Löw fordert: Spanier als Nummer 1 ablösen

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Joachim Löw möchte Spanien als Nummer 1 in Europa ablösen.

Sinsheim - Die Spanier, immer die Spanier ganz oben. Ob mit der Nationalelf oder mit dem FC Barcelona. Bundestrainer Löw will sich damit nicht abfinden und legt die Messlatte für seine Nationalspieler noch höher.

Als Barcelonas überirdisches Spiel im Champions-League-Finale über einen Großbildschirm im Teamhotel "Villa Kennedy" flimmerte, durfte sich Joachim Löw in seinen gestiegenen Ansprüchen bestätigt fühlen. Sein Masterplan steht: Der ehrgeizige Bundestrainer möchte in naher Zukunft die Spanier als europäischen Fußball-Branchenführer ablösen. "Wir wollen in Europa irgendwann auch sportlich die Nummer eins sein", sagte Löw selbstbewusst in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Wie er das schaffen will, hat er auch formuliert: "Ich hänge die Messlatte viel höher als früher."

24 Stunden vor dem Testländerspiel der deutschen Nationalmannschaft am Sonntagabend in Sinsheim gegen Uruguay konnten sich Philipp Lahm und Co. beim TV-Studium des 3:1 des überlegenen FC Barcelona gegen Manchester United kollektiv anschauen, was Löw von ihnen in den kommenden Monaten und Jahren erwartet. "Das ist für meine Spieler nicht immer einfach", betonte Löw in der "Süddeutschen Zeitung" zu seinen neuen Ansprüchen an sein kickendes Elite-Personal.

