Interview nach dem frühen EM-Aus

Experte bricht Lanze für missachteten Bayern-Star - Und empfiehlt Flick drei Jungstars für den DFB

Nach dem frühen Ausscheiden der Deutschen bei der EM spricht Ex-Bayern-Funktionär Michael Reschke Klartext: Das DFB-Team sieht er mit Flick vor großen Veränderungen.

Das Auftreten der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft war enttäuschend. Durch das 0:2 gegen England war schon im Achtelfinale Schluss für die DFB-Elf. Einer, der das Turnier ganz genau beobachtet, ist Michael Reschke (63). Der Experte ist seit über 40 Jahren in Top-Positionen im Fußball. Reschke war Technischer Direktor beim FC Bayern, Sportvorstand beim VfB Stuttgart, Kaderplaner auf Schalke und auch Manager in Leverkusen. Aktuell arbeitet er als Head of European Football bei der mächtigen Berater-Agentur ICM Stellar. Im großen tz-Interview spricht Reschke über die Auswirkungen der EM.

Welche Auswirkungen hat das frühe EM-Aus auf die Nationalmannschaft?

Reschke: Die Eingangstür für jüngere Spieler wird deutlich größer. Und parallel dazu der Bewusstseinsanspruch etablierter Profis, unangefochtener Stammspieler zu sein, kleiner. Zudem wird Hansi Flick einen eigenen, gewiss veränderten Weg einschlagen, sowohl taktisch als auch personell.

Interview mit Ex-Bayern-Funktionär Reschke: Er sieht Chancen für Talente

Welche Talente können sich Hoffnungen machen?

Reschke: Hoch einzuschätzen sind Talente wie Florian Wirtz, Ridle Baku oder Jamal Musiala, für den die EM noch ein Schnupperkurs war. Auch Niklas Süle wird eine neue Chance erhalten. Er ist auch erst 25 Jahre alt. Früher war man noch froh, wenn man in diesem Alter Nationalspieler geworden ist.

Er gilt als möglicher Verkaufskandidat beim FC Bayern, hat sich bei der EM aber auch wegen seines Fitness-Zustands nicht empfehlen können.

Reschke: Ich wünsche Niklas und dem FC Bayern, dass sie gemeinsam den besten Weg miteinander finden. Niklas besitzt alles, was einen überragender Innenverteidiger ausmacht. Vielleicht ist diese EM ein entscheidender Impuls für ihn. Er kann mit seiner Ersatzspieler-Rolle nicht zufrieden sein und muss alles daran setzen, immer zu 100 Prozent der beste Süle zu sein. Der FC Bayern mit seiner Vielzahl an Mentalitätsspielern ist für Niklas eigentlich das ideale Pflaster. Ich fände es schade, wenn er nicht verlängern würde.

Nach der schwachen EM können sich laut Reschke Talente Hoffnungen auf Einsätze machen.

Wo sehen Sie beim DFB Luft nach oben?

Reschke: Die Viererkette als taktische Lösung war schwierig zu realisieren. Uns fehlen aktuell einfach die klassischen Außenverteidiger. Gosens hat teilweise großartig gespielt, ist aber deutlich eher ein Außenspieler im 3-5-2. Die Diskussion um Dreier- oder Viererkette hätte es nicht gegeben, wenn wir über zwei überragende Außenspieler verfügen würden. Jo Kimmich kann natürlich als Rechtsverteidiger spielen, aber seine absolute Stärke liegt im Mittelfeld.

Fußball-Experte Reschke: „Joshua wird mit aller Macht ins Zentrum drängen“

Das wird sich unter Flick bestimmt ändern.

Reschke: Joshua wird mit aller Macht ins Zentrum drängen. Hansi Flick hat ihn bei den Bayern ja auch da platziert und dann gemeinsam mit Jo sieben Titel gewonnen. Fast schon logisch, dass dies auch beim DFB so sein wird. Vielleicht füllt Baku ja die Lücke als Rechtsverteidiger.

Wir bräuchten einen wie Wout Weghorst

Michael Reschke über das Stürmer-Problem

Wer kann das Stürmer-Problem lösen?

