Naturschutz-Standards nicht eingehalten

WM 2014: Umwelthilfe schlägt Alarm

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FIFA-Chef Blatter vor der Karte mit den Spielorten. Auch in Manaus soll das Turnier stattfinden.

München - Die Fußballwelt fiebert dem Start der WM am Zuckerhut entgegen. Doch der deutschen Umwelthilfe kommt vor dem Turnier der Aspekt das Umweltschutzes zu kurz. Ein Interview mit Thomas Fischer:

Herr Fischer, die deutsche Umwelthilfe hat zuletzt angemahnt, dass in deutschen Fußballstadien nach wie vor Einwegbecher zum Einsatz kommen. Ohne Ihre Bemühungen in diese Richtung belächeln zu wollen – aber was kann und muss man dann erst für die WM in Brasilien als Umweltsünden bemängeln?

Fischer: Die Weltmeisterschaft in Brasilien findet unter anderen Voraussetzungen als in Europa statt. In Brasilien musste viel in den Aufbau oder den Ausbau der Infrastruktur für einen reibungslosen Ablauf des Fußball-Events investiert werden. Natürlich muss Umweltschutz dabei eine zentrale Rolle spielen. In den Bereichen Naturschutz, Energie, Abfall, Mobilität, Wasser oder Catering muss viel getan werden. Was man aber sieht: Bei dieser WM stehen andere Dinge im Fokus, beispielsweise soziale Konflikte oder das Thema Sicherheit. Es wird bislang zu wenig über Umweltaspekte gesprochen. Das war bei vorangegangenen Weltmeisterschaften anders. Der von der FIFA veröffentlichte Legacy Report zum Abschluss der Frauen-Fußballweltmeisterschaft 2011 in Deutschland setzte weltweite Standards.

Welche waren das konkret? 

Fischer: Die FIFA veröffentlichte bereits vor einigen Jahren das Green-Goal-Konzept. Dahinter stehen verschiedene Schlüsselindikatoren, um die Umweltauswirkungen von großen Sportveranstaltungen möglichst gering zu halten. Dabei ging es um das Einsparen von Energie und Wasser, den Einsatz erneuerbarer Energien, die Vermeidung von Abfällen, klimafreundliche Nahverkehrsmittel und um Biolebensmittel im Cateringbereich. Diese Punkte sollten auch in Brasilien eine Rolle spielen.

Tun sie das denn nicht – abseits der allgemeinen Aufmerksamkeit? 

Thomas Fischer von der deutschen Umwelthilfe.

Fischer: Nehmen wir den Vergleich zur WM der Männer 2006 oder der Frauen 2011 in Deutschland, wo der Umweltschutz eines der zentralenThemen war, und bleiben wir beim eingangs erwähnten Beispiel. Hier in Deutschland galt ganz verbindlich, dass man Getränke in Mehrwegbecher ausschenkt, um Ressourcen zu schonen und Abfälle zu vermeiden. Das war ein zentraler Punkt im FIFA-Konzept für Umweltschutz und sollte weltweit ein klares Signal setzen! In Brasilien war nun von Beginn an klar, dass man diese Maßgabe nicht einhalten kann. Zu groß seien die Unterschiede in der Infrastruktur, heißt es. Ein klarer Rückschritt, und dies ist nur ein kleiner Ausschnitt! Was passiert beim Thema Energie, Wasserverbrauch oder bei der Mobilität? Die FIFA hat bereits durchscheinen lassen, dass es auch da Verbesserungsbedarf gibt.

Die FIFA verspricht im Anschluss an die WM Wiederaufforstung, Investitionen in Windanlagen und Wasserkraftwerke. Wird man damit die Belastung durch so ein Turnier ausgleichen können? 

Fischer: Das ist immer schwierig einzuschätzen. Denken Sie nur an die Belastung durch den Flugverkehr, den diese WM mit sich bringt. Das ist enorm! Klar ist: Die Veranstaltung an sich ist nicht umweltfreundlich. Dazu sind die Dimensionen viel zu groß. Es geht vor allem darum, den Schaden für die Umwelt so gering wie möglich zu halten.

Bei den Dimensionen spielen Sie auf die Investitionen in die Infrastruktur an. In Manaus wurde ein Stadion für 224 Millionen Euro gebaut – mitten im Dschungel. 

Fischer: Das muss man hinterfragen, ganz klar. Naturnahe und besonders abgelegene Orte für Spielstätten zu nutzen ist ineffizient und umweltunfreundlich. Die Nutzung vorhandener Spielstätten an der gut ausgebauten und erreichbaren Ostküste wäre der sinnvollere Weg.

