So war der EM-Auftakt im Fernsehen

TV-Kritik: Keine Geschenke von Müller-Hohenstein

Katrin Müller-Hohenstein
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Katrin Müller-Hohenstein.

München - tz-Kolumnist Jörg Heinrich hat sich den EM-Auftakt im ZDF ganz genau angeschaut. Sein Fazit: Lieber Bela Réthy als David Guetta. Die TV-Kritik:

Mesdames et Messieurs – es ist Europameisterschaft! Mit einem Großaufgebot startete La ZDF-Mannschaft gestern ins Turnier. Erste zentrale Erkenntnisse: Die „lieben Ollis“ (O-Ton von der lieben Katrin) stehen eine so lange EM in ihrem Riesenstudio kräftemäßig nicht mehr durch – sie dürfen erstmals sitzen. Und Katrin Müller-Hohenstein hat seit der letzten Euro umgeschult, von Usedom zu Gaby Dohm. Sie berichtet aus dem deutschen Quartier in Évian, das frappierend an eine Fußballversion der Schwarzwaldklink erinnert, quasi an die Schwatz-Waldi-Klinik. Voilà, hier unser erster EM-Check, anhand legendärer französischer Chansons aus Frankreich.

Non, je ne regrette rien: Muss das ZDF bereuen, dass es die lieben Ollis vier Wochen lang im Studio-Bunker auf dem Pariser Messegelände kaserniert, statt sie ins Stadion zu lassen, wie Opdenhövel und Scholl im Ersten? Noch hat das Édith-Piaf-Orakel sein Urteil nicht gesprochen. Cool sieht das Studio mit seinem 11,20 Meter langen Mega-Bildschirm auf jeden Fall aus – wie das „Match of the day“ bei der BBC, oder wie eine NFL-Diskussion im US-Fernsehen. Aber auch ein bisserl kalt und künstlich – hoch lebe die Rio-Dachterrasse! Herr Welke hat offenbar seinen Schreibtisch aus der Heute-Show nach Paris verschleppt, und kündigte seinen diensthabenden Experten mit diesen Worten an: „Das ist Oliver Kahn!“ Das war hilfreich, denn viele hatten sich schon gefragt: Seit wann hat Gernot Hassknecht Haare?

