DFB-Frau im Merkur-Interview

Leupolz: „Mit diesem Team ist eine Ära möglich“

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„Wir sind stärker als beim EM-Sieg vor zwei Jahren“: Melanie Leupolz.

Montréal - Die 21-jährige Melanie Leupolz (FC Bayern) steht für eine neue Generation im deutschen Frauenfußball. Mit dem Merkur spricht sie über die Zukunft des Frauenfußballs, das Duell mit den USA, beflügelnde TV-Quoten und Grillparties.

Am Tag nach dem Halbfinal-Einzug standen für die deutschen Frauen Erholung und Genießen im Vordergrund. Melanie Leupolz nahm sich dennoch im „Allianz bloghaus“ Zeit für ein Interview mit unserer Zeitung. „Die USA wird es schwer haben, uns zu schlagen“, so die Münchnerin.

Melanie Leupolz, Hand aufs Herz: Wie ausufernd war die Feier nach dem großen Coup über Frankreich?

Ach, halb so wild. Wir wissen ja, dass wir am Dienstag mit den USA schon die nächste schwere Aufgabe vor uns haben. Außerdem muss ich ehrlich sagen, dass wir alle sehr müde waren. Das Spiel war anstrengend. Natürlich haben wir uns riesig gefreut, Frankreich war ja nicht irgendein Gegner, sondern einer der Top-Favoriten. Wir saßen alle zusammen auf einem Zimmer, haben Musik gehört, über das Spiel, aber auch andere Sachen geredet – und bis Mitternacht gewartet, weil dann Celia (Sasic/d.Red.) Geburtstag hatte. Danach sind aber alle ins Bett gefallen.

Man tut sich oft schwer mit der Einordnung, ob eine Partie nun die beste seines Lebens war. War das Duell mit Frankreich die intensivste Ihrer bisherigen Karriere?

Es war sehr intensiv, vermutlich das intensivste. Die erste Halbzeit hat viel Kraft gekostet, da sind wir zu viel hinterhergerannt und hatten selbst keine Möglichkeiten auf ein Tor. Zur Pause hatten wir uns viel vorgenommen, dann aber war das 0:1 gleich ein Dämpfer. Plötzlich kam trotzdem so ein Ruck, und wir haben gemerkt: Wenn wir zusammenarbeiten, können wir uns wehren. Dass wir ein Team sind, ist bei uns nicht nur eine Floskel. Im Verlauf der zweiten Hälfte habe ich, haben wir alle gespürt: Wir sind jetzt dran! Und am Ende hat sich jeder Schritt gelohnt.

Was ist jetzt noch drin mit diesem Team?

Wir haben Frankreich geschlagen, das war eine der stärksten Nationen in dem Turnier. Jetzt treten wir gegen die USA an, das wird nicht deutlich leichter, aber wenn wir die Einstellung aus der zweiten Halbzeit und der Verlängerung mit ins Halbfinale nehmen, werden sie es sehr schwer haben, uns zu schlagen. Wir wollen unseren Titeltraum wahr werden lassen. So kurz vor dem Finale ist das Endspiel das klare Ziel, alles andere wäre verkehrt. Und wenn man als deutsche Nationalelf um den Titel spielt, will man ihn auch gewinnen.

Celia Sasic sagte mal, sie spüre eigentlich gar keinen Druck, eher habe sie Luftballons unter den Füßen. Beflügelt dieser Sieg über Frankreich noch einmal?

Das mit den Luftballons ist schön – ja, dieser Sieg beflügelt uns nochmal. Schon durch die feststehende Olympia-Qualifikation fiel der erste Druck ab. Besteht man gegen Teams wie Frankreich, fühlt man, man kann hoch hinaus kommen.

Sie sind 21, wurden bereits vor zwei Jahren Europameisterin, heuer Deutscher Meister und stehen im WM-Halbfinale – müssen Sie sich ab und zu kneifen?

Um ehrlich zu sein, ja, ab und zu. Die Saison mit Bayern war überragend. Ich muss sagen, all diese Erfolge wecken die Lust auf mehr, auf mehr Titel.

Diese DFB-Auswahl durchlief während und nach der EM einen Verjüngungsprozess – die Chancen stehen gut, dass sie länger eine große Rolle spielen kann.

Mit dieser Mannschaft ist eine Ära möglich. Wir haben alle noch die Zukunft vor uns. Und wenn ich sehe, was nach uns heranwächst, denke ich, dass man sich um den deutschen Frauenfußball in den nächsten Jahren nicht sorgen muss.

Stehen Sie bereits für eine neue Generation Frauenfußballerinnen? Sie wurden bereits seit der U 15 gezielt geschult, und neben Ihnen reifen weitere ausgebildete Sportlerinnen heran.

