1. tz
  2. Sport
  3. Fußball

Klartext der Bundestrainerin vor Frauen-EM 2022: „Deutschland ist einfach kein Sportland“

Erstellt:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg (oben) will ihre Mädels bei der EM in England jubeln sehen
Die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg (oben) will ihre Mädels bei der EM in England jubeln sehen. © Boris Roessler/dpa

Vor der Frauen-EM 2022 spricht Bundestrainerin Voss-Tecklenburg über Titelchancen, Deutschlands großes Problem im Sportbereich sowie Liebesbeziehungen in der Öffentlichkeit.

Kommenden Mittwoch geht die Frauen-EM 2022 in die Vollen. Als Titelaspirantin natürlich mit von der Partie: die deutsche Nationalelf! Im tz-Interview spricht Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg über Geld, Vorurteile und verrät, was sich Deutschland von anderen Nationen abschauen kann.

Frau Voss-Tecklenburg, seit dem ersten EM-Titel 1989 war Deutschland im Frauenfußball so viel besser als andere Nationen, wurde bis 2013 acht Mal Europameister. Warum?

Voss-Tecklenburg: Wir sind in einer Welt groß geworden, in der wir nur mit den Jungs unterwegs waren, uns durchsetzen mussten, und wo wir eine andere Überzeugung in uns getragen haben. Ich habe mich mit Birgit Prinz über das Thema noch mal unterhalten: Wenn eine von uns mal draußen gesessen hat, kamen wir mit einem Selbstverständnis auf den Platz, dass wir das Spiel verändern. Wir hatten mit Gero Bisanz einen überragenden Trainer und eine hohe Identifikation mitgebracht. Wir hatten amateurhafte Strukturen, aber im Herzen waren wir Topprofis! Ich habe überall geschaut, wo kann ich mich verbessern. Dafür habe ich beim MSV Duisburg mittrainiert und meinen Arbeitgeber so gewählt, dass ich möglichst viel Fußball spielen kann – mit dem Wissen, dass ich damit aber kein Geld verdiene, aber es war meine Leidenschaft. Deutschland ist eben eine Fußball-Nation, und das ist geschlechterunabhängig gewesen.

Frauen-EM 2022: Bundestrainerin über den sportlichen Niedergang Deutschlands

Können Sie das bei Ihren Spielerinnen verankern?

Voss-Tecklenburg: Wir wollen ja nicht immer von früher reden, aber wir können versuchen, an diesen Themen zu arbeiten. Ich glaube ja immer noch, dass auch wir eine richtig gute Mannschaft bei der EM (TV-Zeitplan, d. Red.) sein werden, wenn unsere Spielerinnen eine innere Überzeugung von ihrer Leistungsfähigkeit besitzen. Da sind uns andere Nationen vielleicht ein bisschen voraus.

Warum?

Voss-Tecklenburg: Das hat mit unserer Ausbildung im Fußball zu tun. Vieles ist sehr strukturiert, auch sehr kaserniert. Es ist wenig kreativ, dafür sehr gleichförmig geworden – auch in unserer Gesellschaft. Typen, die ausbrechen, sind selten geworden. Es geht meist darum, keine Fehler zu machen, keine Schwäche zu zeigen – und am besten auch keine schlechten Noten zu schreiben. Dazu kommt: Wir sind einfach kein Sportland! Wir haben keine Sportkultur wie Island. Ein kleines Land, aber der Sport spielt überall eine wichtige Rolle.

Hierzulande nicht?

Voss-Tecklenburg: Ich habe mit unserem DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf kürzlich darüber gesprochen, dass der Sport politisch nicht optimal vertreten ist. Wir sind in der Schule die Ersten, die beim Sportunterricht kürzen. Hallenbäder werden geschlossen, Turnhallen für andere Dinge benötigt, in der Corona-Krise waren Sporteinrichtungen monatelang geschlossen. Die Kinder werden immer übergewichtiger, obwohl erwiesen ist, dass Aktivität auch das Lernvermögen steigert. Auf dieser Grundebene ist Deutschland für mich kein Sportland mehr. Das macht es schwer. Übrigens auch bei der Wertschätzung von denjenigen, die Sporttreiben zu ihrem Beruf gemacht haben. Da sind die Niederlande für mich ein klassisches Beispiel: Dort gehen die Menschen zum Fußball, zum Eisschnelllauf, zum Radrennen und feiern sich, aber auch den Sport. Das ist für mich auch eine Ursache für den Talentemangel in Deutschland.

Frauenfußball, Prämien und Homoehen: „Man muss nicht alles nach außen tragen“

Was halten Sie von den Verbänden, die Prämien für Frauen und Männer angleichen?

Voss-Tecklenburg: Man kann darüber nachdenken, irgendwann die Prämien für die Nationalmannschaften der Männer, der Frauen und die U21 anzugleichen, weil diese drei Teams vorneweg marschieren. Aber es nicht möglich, dass die Frauen für einen Titel 400.000 Euro bekommen. Das kann sich kein Verband in Europa leisten, so lange der Männer-Fußball die Sportart Nummer eins ist, die alles andere überstrahlt. Generell spüre ich ja, dass Frauen und Männer auch in unserem Verband immer mehr zusammenwachsen.

Ihre Kapitänin Svenja Huth redet wie selbstverständlich davon, dass sie den Urlaub bis zum Trainingslager genutzt hat, ihre Lebensgefährtin zu heiraten. Es wäre im Gegenzug kaum denkbar, dass so etwas von einem Männer-Nationalspieler käme.

Voss-Tecklenburg: Die Männer sagen doch auch, wenn sie heiraten! (lacht laut.)

Sie wissen ja, was gemeint ist.

Voss-Tecklenburg: Ich hoffe, dass wir ein Vorbild für Diversität sind! Bei uns werden viele gesellschaftlich relevante Themen mit großer Offenheit gelebt. Diesen werteorientierten Umgang miteinander haben sich die Spielerinnen selbst erarbeitet. Letztlich muss jede selbst entscheiden, ob sie so etwas wie eine sexuelle Orientierung oder eine gleichgeschlechtliche Heirat öffentlich macht. Der Umgang mit solchen Themen ist bei uns viel, viel offener und vielleicht auch mit einem größeren Selbstbewusstsein versehen. Ich find’s toll, wenn man sich in seiner Lebensbeziehung nicht verstecken will, aber man muss auch nicht alles nach außen tragen.

Frauen-EM 2022: Deutschlands Kader bei der Europameisterschaft im Überblick


Interview: Frank Hellmann

Auch interessant

Kommentare