DFB-Elf trifft auf Weltmeister

Frankreich-Legende Barthez: Eine DFB-Qualität bringt ihn sofort ins Schwärmen

EURO 2004 Gruppe B Kroatien - Frankreich: Torhüter Fabien Barthez.
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Frankreichs Torhüter-Ikone Fabien Barthez ist zuversichtlich: An Frankreich führt bei der EM kein Weg vorbei.

Deutschland muss sich im ersten EM-Spiel gegen den Weltmeister beweisen. Torhüter-Legende Fabian Barthez sieht im tz-Interview kaum Schwächen bei Frankreich.

München - Als Frankreich 1998 Welt- und 2000 Europameister wurde, war Fabien Barthez – neben Zinedine Zidane, Thierry Henry und Bixente Lizarazu – einer der großen Heden der Équipe tricolore. Nach seiner letzten Station beim FC Nantes beendete er 2007 seine Karriere. Seitdem wohnt der ehemalige Torwart von Manchester United (2000 – 2003) in der Nähe von Toulouse und verbringt viel Zeit mit seiner größten Leidenschaft: Rennen fahren, wie etwa 2015 bei den 24 Stunden von Le Mans. Ansonsten schaut er sich unregelmäßig Fußballspiele an, freut sich aber sehr auf die EM. Im tz-Interview spricht er über das Duell der Franzosen gegen Deutschland, erklärt, warum Didier ­Deschamps der ideale Nationaltrainer für Frankreich ist, und verrät seinen EM-Favoriten.

Monsieur Barthez, was erwarten Sie von der EM?
Barthez: Ich bin auf dieses Turnier sehr gespannt, vor allem in dieser Pandemie-Zeit. Wie fit werden die Mannschaften sein? Man hat ja zum Beispiel bei den Positivfällen in der spanischen und schwedischen Nationalmannschaft gesehen, dass die Vorbereitung auf diese EM erheblich erschwert werden kann. Die meisten Beobachter und Experten sehen Frankreich als Top-Favoriten. Ich sehe es ähnlich, auch wenn es weitere Nationen gibt, die über großes Potenzial verfügen. Dabei denke ich an England, das gespickt ist mit zahlreiche Talenten, vor allem im Offensiv-Bereich. Auch Belgien, Portugal, Italien und Deutschland werden ein Wort um den Pokal mitreden.
Die Tricolore startet gegen die DFB-Elf.
Barthez: Es ist schon ein komisches Gefühl, dass die letzten zwei Weltmeister gleich bei ihrem ersten Spiel im Turnier aufeinandertreffen. Umso spannender wird dieser Knaller. Alle Spieler kennen sich aus der Champions League, aber auch, weil viele französische und deutsche Nationalspieler beim FC Bayern unter Vertrag stehen. Es wird ein taktisch geprägtes Spiel. Stand heute scheinen die Franzosen in besserer Form zu sein, sie strotzen vor Selbstbewusstsein, aber die Deutschen wollen gerade vor heimischer Kulisse die Erwartungen erfüllen. Auch, um sich nach dem schnellen Aus bei der letzten WM zu rehabilitieren und ihrem Bundestrainer einen würdigen Abschied zu bereiten. Ich erwarte eine ausgeglichene Partie. 
Welchen Eindruck haben die Franzosen von der deutschen Elf?
Barthez: Die Deutschen sind ja seit mehreren Jahrzehnten als Turnier-Mannschaft bekannt. Sie haben stets die Gabe, sich auf solche Turniere zu fokussieren und auf den Punkt sowohl fit als auch mental stark zu sein. Natürlich gab es das frühe Aus bei der WM in Russland, aber wenn man einen Blick auf die Geschichte wirft, kam die DFB-Elf nur selten nicht mindestens ins Halbfinale. Diese Konstanz auf höchsten Niveau ist beeindruckend, und zwar von einer Generation zur nächsten. Dass der Nationaltrainer seit so vielen Jahren derselbe ist, spricht auch für Kontinuität und Konstanz.  
Wo liegen Frankreichs Stärken?
Barthez: Ich freue mich insbesondere auf das Offensiv-Trio mit Mbappé, Benzema und Griezmann, das extrem viel verspricht. Auf der Bank hält ­Deschamps noch einige Top-Waffen parat, die jederzeit für den Unterschied sorgen können wie Olivier Giroud, Marcus Thuram oder Kingsley Coman. Auch Ousmane Dembélé kann durch seine Geschwindigkeit, seine Dribblings und sein Tempo für viel Wirbel im gegnerischen Sechzehner sorgen. Ihre Unberechenbarkeit macht diese Mannschaft wahnsinnig gefährlich. Sie kann sich auch jederzeit dem Gegner anpassen und mitten im Spiel ihr System ändern.
Gibt es auch Schwächen?
Barthez: Die werde ich Ihnen sicherlich nicht verraten (lacht). Ernsthaft: Vom Potenzial her kann sich diese top-besetzte Mannschaft nur selbst schlagen. Auf jeder Position sind die Bleus weltklasse besetzt, das ist Fakt. In der Vergangenheit wurde Frankreich vor wichtigen Turnieren oft gelobt und als absoluter Top-Favorit angesehen, doch dann gab es Blamagen wie etwa bei der WM 2002. Es kann natürlich jederzeit der Fall eintreten, dass die Tricolore ihren Gegner unterschätzt – mit ­Deschamps auf der Bank, der für Bescheidenheit, Respekt und Besonnenheit steht, ist die Gefahr aber gering.
Was macht Deschamps besonders?
Barthez: Wie Joachim Löw schreibt er Geschichte. Er hat in den vergangenen Jahren für Kontinuität gesorgt und eine erfolgshungrige Mannschaft geformt. Von Turnier zu Turnier hat sich Frankreich gesteigert. Bei der WM 2014 ist man im Viertelfinale an der DFB-Elf verdient gescheitert, da war man noch nicht reif genug. Deschamps hat daraus die richtigen Lehren gezogen, sodass die Revanche 2016 im EM-Halbfinale gelang und zwei Jahre der verdiente WM-Titel folgte. Trotz des Triumphes sorgt Didier immer wieder für Ruhe und hält seine Spieler auf dem Boden. So war er bereits als Spieler. Er hat sich nicht verändert.

Das Interview führte Alexis Menuge.

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