Der deutsche Frauenfußball hat sich enorm entwickelt, die Leute müssen da nur mal hinschauen. Und er wird sich noch steigern. Ich bin jetzt eine Generation, die alles intensiv erlebt und versucht, den Prozess mitanzutreiben.

Ihre Einschaltquoten sind höher als die der männlichen U 21, die inzwischen bei der EM ausgeschieden ist. Was bekommen Sie aus Deutschland mit, und wie wichtig sind Ihnen solche Nachrichten, dass das Interesse doch sehr groß ist?

Man liest ein bisschen was, man bekommt es von Freunden und der Familie erzählt, was zuhause so los ist. Die Quoten sprechen für sich, und wir finden es natürlich schön, dass so viel Interesse besteht. Wenn man sowas hört, macht es gleich noch mehr Spaß, das motiviert einen noch mehr.

Bekommen Sie auch Nachrichten vom FC Bayern?

Naja, unser Trainer Thomas Wörle musste vorsichtig sein, weil von uns viele Spielerinnen für verschiedene Nationen am Start waren. Da durfte er nicht parteiisch wirken. Jetzt ist nur noch Mana Iwabuchi mit Japan im Rennen. Klar kommen Glückwünsche, hauptsächlich aber fragt unser Trainer gleich nach, wenn er mitbekommt, dass eine von seinen Spielerinnen angeschlagen ist . . .

. . . dann wird er sich bei Ihnen gleich im ersten Spiel gemeldet haben, als Sie schon nach 15 Minuten verletzt vom Feld mussten.

Ja, das stimmt. Ich war kaum im Hotel, da blinkte schon die Nachricht auf dem Handy: „Was ist los?“ Ich hatte ziemlich große Schmerzen, und der Schock war groß, aber die Ärzte waren von Anfang an zuversichtlich, dass es schnell wieder heilt. So kam es ja auch.

Auf Mana Iwabuchi könnten Sie frühestens im Finale treffen. Gegen Japan ist nach dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-WM 2011 eine Rechnung offen . . .

Ach, Rechnung, so ein Wort mag ich nicht. Doch es wäre cool, gegen den Weltmeister im Finale zu spielen. Jetzt geht es aber erst mal gegen die USA. Wir werden nicht den Fehler machen und den zweiten vor den ersten Schritt ansetzen. Wenn wir aber nach Frankreich auch noch die USA ausschalten, können wir stolz sein – der Weg ins Finale hätte für uns nicht härter sein können.

Insgesamt wurde über diese WM gesagt, sie würde die härteste der Geschichte. Wie fühlt sie sich denn an?

Es ist nicht gerade gemütlich: Die Reisestrapazen, das Achtelfinale als neu eingeführte Runde, mehr Teams, mehr Favoriten, mehr Mannschaften, die vermeintlichen Favoriten ein Bein stellen können. Dazu ist das Spiel auf Kunstrasen ungewohnt, und wir haben jetzt gegen Frankreich in einer Halle gespielt, da muss man auch erst mal klarkommen. Wenn ich das Turnier insgesamt so ein bisschen Revue passieren lasse, muss ich sagen, dass das Niveau schon hoch ist. Und auch die sogenannten Kleinen haben gezeigt, dass die Qualität im Frauenfußball stetig steigt. Wenn ich da nur an Kolumbiens 2:0 gegen Frankreich zum Beispiel denke. Es ist alles enger zusammengerückt.

Ausnahmeerscheinungen prägen so ein Turnier natürlich dennoch wie eh und je. Sagen Sie doch bitte ein paar Worte über Nadine Angerer, die nicht zuletzt mit ihrem gehaltenen Elfmeter gegen Frankreich erneut eine Schlüsselrolle hat.

Natze ist ein Phänomen. Sie ist unsere Kapitänin, geht immer voran und ist in wichtigen Situation verlässlich da. Hellwach. Das ist einfach stark. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie es sein wird, wenn sie nach der WM aufhört.

Ist diese deutsche Mannschaft stärker als beim EM-Sieg vor zwei Jahren?

Der Kader hat sich kaum verändert, wir haben noch einmal zwei Jahre Entwicklung hinter uns, sind gewachsen. Ja, wir sind stärker als beim EM-Sieg.

Nach der Meisterschaft mit dem FC Bayern haben Sie in Ihrer Heimat im Garten eine Grillparty für die Jungs geschmissen, mit denen Sie zu Beginn Ihrer Karriere gekickt haben. Was lassen die von sich hören – steht da bei einem WM-Sieg die nächste Einladung aus?

Ja, sie verfolgen die WM sehr genau und machen gerne Witze, dass ich eh alles nur von ihnen gelernt habe (lacht). Wenn wir Weltmeister werden, wird der Grill wieder angeschmissen. Das ist hiermit ein Versprechen. Die Einladung steht.

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