Sein Hund heißt Rudi! Diese Spieler könnten bei der EM voll durchstarten

EM besondere Spieler
UNGARN - Gabor Kiraly (40, Tor, Szombathelyi Haladas) - Mitunter doppelt so alt wie seine Mitspieler. Könnte Lothar Matthäus als ältesten Spieler der EM-Geschichte ablösen. Wird wieder seine tief hängende Jogginghose schlabbern lassen, die schon manchen Beinschuss verhindert hat. "Ich trage sie immer eine Nummer zu groß", sagt er: "Ich bin kein Supermodel. Mein Job ist es, Bälle zu halten." Das kann er auch mit 40 noch. © dpa
EM besondere Spieler
ENGLAND - Jamie Vardy (29, Sturm, Leicester City) - Die Geschichte eines wundersamen, blitzschnellen Aufstiegs von der 8. Liga zu den Three Lions. Musste einst mit Fußfessel spielen, fesselt jetzt seine Fans. Als Torschützenkönig eine Hauptfigur des Märchens von Leicester City, eines Sammelbeckens für Talente und Gescheiterte, die aus dem Nichts Meister wurden. Kaum jemand außerhalb Englands hat Vardy spielen sehen. Das ändert sich jetzt. Es wird Zeit. © dpa
EM besondere Spieler
WALES - Joe Allen (26, Mittelfeld, FC Liverpool) - Andrea Pirlo fehlt. Als Passgenie, als italienische Stil-Ikone, die morgens nur einmal schnell mit den Fingern durchs Haar schüttelt und schon perfekt aussieht. Immerhin: Es gibt Joe Allen! "The Welsh Pirlo" nennen sie den Mann. "Großartiger Bart, großartiger Haarschnitt, großartiger Typ", sagt sein Kapitän Ashley Williams. Damit ist alles gesagt. Der echte Pirlo fehlt trotzdem. © AFP
EM besondere Spieler
SPANIEN - Nolito (29, Sturm, Celta Vigo) - Ein Phänomen. Manuel Agudo Durán, so der echte Name, bringt den "Rock'n'Roll zwischen die Violinen", sagt der frühere Nationalspieler Kiko Narváez. Wuchs bei seinen Großeltern auf, weil seine Mutter im Gefängnis saß. Bietet neben den "falschen Neunern" und Pass-Maschinen den Instinkt, Straßenfußball, Kampf. Ist 29 und spielt in der Provinz bei Celta Vigo. Spätstarter gegen alle Widerstände. Vier Tore in neun Länderspielen. © AFP
EM besondere Spieler
BELGIEN - Radja Nainggolan (28, Mittelfeld, AS Rom) - Blondierter Irokesen-Schnitt, Gesicht eines Kriegers, und: Tattoos, Tattoos, Tattoos. Eine riesige Rose vorne und Flügel mit Herz hinten auf dem Hals (für die verstorbene Mama), eine Schlange über den gesamten Bauch, Sinnsprüche, Verschnörkeltes, Geheimnisvolles, Namen, überall. Sieht auch mit nacktem Oberkörper aus, als trage er ein buntes T-Shirt. Spielt übrigens in Italien bei AS Rom. Und: Sein Hund heißt Rudi. © AFP
EM besondere Spieler
PORTUGAL - Renato Sanches (18, Mittelfeld, Benfica Lissabon, bald Bayern München) -Rastalocken, beeindruckend muskulöser Körper, jetzt schon ein Fels. Eines der größten Talente Europas. Bayern München zahlt für den 18-Jährigen mindestens 35 Millionen Euro. Trank auf der Meisterfeier von Benfica Lissabon eine Dose Bier vor laufenden Kameras aus, ohne abzusetzen. Feierte dann mit Hut, aber ohne Hose weiter. © AFP
EM besondere Spieler
RUSSLAND - Roman Neustädter (28, Abwehr, Schalke 04) - Heißt Roman Petrowitsch Neustädter. Geboren in Dnjepropetrowsk (heute Ukraine). Bis 2016 deutscher Staatsbürger, wurde am 30. Mai offiziell Russe, um bei der EM spielen zu können. Musste daraufhin unverhofft seinen deutschen Pass abgeben. Spricht fließend russisch. Schrieb vor kurzem bei Instagram: "Falls du ein Rassist oder homophob bist, verpiss dich von meinem Account!" Spielt jetzt dennoch für das Land Wladimir Putins. Sagt dazu: "Das ändert nichts an meiner privaten Meinung." © dpa
EM besondere Spieler
ALBANIEN - Taulant Xhaka (28, Mittelfeld, FC Basel) - Das Duell mit der Schweiz wird ohnehin ein Spiel von Albanien gegen Albanien II, doch Xhaka verleiht ihm noch eine besondere Note. Taulant, 25, geboren in Basel, spielt gegen seinen Bruder Granit, 23, geboren in Basel. Taulant spielt für Albanien, Granit Xhaka, der von Borussia Mönchengladbach zum FC Arsenal wechselt, entschied sich für die Schweiz. Er spielt am 11. Juni gegen seinen Bruder - und das Heimatland seiner Eltern. © AFP
EM besondere Spieler
NORDIRLAND - Will Grigg (24, Sturm, Wigan Athletic) - Es gibt kein Entkommen. "Der Song ist überall", sagt Grigg, wenn er von "seinem" Lied spricht. Seit Sean Kennedy, Fan von Wigan Athletic, den Hit "Freed from desire" der italienischen Sängerin Gala auf ihn umgeschrieben hat, gibt es kein Halten mehr. In den britischen Download-Charts stand "Will Grigg's on fire" sogar auf Platz sechs - vor Adele, Justin Bieber oder Coldplay. © AFP
EM besondere Spieler
UKRAINE - Andrej Jarmolenko (26, Mittelfeld, Dynamo Kiew) - Verlor Anfang Mai vollkommen die Nerven. Mit einem üblen Tritt gegen Taras Stepanenko, Schachtjor Donezk, löste er eine Massenschlägerei auf dem Platz aus. Die Atmosphäre zwischen den Klubs ist nun vergiftet - aber zusammen stellen die Rivalen nicht weniger als 11 EM-Spieler. Darunter, im Mittelfeld, selbstverständlich: Jarmolenko und Stepanenko.
EM besondere Spieler
ISLAND - Kolbeinn Sigthorsson (26, Sturm, FC Nantes) -  Siegtor durch Sigthorsson! Ein Fest für Journalisten, Twitterer, Wortspielfreunde in Deutschland. Erzielte tatsächlich schon anständige 19 Tore in 38 Länderspielen. Spielt in Frankreich beim FC Nantes, auch deshalb interessant. Von Ausgleichsson, Führungsthorsson oder Eigenthorsson ist bisher nichts bekannt.