Die Eckdaten der Bundestrainer-Ära Jogi Löw

30.07.2004: Zum 40. Geburtstag schenkt der DFB Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Verpflichtung seines Favoriten Joachim Löw als Co-Trainer. Die “Schwaben-Connection“ ist perfekt. “Er ist für mich alles andere als ein Hütchenaufsteller“, sagt Klinsmann über Löw. © Getty
12.07.2006: Nach dem Rücktritt des “ausgebrannten“ Klinsmann wird Löw zum Chef der Nationalelf befördert. Der 46-Jährige bekommt einen Zweijahresvertrag und sagt: “Wir wollen Europameister 2008 werden.“ © Getty
16.08.2006: Löws Bundestrainer-Premiere wird in Gelsenkirchen zum rauschenden Fest - 3:0-Sieg beim Test gegen Schweden. © Getty
06.09.2006: Der höchste Sieg in der Amtszeit von Löw: 13:0 gegen Fußball-Zwerg San Marino vor nur 5019 Zuschauern in Serravalle. © Getty
28.03.2007: Erste, unbedeutende Niederlage im 9. Spiel: 0:1 gegen Dänemark beim Debütanten-Ball mit sechs DFB-Neulingen in Duisburg. © Getty
13.10.2007: Schon im viertletzten Qualifikationsspiel löst Löw mit einem 0:0 in Irland das Ticket für die EM 2008. © Getty
16.05.2008: Bei der Nominierung des EM-Kaders auf der Zugspitze sorgt Löw für Paukenschläge. Er bootet im Tor Timo Hildebrand aus, holt dafür René Adler und beruft 26 Akteure. Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes schickt er nach der Vorbereitung nach Hause. © Getty
16.06.2008: Beim 1:0 im Vorrunden-Finale gegen Österreich wird Löw auf die Tribüne verwiesen. Ballacks Freistoß-Tor bejubelt er dort. © Getty
29.06.2008: Geplatzter Titeltraum. Spanien gewinnt durch ein Tor von Torres das EM-Finale in Wien mit 1:0. “Man muss die Qualität der Spanier anerkennen“, erklärt Löw als fairer Verlierer. © Getty
08.08.2009: Löw startet den Umbruch. 40 Tage nach dem verlorenen EM-Finale beendet Torhüter Jens Lehmann seine Länderspiel-Karriere. © Getty
11.10.2008: Deutschland siegt 2:1 im WM-Quali-Gipfel gegen Russland. Reservist Kevin Kuranyi flüchtet zur Halbzeit aus dem Stadion in Dortmund. Am Tag danach verbannt Löw den Schalker aus dem DFB-Team. © Getty
31.10.2008: Löw und Ballack schließen nach einem Streit Frieden. Der Kapitän hatte den Führungsstil des Bundestrainers kritisiert und sich für seinen Kumpel Frings stark gemacht. “Dafür habe ich mich bei Joachim Löw entschuldigt“, sagt Ballack. Der Kapitän darf bleiben. © Getty
10.10.2009: Trotz Platzverweis für Debütant Jérome Boateng gewinnt die DFB-Elf das “Endspiel“ in Moskau gegen Russland dank Klose 1:0. Das WM-Ticket ist gelöst, Löw lobt das “Sieger-Gen“ der Spieler. © Getty
10.11.2009: Der Selbstmord von Torhüter Robert Enke versetzt die Nationalelf in einen Schockzustand. Das geplante Länderspiel gegen Chile in Köln wird abgesagt. “Ich denke, wir hätten Robert nicht von seinem Vorhaben abbringen können“, sagt Löw nach Tagen der Trauer. © Getty
17.12.2009: Auf einer Israel-Reise verkündet DFB-Chef Zwanziger einen Handschlag-Vertrag mit Löw bis zur Europameisterschaft 2012 - selbst der Bundestrainer wird davon überrascht. © Getty
04.02.2010: Der Handschlag-Vertrag ist null und nichtig. Der DFB lehnt Löws und Bierhoffs Forderungen ab. Es kommt zum Zerwürfnis. © Getty
09.02.2010: Eiszeit beendet - in Frankfurt schließen Löw, Zwanziger & Co. WM-Frieden. “Was sind wir Hornochsen“, sagt Generalsekretär Wolfgang Niersbach nach dem schädlichen öffentlichen Streit. © Getty
06.05.2010: Löw beruft 27 Akteure in den vorläufigen WM-Kader und überrascht mit den beiden Länderspiel-Neulingen Badstuber und Aogo. Als dritter Torwart darf nach Adlers Verletzung Jörg Butt mit. © Getty
17.05.2010: Das Ballack-Aus für die WM. “Wir waren geschockt, keine Frage“, sagt Löw. Der Kapitän fällt wegen einer Fußverletzung aus. © Getty
28.05.2010: Löw ernennt Philipp Lahm zum WM-Kapitän und Manuel Neuer zur Nummer 1. Tim Wiese ist der Verlierer im Torhüter-Duell. © Getty
13.06.2010: 4:0 - ein WM-Traumstart gegen Australien. Es folgen ein 0:1 gegen Serbien und ein 1:0 gegen Ghana. Dann die Höhepunkte: Im Achtelfinale 4:1 gegen England, danach 4:0 gegen Argentinien. © Getty
07.07.2010: Löw ist “traurig und enttäuscht“. Wieder ein 0:1 gegen Spanien, im Halbfinale platzt der Traum vom 4. deutschen WM-Titel. © Getty
10.07.2010: Bronzenes Ende: 3:2 im Spiel um Platz 3 gegen Uruguay. © Getty
20.07.2010: Neun Tage nach dem WM-Abpfiff verlängern Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwart-Coach Köpke ihre Verträge. © Getty
03.09.2010: Mit einem 1:0-Sieg in Belgien gelingt der Start in die Qualifikation für die EM 2012. Es folgen drei weitere Siege gegen Aserbaidschan (6:1), Türkei (3:0) und in Kasachstan (3:0). Damit liegt Deutschland als Tabellenführer klar auf EM-Kurs. © Getty
15.03.2011: Der DFB verlängert vorzeitig die Verträge mit Cheftrainer Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwartcoach Köpke vorzeitig um zwei Jahre bis zur WM 2014 in Brasilien. © Getty
11.10.2011: Die deutsche Nationalmannschaft qualifiziert sich unter Bundestrainer Jogi Löw mit zehn Siegen in zehn Spielen für die EM 2012 in Polen und der Ukraine. So etwas hatte zuvor noch kein deutsches Team geschafft. © dpa

