Joti Chatzialexiou

„Unser Vorsprung aus der Vergangenheit hat sich in einen Rückstand gewandelt“

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Es hat nicht ganz gereicht für Martina Voss-Tecklenburg (Mitte, hinten) und das deutsche Team.

Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter Nationalmannschaften, stellt sich hinter die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

Zwei völlig unterschiedliche Niederlagen hat Joti Chatzialexiou am Wochenende als Sportlicher Leiter Nationalmannschaften im Deutschen Fußball-Bund (DFB) erlebt. Während in Udine der zweite Platz der U21-Nationalmannschaft bei der EM als Erfolg gilt, schmerzt das Aus der deutschen Frauen-Nationalmannschaft bei der WM. Insgesamt hat der 43-Jährige vier der fünf Partien der DFB-Frauen in französischen Stadien gesehen. Sein genereller Eindruck: „Das Niveau hat sich extrem gut entwickelt. Die Teams sind enger zusammengerückt, es entscheiden auf dem Niveau oft einzelne Momente.“

Das deutsche Team hätte in den ersten vier Partien „großen Willen und eine gute Mentalität gezeigt, aber wir haben spieltechnisch nicht alles abgerufen.“ Bei der Förderung von Spielwitz und Kreativität müsse noch mehr getan werden, „wir brauchen noch mehr offensive Lösungen – das wird in Zukunft den Unterschied machen“, sagt der ranghöchste Mitarbeiter in der Direktion von Oliver Bierhoff.

Spielerinnen wie Giulia Gwinn, Lena Oberdorf oder Klara Bühl fallen positiv auf

Unter dem Strich ist das Ziel bei den Frauen verfehlt worden. Wie schon bei der EM 2017 war auch bei der WM 2019 im Viertelfinale Endstation, so dass Chatzialexiou eben auch eingesteht. „Wir gehören nicht mehr zu den Allerbesten, das müssen wir uns so eingestehen – unser Vorsprung aus der Vergangenheit hat sich in einen Rückstand gewandelt“, sagt er. „Wir wollen mit den Frauen zurück zur Weltspitze, das ist unser Anspruch und sind wir auch dem deutschen Fußball aufgrund seiner Kultur und Vergangenheit schuldig.“

Dass das deutsche Team jetzt, wo die Finalwoche in Lyon noch einmal eine besondere Strahlkraft entwickelt, fehlt, sei bitter, sagt Chatzialexiou: „Ich habe hinterher in die Augen der enttäuschten Spielerinnen geblickt, die genau wussten, was damit verbunden ist: Nicht bei Olympischen Spielen dabei zu sein, tut einem im Herzen weh. Unsere Nationalmannschaft ist das Aushängeschild für den deutschen Frauenfußball.“

Positiv sind ihm junge Spielerinnen wie Giulia Gwinn, Lena Oberdorf oder Klara Bühl aufgefallen, „dazu habe ich eine unglaublich gute Ausstrahlung bei Almuth Schult gesehen, eine Alexandra Popp, die viel Verantwortung trägt oder eine Lina Magull oder Sara Däbritz, die mit ihrem Spielwitz begeistern.“

Doch viele haben auch nicht glänzen können. Wie etwa Melanie Leupolz. Die Mittelfeldspielerin spielte letztlich nur in dem Werbespot als die Frau mit den acht Fingern eine Hauptrolle. Im Viertelfinale spielte die 25-Jährige gar nicht mehr. Ihre Nicht-Berücksichtigung habe sie schon im Laufe der Woche geahnt, sei ihr aber nicht erklärt worden, sagte sie nach dem Ausscheiden sichtlich angesäuert. „Am Ende entscheidet die Trainerin, wer spielt. Das ist ja ihr Job. Ich will auch nicht alles hinterfragen.“

Keine Kommunikationsstörungen vor dem Schweden-Spiel

Eine gewisse Unzufriedenheit von Ersatzkräften sieht Chatzialexiou als völlig normal an, „das erlebe ich bei jedem Turnier in unterschiedlicher Form, das ich begleite“. Der studierte Sportwissenschaftler ist derjenige, der in langen Gesprächen die vertraglich bis 2021 gebundene Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg überzeugte, nach ihrer erfolgreichen Tätigkeit als Schweizer Nationaltrainerin – mit dem verwehrten i-Tüpfelchen der WM-Qualifikation 2019 – beim DFB anzuheuern. Zuvor hatte sich Chatzialexiou beim SheBelieves-Cup in den USA selbst ein Bild gemacht, dass es mit Steffi Jones nicht mehr passte.

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Hinter der aktuellen Bundestrainerin steht Chatzialexiou mit „vollster Überzeugung, denn neben ihren fachlichen Qualitäten ist sie ein kommunikativer Mensch, der offen mit den Spielerinnen umgeht“. Er wehrt sich gegen die Vermutung, bei der fast einwöchigen Vorbereitung auf das Schweden-Spiel könnte es im Trainerstab zu Kommunikationsstörungen gekommen sein. „Das kann ich klar verneinen. Der Fußball ist auf der Trainerbank keine One-Man-Show mehr.“ 

Die Bundestrainerin arbeitet mit Patrik Grolimund, dem Vertrauten aus Schweizer Zeiten, Thomas Nörenberg, der rechten Hand von Horst Hrubesch, Britta Carlson, der früheren Co-Trainerin des VfL Wolfsburg, sowie Michael Fuchs, dem langjährigen Torwarttrainer, zusammen. Chatzialexiou: „Wir haben da ein Team zusammengestellt, das nicht nur aus Ja-Sagern besteht, daher auch mal kontrovers diskutiert, um dann einen Konsens zu finden.“

Gemeinsam werde man sich in den kommenden Wochen an die Aufarbeitung machen und dann auf das nächste Turnier die EM 2021 in England hinarbeiten. Klar sei auch: „Wir müssen die Erkenntnisse der WM ausführlich aufarbeiten. Dann gibt es aber bestimmt keinen Grund, pessimistisch in die Zukunft zu schauen. Auch wenn wir nun eine Durststrecke von zwei Jahren ohne Turnier haben werden.“

Von Frank Hellmann

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