Fussball-WM in Russland

Fussball-WM: Anstoß in Russland - Tore wichtiger als Menschenrechte?

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Wladimir Putin (re) und FIFA-Präsident Gianni Infantino beim Kongress des Fußball-Weltverbands (FIFA) am Vortag der Eröffnung der Fußball-WM.

Heute beginnt sie, die Fußball-WM 2018 in Putins Russland. Darf man sich auf ein Fußballfest freuen – auch wenn es von einer Autokratie ausgerichtet wird? Sind Tore wichtiger als Menschenrechte?

Moskau – Eine Geschichte über die schwierigste Mission der deutschen Nationalmannschaft - neben der Titelverteidigung.

Beim Fernsehen wissen sie auch nicht, in welche Richtung sie die Sache treiben sollen. Das Erste lässt in den Tagen vor der Fußball-Weltmeisterschaften die üblichen Appetizer-Spots laufen: Tore, Triumphe, die großen Gefühle, von Pelé bis Jogi Löw. Das ZDF hat in die virtuelle Trickkiste gegriffen und zwischen Kreml, Basilius-Kathedrale und Kaufhaus GUM einen Rasen ausgerollt und Tore draufgestellt. „Grüner Platz“, wo der weltberühmte Rote Platz ist. Und es werden die offiziellen WM-Songs gedudelt. Wie alle vier Jahre. Der Fußball gibt der Welt den Rhythmus vor.

Doch das öffentlich-rechtliche Fernsehen beleuchtet auch die andere Seite, seine Sportsendungen hat es beladen mit schwermütigen Reportagen: über ein WM-Gastgeberland, in dem die Menschenrechte gerade nicht so viel gelten, in dem Homophobie verbreitet ist, Journalisten weggesperrt oder ermordet wurden und das seinen Sport durch systematisches Doping gestärkt hat.

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Die Fragestellung zur WM 2018 lautet: Ist es legitim, sich auf die 64 Spiele zu freuen, Sonderhefte zu kaufen, im Betrieb Tippspiele zu organisieren und bei einem Public Viewing mit anderen das Unser-letztes-großes-Lagerfeuer-Erlebnis zu teilen? Oder ist es angezeigt, sich abzuwenden von diesem zu groß und zu teuer gewordenen Spektakel, das nun auch noch Gefahr läuft, politisch missbraucht zu werden?

Eine ähnliche Diskussion gab es zuletzt vor 40 Jahren. Argentinien 1978 war eine umstrittene WM. Ein Land unter Militärdiktatur, in Buenos Aires starb eine Deutsche im Gefängnis. Hinfahren und den Generälen die Hand schütteln? Die Kritiker der WM kreierten ein eigenes Logo: Es zeigte den berühmten Weltpokal – von Stacheldraht umrankt. Die WM fand statt, man feierte den argentinischen Trainerphilosophen Cesar Luis Menotti und den Stürmer Mario Kempes, jubelte den spielstarken Niederländern zu, die ins Finale kamen – und die Deutschen diskutierten am Ende nicht über südamerikanische Politik, sondern das Abwehrverhalten der Spieler Berti Vogts und Rolf Rüssmann, denen – Stichwort Cordoba – der Österreicher Hans Krankl zu seinen Toren enteilte. Eine WM, die genügend sportliche Themen setzte.

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Vor 40 Jahren schwiegen die Verbände zu ähnlichem Fall

Vor vierzig Jahren hatten die Verbände zu politischen Themen einfach geschwiegen, 2018 geht das nicht mehr, die Gesellschaft entwickelt Druck und die Vorlaufzeit, sich auf eine Weltmeisterschaft in Russland einzustellen, war lang genug. Im Dezember 2010 hatte der Fußball-Weltverband FIFA gleich zwei Turniere auf einmal vergeben. 2018 nach Russland, 2022 an Katar. Von dem Moment an, als der damalige FIFA-Präsident Sepp Blatter die Zettelchen aus dem Umschlag zog, war klar, dass auf den Sport was zukommen würde. Die WM an das Wüstenemirat Katar zu geben, das nur so groß wie Hessen ist und in dem allenfalls in den Wintermonaten gespielt werden kann, sorgte für die größere Empörung. Die Kommentare zu Russland – damals waren sie noch milde. Motto: Okay, die sind ja auch mal dran. Doch seitdem geschah zu vieles: Annexion der Krim, fragwürdige Gerichtsprozesse, Wladimir Putin mit immer autokratischeren Zügen.