Trotz der großen Fortschritte in den vergangenen Jahren sei Deutschland nach Spanien und England derzeit noch die Nummer drei in Europa: "Das ist Fakt", sagte der Bundestrainer. 1996 hat das DFB-Team bei der Europameisterschaft in England den letzten Titel gewonnen - auch die deutschen Clubs konnten schon ein Jahrzehnt lang keinen internationalen Pokal mehr in den Himmel stemmen.

Löw kündigte nun ein noch härteres Auswahlverfahren an, um bei der EM 2012 oder spätestens bei der WM 2014 seine Bundestrainerzeit mit einem Titel krönen zu können. "Ich weiß jetzt, wie gut man sein muss, um die Spanier zu schlagen. Diesen Anspruch werden nicht alle unsere jungen Spieler erfüllen", bemerkte der 51-Jährige und wies damit die junge aufstrebende Generation um die Dortmunder Mats Hummels, Marcel Schmelzer, Sven Bender und Mario Götze darauf hin, dass er nach dem imponierenden Bundesliga-Titel nun weitere Steigerungen verlangt.

"Wir hatten bei der WM Glück, dass junge Spieler wie Neuer, Müller und vor allem Özil durchgestartet sind. Sie haben uns und der ganzen Welt gezeigt, welche Klasse sie haben. Dies müssen andere noch zeigen. Die Messlatte in der Nationalmannschaft liegt höher als in der Bundesliga", verdeutlichte Löw, der seit fünf Jahren als Chef das DFB-Team führt. 2006 WM-Dritter, 2008 EM-Zweiter, 2010 WM-Dritter - nun will Löw mehr als Lobeshymnen für den neuen deutschen Stil.

"Der Bundestrainer hat recht, dass man den Titel angreifen sollte", stimmte Nationalspieler Lukas Podolski den noch höheren Ansprüchen zu: "Wir haben viele junge Spieler, die großes Potenzial haben. Darum beneiden uns viele Länder." Alle seine EM-Kandidaten müssten sich schon mit Beginn der neuen Saison auf die Endrunde in Polen und der Ukraine fokussieren, forderte Löw forsch: "Kurz vor dem Turnier wäre zu spät."

Löw will noch stärker kontrollieren und eingreifen. "Wenn kein Fortschritt zu erkennen ist, dann reagiere ich", kündigte er an. Ein halbes Dutzend seiner Südafrika-Fahrer hat Löw schon aussortiert und durch neue Talente ersetzt. Andere bekommen klare Vorgaben. So erklärte Löw dem zuletzt oft verletzten HSV-Profi Marcell Jansen: "Du musst jetzt im Sommer ganz konsequent was für deine Fitness tun und dann eine Saison in Hamburg professionell durchziehen - oder wir müssen auf dich verzichten." Gemeinsam mit Jérome Boateng (nach Knie-Operation) wird Jansen statt Urlaub nun im Juni ein Aufbauprogramm bei DFB-Partner Athletes Performance in den USA absolvieren.

"Wir hatten noch nie die Auswahl von zehn bis zwölf überdurchschnittlich begabten Spielern. Aber wer kommt davon in die internationale Spitze? Dieser Weg ist steinig und relativ lang", bemerkte der Bundestrainer.

"Die jungen Spieler haben noch wenig Erfahrung auf internationalem Weltklasseniveau", gestand André Schürrle, einer der Shootingstars der abgelaufenen Bundesligasaison. Doch die Weltklasse eines Xavi, Iniesta oder Villa soll für den Neu-Leverkusener und seine Kollegen in Zukunft der Maßstab sein - für Joachim Löw und seine Spieler eine überaus anspruchsvolle Aufgabe.

Von Jens Mende und Klaus Bergmann, dpa  

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