1. tz
  2. Sport
  3. Fußball

„Dann macht’s sofort batsch!“: Weltmeister Breitner gibt schonungslose Analyse nach dem Auftakt-Debakel

Erstellt:

Von: José Carlos Menzel López

Kommentare

Symbolbild: Paul Breitner bei einem Auftritt.
Symbolbild: Paul Breitner bei einem Auftritt. © IMAGO/Eibner-Pressefoto

Woran scheiterte das WM-Spiel gegen Japan am Mittwoch? Der ehemalige Weltmeister und FCB-Legende Paul Breitner analysiert Deutschlands Auftakt-Debakel.

Katar – Die deutsche Elf ist mit einem 1:2 gegen Japan in die WM 2022 gestartet, was bereits das zweite Spiel gegen Spanien am Sonntag mit Blick auf das Überleben in der Gruppe zu einem entscheidenden macht. Doch wie ist der erste Auftritt der Mannschaft von Bundestrainer Hansi Flick fernab des reinen Ergebnisses zu bewerten? Woran lag’s? Was lief schief? Die tz hat sich dafür bei einem Weltmeister erkundigt! Bei DFB- und FCB-Legende Paul Breitner, der das verkorkste Debüt des DFB-Teams mitverfolgte und mit der tz genau unter die Lupe nahm. Das Interview mit dem heute 71-jährigen Finalhelden von 1974:

Herr Breitner, wie beurteilen Sie den ersten Auftritt der deutschen Mannschaft?

 Breitner: Nun ja, zu diesem Spiel passt ein Spruch, der mir eigentlich noch nie gefallen hat. Die Kleinen werden immer größer. Das kommt jedoch nicht von ungefähr, sondern hat insbesondere damit zu tun, dass die vermeintlich Großen, in diesem Fall die deutsche Elf, innerhalb von weniger als 60 Minuten von der Note 2 auf 5 minus zurückfallen. Ist das der Fall, kommt ein derartiges Resultat und das dazu passende Endresultat zustande. Eine ganze Stunde haben die Japaner mit dem größten Respekt vor der deutschen Mannschaft gespielt, kaum hält diese jedoch mittels leichtsinniger Stellungsfehler im Mittelfeld und der Abwehr den kleinen Finger hin, macht es sofort batsch.

Wie erklären Sie sich die zwei Gesichter der deutschen Mannschaft vor und nach der 60. Spielminute?

 Breitner: Na durch die Wechsel, die ersten beiden wurden ja in der 67. Minute vollführt. Ich verstehe einfach nicht, warum so viele Cheftrainer auf Teufel komm raus irgendwann einmal im Spiel unbedingt wechseln müssen. Vor allem dann, wenn das Spielgeschehen passt. Damit reiße ich doch nur das Spielgefüge auseinander. Es ist mir ein Rätsel, warum Thomas Müller und Ilkay Gündogan ausgewechselt wurden, dafür gab es doch keinen triftigen Grund. Es hat doch alles gepasst. Ich habe schon zu aktiven Zeiten nicht verstanden, warum so oft einfach des Wechselns willen gewechselt wird. Damit will ich nicht sagen, dass Hansi so ein Trainer ist, für die Wechsel gegen Japan habe ich jedoch keinerlei Verständnis gehabt.

Paul Breitner
Der ehemaligen Fußball-Nationalspieler Paul Breitner. (Archivfoto) © Bernd Thissen/dpa

WM 2022: Analyse von Deutschlands Auftakt-Debakel - „Mit den Torchancen hat das Ergebnis wenig zu tun“

Die deutsche Elf hatte aber auch ausreichend Chancen, um die Partie schon in der ersten Hälfte für sich zu entscheiden.

Breitner: Die mangelnde Chancenausbeute war meiner Meinung nach nicht ausschlaggebend für diese Niederlage, sondern dass die Mannschaft ab einem gewissen Punkt nicht mehr so weitergespielt hat wie zuvor. Von der 20. bis zur 60. Minute hat sie streckenweise einen klasse Fußball gezeigt, danach hat sie den Hebel aber unverständlicherweise auf Verwalten umgestellt. Mit den Torchancen hat das Ergebnis wenig zu tun. Wenn ich ab einem gewissen Moment die Handbremse anziehe, kann ich nicht erwarten, bei einer WM einfach so im Vorbeigehen als Sieger vom Platz zu gehen.

Und jetzt geht es gegen die Spanier…

Breitner: Ein Alles-oder-nichts-Spiel! Ganz unabhängig vom Japan-Resultat wäre ich aber auch so mit Bauchweh in die Partie gegen Spanien gegangen. Dass die deutsche Mannschaft zwischenzeitlich marschiert ist und nach vorne gespielt hat, könnte dazu geführt haben, dass es untergegangen ist, doch es war teilweise offensichtlich: Links und rechts von Antonio Rüdiger hat gar nichts gepasst, der Auftritt von Niklas Süle und Nico Schlotterbeck hatte überhaupt nichts mit WM-Spitze zu tun. Wenn es einen kleinen Silberstreif am Horizont gibt, dann war es Rüdiger. Ich war ja nur bedingt von ihm überzeugt, als Real Madrid ihn verpflichtet hat - hier sieht man aber mal wieder, was Wertigkeit ausmachen kann. Allein das Selbstvertrauen, das ihm der Transfer gegeben hat, hat ihn noch mal 20 Prozent besser gemacht. Er war heute der überragende Mann auf deutscher Seite. Und darf ich Ihnen noch etwas sagen?

Bitte!

Breitner: Ich habe bei einer Weltmeisterschaft selten ein Schiedsrichtergespann aus einem exotischen Land gesehen, das über 90 Minuten so überragend pfeift. Die würde ich gerne in der Bundesliga sehen.

Interview: José Carlos Menzel López

Auch interessant

Kommentare