Reschke: Wir bräuchten einen Stoß-Stürmertyp wie Wolfsburgs Weghorst. Ich spreche bewusst nicht von Lewandowski, weil das so wäre, als würden wir nach den Sternen greifen. U 21-EM-Torschützenkönig Nmecha wird gewiss in den Fokus rücken, aber Nationalmannschafts-Niveau muss er noch beweisen. Timo Werner hat die Klasse als starke Nummer 9, aber ich sehe ihn ideal als zweite Spitze.

Was ist Ihnen bei der EM noch aufgefallen?

Reschke: Die letzten 18 Monate mit Corona haben psychisch und physisch brutale Spuren bei fast allen Profis hinterlassen. Nehmen wir einen Ausnahmespieler wie Bruno Fernandes, normalerweise der wichtige Taktgeber der Portugiesen. Er war am Ende nur noch Einwechselspieler, nachdem er in dieser Saison für Manchester United und die Nationalmannschaft über 70 Spiele absolviert hat. Irgendwann ist der Akku einfach leer. Auch bei Thomas Müller hat man die Auswirkungen dieser extremen Saison gemerkt.

Reschke: „Thomas braucht sich nicht selbst an den Pranger stellen“

Inwiefern?

Reschke: Thomas hat sich nach seiner vergebenen Chance gegen England ja selbst an den Pranger gestellt. Ich übernehme jetzt mal die Rolle seines Verteidigers: Nach 80 kräftezehrenden Minuten und seinem intensiven Sprint fehlten in der Abschlussaktion einfach ein Paar Körner Kraft und Konzentration. Aber wie sollte Thomas auch in Top-Verfassung sein? Nach den letzten 18 irrsinnig belastenden Monaten gar nicht möglich. Wäre Thomas in einer normalen Saison im Oktober oder November in die gleiche Situation gekommen, hätte er vermutlich getroffen. Er braucht sich nicht selbst an den Pranger zu stellen, auch wenn ich seine persönliche Enttäuschung natürlich nachvollziehen kann.

Haben Sie persönlich schon Erfahrungen mit ausgelaugten Spielern gemacht?

Reschke: In Stuttgart haben wir Benjamin Pavard nach dem WM-Titel mit Frankreich knapp vier Wochen Urlaub verpasst. Er war aber noch voller Euphorie und wollte auf eigenen Wunsch schon nach ca. zweieinhalb Wochen wieder mit der Vorbereitung beginnen. Das war eine Fehleinschätzung, die wir als Verantwortliche hätten verhindern und ihn vor sich selbst schützen müssen. Die Quittung: Benji hat danach leider seine schwächste Saison der letzten Jahren gespielt.

Was ist Ihr Lösungsvorschlag?

Reschke: Drei Wochen Pause sind für Nationalspieler nach dieser extremen Saison zu wenig, zumal die ersten drei bis vier Tage nach so einem Turnier gewiss noch keine Urlaubsqualität besitzen. Mindestens vier Wochen Zwangsurlaub wären wichtig. Die Spieler sind mittlerweile alle sehr professionell und halten sich auch im Urlaub körperlich fit. Ich weiß natürlich, wie schwierig dies mit der Spielplan-Taktung zu vereinbaren ist und wie herausfordernd speziell für einen neuen Trainer wie Julian Nagelsmann dies jetzt beim FCB sein würde. Aber nach diesen belastenden eineinhalb Jahren wäre komplette Erholung für mich das Gebot der Stunde. Die Jungs brauchen physisch und ganz wichtig auch psychisch Zeit, um Kraft zu tanken. Lass’ sie wieder hungrig auf Fußball werden!

Bei der EM waren wieder Tausende Zuschauer zugelassen. In der Bundesliga dürfen zum Beispiel beim Auftakt zwischen Gladbach und Bayern bis zu 18 000 Fans ins Stadion. Welche Auswirkung hat das auf die Spieler?

Reschke: Wir alle haben die positive Atmosphäre und Spannung durch die Fans brutal vermisst. Dies gilt natürlich ganz besonders für die Spieler. Wenn die Fans wieder dabei sind, wird das allen einen mächtigen Schub geben. Gott behüte, dass die Entwicklung der Corona-Pandemie so positiv weiter verläuft. (Interview: Philipp Kessler)

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