DFB-Spieler

Mertesacker über Hype, Druck & Gefahren im Fußball

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Per Mertesacker war 2006 noch ein Jungspund im Team.

München - So schnell geht das. Beim Sommermärchen 2006 zählte Per Mertesacker noch zu den Jungspunden im DFB-Team. Nun, bei seiner dritten WM, ist er mit 29 Jahren einer der Routiniers. Das tz-Interview:

Herr Mertesacker, Béla Réthy kritisierte jüngst die neueste Fußballer-Generation. Sie würde in ihrer eigenen Welt leben, die Entwicklung sei negativ…

Mertesacker: Ich kann mich zumindest erinnern, dass ich mich als junger Fußballer anders entwickelt habe. Als ich in Hannover aus der Jugend zu den Profis hochkam, habe ich mich extrem zurückgehalten und versucht, Respekt vor jedem Einzelnen zu wahren, der älter war. Die heutige Generation ist da viel, viel selbstbewusster.

Wie wurden Sie auf Ihre Karriere vorbereitet?

Mertesacker: Mein Vater hat nur gesagt: Hab Spaß, spiel Fußball – und bedanke dich. Da gab es keinen Presseberater. Die Reporter standen vor mir und dann ging es los. Heutzutage stehen die Berater den jungen Spielern zur Seite, schauen etwa auch über jedes Interview.

Ist das besser oder schlechter?

Mertesacker: Für mich war es ein Segen, dass ich meine Erfahrungen ganz allein machen musste. Damals gab es keine Hilfe von Externen. Die Professionalität ist diesbezüglich gestiegen. Aber ich weiß nicht, ob das immer so vorteilhaft ist, um als Spieler auf eigenen Beinen zu stehen.

Heutzutage werden Spieler sehr früh zu Stars gemacht. Verdirbt so etwas mitunter den Charakter?

Mertesacker: Dieser extreme Hype um junge Spieler setzt sehr früh ein. Aber gerade in jungen Jahren ist es wichtig, den eigenen Weg zu gehen, sich langsam zu entwickeln. Ich war in der Jugend wegen Wachstumsproblemen ein Jahr lang verletzt. Niemand hat da mehr an mich geglaubt, nicht mal mein Vater. Aber diese Zwangspause war das Beste, was mir passieren konnte. Weil niemand etwas erwartet hat. Heute heißt es gegenüber den jungen Spielern nur: Du musst, du musst, du musst.

Kann man die Schraube noch zurückdrehen?

Mertesacker: Die Wahrheit ist ja, dass immer früher gescoutet wird, bereits bei den 13- oder 14-Jährigen. Das ist schon Wahnsinn, die ganze Entwicklung.

Auch die Profis werden insgesamt immer jünger.

Mertesacker: Ich habe Angst vor den Spielern, die bald mit 25 oder 26 sagen: Ich bin platt, ich kann nicht mehr. Heutzutage haben manche Fußballer mit 22, 23 Jahren schon alles erlebt. Früher hingegen wurdest du erst mit 27 Nationalspieler. Die Entwicklung kann tatsächlich in die Richtung gehen, dass die Karrieren mit 26 schon fast zu Ende gehen. Weil es gesundheitlich nicht mehr hinhaut.

Ist das viele Geld eine Entschädigung dafür?

Mertesacker: Nein, das ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Es erhöht eher den Druck. Denn klar ist: Wer viel Geld zahlt, der will auch viel Leistung haben. Auch der Urlaub wird immer kürzer. Einen Monat nach der WM geht es schon wieder weiter. Wie lange soll das gut gehen?

Sie stehen in Ihrer Karriere mittlerweile für Werte, die fast verloren gegangen sind. Können Sie sich vorstellen, diese Werte nach dem Ende Ihrer Laufbahn weiterzugeben?

Mertesacker: Ich kann mir schon gut vorstellen, der Jugend irgendwann beratend zur Seite zu stehen und ihr meinen Weg aufzuzeigen. Ich gehöre ja noch zu einer Generation, die relativ normal im Fußball aufgewachsen ist. Aber eigentlich möchte ich meiner Familie irgendwann nicht mehr zumuten zu sagen: Jetzt gehen wir nach A, dann nach B. Es ist dann an der Zeit, mal kürzerzutreten.

Interview: S. Braasch

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