So tickt der Deutschland-Gegner Slowakei

Berater: "Ich hätte Hamsik gerne zum FC Bayern geholt"

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Marek Hamsik: Einem Wechsel zum FC Bayern steht vor allem sein eigener Wille im Weg.

München - Deutschlands Gegner im Achtelfinale der EM 2016 hat mehr gute Spiele als nur Marek Hamsik. Im Interview verrät ein Berater, wie die Slowakei tickt.

Peter Hammer ist Besitzer eines Autohauses im fränkischen Röthenbach – er ist auch Spielerberater, kennt die halbe slowakische Mannschaft und hat für viele, die gegen Deutschland auflaufen, Verträge ausgehandelt. Die tz sprach mit ihm.

Herr Hammer, wahrscheinlich werden am Sonntag zwei Herzen in Ihrer Brust schlagen…

Peter Hammer: (lacht) Das ist eine schwierige Situation. Ansonsten bin ich ja Fan der deutschen Nationalmannschaft. Aber in diesem Fall – über ein gutes Ergebnis der Slowakei würde ich mich sehr freuen.

Autohändler und Berater – ungewöhnlich…

Peter Hammer

Hammer: Da sind ein paar Dinge zusammengekommen. Ein entscheidender Punkt war, dass Wolfgang Wolf, der damalige Nürnberg-Trainer, im Haus meiner Eltern gewohnt hat. Ich war geschäftlich viel in der Slowakei unterwegs und hab mir häufig Spiele der slowakischen Liga im Fernsehen angeschaut. Und dabei ist mir der Marek Mintal aufgefallen. Als Wolfgang Wolf ein neues Auto gebraucht hat, sagte er zu mir im Spaß: In der Slowakei muss es doch nicht nur günstige Autos, sondern auch billige Fußballer geben. Ich habe ihn gefragt, nach was er suche. Einen torgefährlichen Mittelfeldspieler und einen Stürmer. Ich weiß jemanden, der beides ist, hab ich gesagt. Wolf hat Marek Mintal beobachten lassen und war von dessen Qualitäten schnell überzeugt. So ist das Ganze ins Rollen gekommen.

Auch bei den Transfers des slowakischen Superstars Marek Hamsik waren Sie als Strippenzieher beteiligt.

Hammer: Hamsik ist ein absoluter Musterprofi, der seit Jahren eine konstant herausragende Leistung zeigt. Er ist auf dem Platz eine richtige Waffe. Ich hätte ihn ja wahnsinnig gerne zum FC Bayern geholt. Aber Marek fühlt sich in Neapel einfach unwahrscheinlich wohl. Der ist dort ein kleiner Gott und geht da nicht weg, auch wenn noch so gute Angebote von europäischen Top-Klubs kommen. Für Slowaken ist der Wohlfühlfaktor sehr wichtig. Kroaten beispielsweise sind da abgezockter.

Deutschland-Gegner Slowakei: "In der Mannschaft steckt viel mehr"

Die EM ist vor allem für die unbekannteren Spieler in den Reihen der Slowaken eine wichtige Bühne.

Hammer: Auf jeden Fall. Sie haben nicht viele Möglichkeiten, um sich zu präsentieren. Die EM-Quali war schon wichtig. Und da haben die Slowaken immerhin Spanien geschlagen. Das hat viele aufhorchen lassen. Inzwischen kommen an die 100 Scouts zu Spielen der Nationalmannschaft. Und auch bei den Liga-Spielen tauchen Beobachter von Klubs aus den europäischen Top-Ligen auf.

Ihr Urteil über die bisherige Leistung des deutschen Achtelfinalgegners in der Gruppenphase?

Hammer: Das war ordentlich, mehr aber auch nicht. Gegen England hat man sich ohne Not hintenreindrängen lassen. In der Mannschaft steckt viel mehr. Da spielen lauter richtig gute Kicker, die der deutschen Elf echte Schwierigkeiten bereiten können. Nur müssen sie eben ihr Potenzial abrufen. Zum Beispiel Robert Mak. Der legt einen Sprint hin, wie ich ihn bei der EM noch nicht gesehen habe – aber bei einer Defensivaktion. Warum hat er das noch nicht bei Kontersituationen gezeigt? Mit seinen Fähigkeiten könnten Robbie bei einem internationalen Top-Klub spielen. Aber er zeigt sie zu selten.

"Es fehlt die Geduld, die Kontinuität"

Ist das auch eine Frage der Mentalität? Sind die slowakischen Spieler zu brav?

Hammer: Spieler wie Mintal waren schon sehr zurückhaltend. Aber für die neue Generation gilt das eigentlich nicht mehr. Die Spieler sind frecher, selbstbewusster geworden. Aber ein gewisses Sicherheitsdenken ist schon noch da, auch was die Karriereplanung angeht. Da geht ein Vladimir Weiss in die Emirate – mit 27 Jahren.

Wie steht es um den slowakischen Klubfußball?

Hammer: In der Jugendarbeit tut sich schon was. Aber vieles verpufft auch schnell wieder. Beispiel: MSK Zelina. Der Klub hat vor drei Jahren in der Champions-League gespielt, konnte daraus aber nicht nachhaltig Kapital schlagen. Jeder Verein gehört einem reichen Geschäftsmann, der eine gewisse Zeit Geld reinsteckt, irgendwann wieder verschwindet. Es fehlt die Geduld, die Kontinuität.

Eishockey gilt als Nummer eins in der Slowakei. Würde sich das ändern, wenn am Sonntag der Weltmeister aus dem Turnier gekickt wird?

Hammer: Vor ein paar Wochen hat die Mannschaft schon mal Deutschland geschlagen. Egal wie das Spiel ausgeht, die EM wird dem Fußball in der Slowakei sicher einen kräftigen Schub geben.

Deutschland spielt am Sonntagabend gegen die Slowakei. Hier erfahren Sie, wie Sie das Spiel im TV und im Stream sehen können.

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

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Interview: Roland Wiedemann

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