C’est si bon: Das ZDF-Personal mit seinen vielen Experten machte Lust auf die nächsten vier Wochen. Diesmal dabei: Samuel L. Jackson, der sich als Frankreich-Legende Marius Trésor entpuppte, und Sebastian Kehl. Und vor allem Supermarkt-Chef Holger Stanislawski, laut Welke „Leiter der Abteilung Spielanalyse und Malen nach Zahlen“. Stani analysierte bei seinem 3D-Malen ganz ausgezeichnet, und brauchte dafür gar nicht viel Zeit. Er ist sozusagen die Hedwig Kurz-Maler des ZDF. Auch Oliver Hassknecht hört man recht gern zu. Wenn wir uns nicht verhört haben, brachte er Monsieur Gabalier für die Équipe Tricolore ins Gespräch. Na gut, so lange er nicht jodelt.

Nathalie: Ganz bewusst hat sich Gilbert Bécaud vom schönen Kommunistenmädchen Nathalie durch Moskau führen lassen, und nicht von ZDF-Mutti Katrin durch Évian-les-Bains. La KMH verbreitete wie gewohnt besinnlichen Frohsinn, und begrüßte als erstes Interview-Opfer Benedikt Höwedes. Vor zwei Jahren im Campo Bahia hatte Katrin jedem Spieler einen Strandläufer-Latschen kredenzt. Höwedes war natürlich genauso gespannt wie alle Zuschauer, was es diesmal als Geschenk gibt. Vielleicht ein Camembert-Baguette? Auflösung: Es gibt – gar nichts! Das ZDF muss sparen. Ob sich ohne Korruption überhaupt noch Spieler bereit erklären, mit KMH zu konferieren, müssen die nächsten Tage erweisen.

Paroles, Paroles: Einst von Dalida und Alain Delon. Aber Béla Réthy schaffte es auch allein, jede Menge Worte zu machen. Er redete und redete, von wegen „Stade de France“. Stad war er nicht gerade. Nur von David Guetta, dem ollen Ohrenschänder mit seiner Schiffsschaukelbremser-Musik, war Béla Réthy überfordert, mit ihm konnte er nichts anfangen. Dabei hätte man sogar lieber Réthy als Guetta gehört. Die EM-Eröffnung war so merde – kein Wunder, dass Politiker vor der Guetta-Bildung in unseren Städten warnen.

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

In unserem Übersichtsartikel finden Sie alle Informationen zur EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Gruppen und Kurzporträts der Austragungsorte. Außerdem haben wir alle wichtigen Fakten und Hintergründe zu den Stadien der EM 2016 zusammengestellt. Und: Wir bieten Ihnen die wichtigsten Infos zum Kader von Deutschland bei der EM 2016. Alle aktuellen Nachrichten erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zur Fußball-EM 2016 in Frankreich bei tz.de. Tipps zum Public Viewing in München gibt es hier, den Link zum Tippspiel unter tippkaiser.de.

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