. Ich konnte mir auf Krücken ja nicht mal einen Kaffee an den Tisch bringen. Dann gab es noch meine Freunde und einige Teamkollegen, die mich sehr intensiv unterstützt haben.

Florian Niederlechner: Man darf den Jungs nicht nur Honig um den Mund schmieren

Ihre Einsatzzeiten sind in der bisherigen Rückrunde noch ausbaufähig. Sie wirken stets geduldig. Wie lange noch?

Wir spielen momentan mit einem Stürmer, das ist Nils Petersen als ehemaliger Nationalspieler. Dahinter läuft meistens Luca Waldschmidt auf, ebenfalls Junioren-Nationalspieler und ein Toptalent. Die Konkurrenz ist also groß. Aber nehmen Sie doch mal Nils als Beispiel: Er war zwei Jahre hinter mir, war immer geduldig und gut drauf. Dafür wird er jetzt belohnt. Er schießt seit eineinhalb Jahren seine Tore. Genau darauf warte ich jetzt auch. Freilich bin ich im Training auch mal schlecht drauf. Das gehört aber dazu und ich muss eben auf meine Chance warten. Die Ergebnisse geben dem Trainer in der Stürmerfrage ja auch recht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Nils Petersen?

Wir verstehen uns schon immer gut. Das war auch so, als ich noch die Nase im Sturm vorn hatte. Wir respektieren uns und motivieren uns gegenseitig. Wir gehen oft gemeinsam frühstücken. Eigentlich ist es ja so, dass wir gerne miteinander spielen (schmunzelt). Da ist die Statistik auch nicht so schlecht. Leider spielt unser Trainer momentan lieber mit einem Stürmer und das müssen wir eben akzeptieren.

Sie sprechen den Trainer an. Welchen Anteil hat Christian Streich an Ihrer Entwicklung?

Er hat mich enorm weiter entwickelt. Als ich aus Mainz nach Freiburg gekommen bin, hatte ich ganz wenig Selbstvertrauen. Er hat mich immer stark geredet, mich immer spielen lassen – auch wenn ich mal zwei Partien hintereinander keine gute Leistung gezeigt habe. Dann spielst du plötzlich schöne Doppelpässe, schießt ein Tor – und dann kommt das Selbstvertrauen.

Macht Streich jeden einzelnen Spieler besser?

Ich weiß nicht, ob er jeden Spieler besser macht. Er macht aber sehr viele Spieler besser, vor allem junge Spieler. Wenn da jemand meint, er sei schon eine große Nummer, fährt ihm Christian Streich verbal mit dem Rasenmäher über den Mund.

Inwiefern?

Er sagt demjenigen dann knallhart, dass noch mehr kommen muss – egal, wie viele Leute zuhören. Es ist interessant zu beobachten, wie er auch pädagogisch mit dem Nachwuchs umgeht. Er weiß einfach, worauf es ankommt, er hat ja jahrelang als A-Jugendtrainer gearbeitet. Man darf den Jungs nicht nur Honig um den Mund schmieren, weil die Jugend in der heutigen Zeit ohnehin schon verwöhnt ist. Man muss ja nur schauen, wie viele Nachwuchsspieler er in der Vergangenheit im Profibereich etabliert hat. Wenn das einer kann, dann Christian Streich.

Niederlechner über die Entwicklungen im Profi-Fußball: „Das nimmt komische Züge an“

Sind Sie froh, dass Ihr Weg zum Profi so unkonventionell war? Nicht klassisch über ein NLZ, ein Nachwuchsleistungszentrum, sondern über den Umweg Amateur-Fußball?

Sagen wir es so: Wenn ich in der B- und A-Jugend im NLZ gewesen wäre, wäre ich mit Sicherheit kein Bundesliga-Profi geworden. Gerade im Jahrgang 1990 hat es so viele talentierte Spieler geben, da wäre es in dem großen Haifischbecken schwer gewesen und ich wäre irgendwann durch das Raster gefallen. So wie es gekommen ist, war es im Nachhinein optimal.

Warum?

Ich habe auch etwas anderes gelernt: um sechs Uhr morgens aufstehen und um 22 Uhr abends nach Hause kommen. Damals habe ich noch beim FC Ismaning gespielt und als Industriekaufmann gearbeitet. Man weiß das Privileg, Profifußballer zu sein, so sicherlich mehr zu schätzen. Das Thema Respekt spielt ebenfalls eine Rolle.

Können Sie das näher erläutern?

Wenn dir als junger Kicker ein gestandener Spieler etwas gesagt hat, hast du den Mund gehalten und zugehört – egal, ob in der Landesliga oder Bundesliga. Ich finde, das hat sich mittlerweile geändert. Aber das ist ja kein Wunder: Als 29-Jähriger gilt man als Profifußballer plötzlich als zu alt, obwohl das meiner Meinung nach immer noch das beste Fußballer-Alter ist. Parallel dazu werden die Youngster alle in den Himmel gelobt. Das nimmt komische Züge an. Es ist dann natürlich auch nicht gut für die Persönlichkeit der Jungs, wenn ihnen mit 17, 18 Jahren schon alles abgenommen wird. Aber ich glaube, das ist in Freiburg noch anders als beispielsweise in München oder Dortmund.

Hat Sie der Profifußball nicht verändert?

Ich bin heute noch so wie mit 16 Jahren. Wenn ich daheim bin, gehe ich mit meinen Kumpels Schafkopf spielen, trinke auch mal eine Halbe mit ihnen. Ich glaube, das liegt eben daran, dass ich noch eine andere Generation bin und nie in einer reinen NLZ-Blase gelebt habe.

„Den Löwen noch mal auf der Brust haben, das wäre schon cool“

Welchen Traum hätten Sie als Profi-Fußballer noch?

So ein kleiner Traum war immer die Premier League. Aber dadurch, dass ich im Sommer Vater werde, hat sich die Situation natürlich etwas verändert. Außerdem konzentriere ich mich aktuell nur auf den SC Freiburg, es sind ja noch einige Spiele zu absolvieren. Mal schauen, was meine Zukunft bringt.

Man hat von Ihnen auch schon gehört, dass Sie sich auch eine Rückkehr nach München zum TSV 1860 vorstellen könnten.

Naja, ich bin ja erst sehr spät Bundesliga-Spieler geworden, darum möchte ich noch so lange wie möglich im Oberhaus spielen. Zum Ende meiner Karriere wäre das schon ein Traum. Egal ob 3. oder 2. Liga – den Löwen noch mal auf der Brust haben, das wäre schon cool.

Was rechnen Sie sich am Samstag gegen den FC Bayern aus? Das Hinspiel endete immerhin 1:1.

Das Rückspiel kann man auf gar keinen Fall mit dem Hinspiel vergleichen. Bayern tritt seit einigen Monaten ganz anders auf. Nicht umsonst haben sie Wolfsburg, eine der besten Rückrunden-Mannschaften, 6:0 abgeschossen. Das zeigt: Der FCB ist gut drauf, Niko Kovac macht meiner Meinung nach einen hervorragenden Job. Aber: Die Bayern wissen, was sie in Freiburg erwartet. Darum glaube ich schon, dass sie Respekt vor uns haben und uns absolut ernst nehmen.

Interview: Manuel Bonke

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