Man behauptet gern, so ein Turnier gibt dem Land einen Schub. Sei es für die Wirtschaft, sei es für das kollektive Selbstbewusstsein. Ist diese Formel auch auf den Umweltsektor übertragbar? 

Fischer: Wenn es so wäre, dass die FIFA ihr Green-Goal-Konzept intensiv mit den Brasilianern diskutiert und das personell betreut, dann wäre das denkbar. Man muss versuchen, die aufgestellten Leitlinien über den Fußball und dieses Turnier hinweg zu transportieren. Das wurde nach der WM 2006 auch in Deutschland versucht.

Mit Erfolg aus heutiger Sicht? 

Fischer: Um bei unserem Beispiel zu bleiben: In der Hälfte aller Stadien sattelte man nach der WM wieder auf Einwegbecher um. Das ist der falsche Weg. Man sollte die Ansprüche, die man an die Veranstaltung hat, auch auf die Zeit danach übertragen.

Das Fiasko hinter Fuleco

In ein paar Tagen schaut die ganze Welt nach Brasilien. Auf Neymar, Messi, Ronaldo. Und auf Fuleco. Dieses possierliche Gürteltier soll gute Laune versprühen. Vielleicht werden seine Betrachter auch kurz daran denken, was der Name dieses Maskottchens noch ausdrückt. Er steht für eine Kombination aus den portugiesischen Wörtern für „Fußball” (futebol) und „Ökologie” (ecologia). Ursprünglich hatten die WM-Planer Nachhaltigkeit und Umweltschutz als Begleiter des Turniers angedacht. Der grüne Gedanke, gerade im ­artenreichen Brasilien mit seiner tropischen Zone, dem langen Küstenstreifen, aber auch den gefährlichen grauen Metropolen wie Sao Paulo oder Rio – es erschien logisch, den Umweltschutz in den Vordergrund zu stellen.

Gute-Laune-Tier Fuleco vor Kindern – ob hier auch über Umweltprobleme gesprochen wurde?

Mittlerweile wissen wir, dass er von dort vorn verdrängt wurde. Die Ausschreitungen vor den Stadien machen klar: Soziale Ungerechtigkeit ist das Thema, versickerte Gelder, Perspektivlosigkeit nach dem Finale. Und die Umwelt? Die hat es nicht leicht – gerade durch diese Weltmeisterschaft! Laut Angaben der FIFA werden rund 2,72 Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid produziert, so viel wie sonst etwa zusammen 560 000 Autos pro Jahr ausstoßen. Fans müssen zunächst nach Südamerika fliegen – und im fünftgrößten Land der Erde von Spielort zu Spielort. Selbst die Distanz von 400 Kilometern zwischen Sao Paulo und Rio de Janeiro, im Vergleich zu anderen Entfernungen diverser Großstädte im Lande minimal, ist nur per Flug in einer vernünftigen Zeit zurückzulegen. Am Boden staut sich unter einer Dunstwolke Blech an Blech. Der Fußballweltverband hat diese Umstände auf dem Schirm und verspricht die Emissionen wieder aufwiegen zu wollen. Der gute Wille…

Wie aber passt das zusammen, wenn man ein Stadion in den Dschungel baut, mehr als zehn Mal so weit von Rio entfernt wie Sao Paulo? In Manaus hat man offiziellen Stellen zufolge fast 230 Millionen Euro für eine Arena ausgegeben, die nach dem Turnier nie auch nur annähernd mit den 44 500 Zuschauern gefüllt sein wird, die hineinpassen. São Raimundo Esporte spielt in der dritten brasilianischen Liga! Bei der WM werden vier Spiele dort ausgetragen. Eine Arena für vier Spiele?

Die FIFA will den Fußball überall hinbringen, auch in den Tropenwald. Soweit, so gut gemeint. Der Verband verspricht Wiederaufforstung und Investitionen in Windanlagen und Wasserkraftwerke. „Ich glaube das alles nicht“, sagt Umweltaktivist Dener Giovanini der Wirtschaftswoche. „Die Aussagen und Anstrengungen der FIFA sind nur ein Feigenblatt. Die WM bringt keinen effektiven Nutzen für die Umwelt.“ Seit Fuleco das erste Mal gegen den Ball trat, sind fragwürdige Entscheidungen getroffen oder vollzogen worden. Vielleicht ist es für die Veranstalter gar nicht so schlecht, dass ihr Gedanke von der grünen WM in den Hintergrund gerückt ist. So grün ist sie nicht.

Michael Knippenkötter

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