Autogramme für die russischen Fans: Mats Hummels gestern nach dem Training in Watutinki.

Reinhard Grindel ist seit zwei Jahren DFB-Präsident. Er passt zu der Herausforderung, die das Amt derzeit mit sich bringt, besser als sein über die Sommermärchen-Affäre gestolperter Vorgänger Wolfgang Niersbach, der als junger Sportjournalist zum Verband gekommen und vor allem Fußballfan war. Grindel war auch mal Journalist, beim ZDF, er leitete die Büros in Brüssel und Berlin, es gibt auch noch die Aufzeichnung einer Sendung, in der er mit Hannelore Kohl kocht. Jedenfalls fand er den Zugang zur Politik, wurde für die CDU in den Bundestag gewählt. Im August 2016 gab er sein Mandat ab – und gefällt sich nun als inoffizieller Außenminister.

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Während des Confederations Cups 2017 punktete er bei den Russen mit einer Kranzniederlegung auf einem Friedhof in Kasan, und im Mai 2018 initiierte Grindel eine Reise nach Wolgograd, das im Krieg Stalingrad hieß und mit deutschen Kriegsverbrechen assoziiert wird. Am 8. Mai spielten die U18-Nationalmannschaften von Russland und Deutschland gegeneinander. Grindel sagt: „Das ist das Alter, 18, 19, in dem damals die Soldaten waren, die sterben mussten.“ Er mag Symbolpolitik: „70 Jahre nach der Schlacht von Stalingrad erklang dort die deutsche Hymne.“ Das ist seine Botschaft: Schaut her, Fußball bringt die Menschen zusammen, darum fahren wir hin und kommen nicht irgendwelchen Boykott-Forderungen nach.

Wo bleiben die kritischen Töne?

Doch wo bleiben die kritischen Töne zum aktuellen Russland? Grindel traf sich schon vor über einem Jahr zu Gesprächen mit Amnesty International und Reporter ohne Grenzen, er saß auf einer Podiumsdiskussion mit einem Vertreter des Vereins Deutsch-Russischer Austausch, mit Thomas Hitzlsperger, dem DFB-Botschafter für Vielfalt, reiste er 2017 zum Petersburger Dialog – doch dass der DFB-Präsident in Russland mit Oppositionellen zusammengetroffen wäre, ist nicht bekannt. Seit einigen Monaten betreibt Grindel einen Twitterkanal – doch wenn ihn Fußball-Interessierte auf diesem Weg fragen, wie er sich konkret positionieren würde, antwortet er nicht. 

Es geht darum – das ist offensichtlich – die Russen nicht zu verärgern und bei der UEFA nicht als renitenter Geist dazustehen. Denn im September entscheidet sich, ob Deutschland die Europameisterschaft 2024 ausrichten darf. Für den DFB wäre das 18 Jahre nach der Weltmeisterschaft das Meilenstein-Projekt – als Einnahmequelle und um die nächste Generation zu motivieren, in die Vereine zu gehen. Doch es gibt einen starken Mitbewerber: die Türkei. Der DFB will sich in alle Richtungen diplomatisch verhalten. Und in Russland lieber nicht anecken.

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Er wird ein freundlicher Gast sein. Wie schon beim Confederations Cup. Vor einem Jahr verabschiedete sich die Nationalmannschaft mit einem von Julian Draxler, ihrem Kapitän, unterzeichneten offenen Brief („Liebe russische Fußballfans“) aus dem WM-Land. Mit Baukastensätzen wie „Wir haben architektonisch beeindruckende Stadien bespielt“ oder „Wir haben die Tage an der Schwarzmeerküste genießen können. Es schien immer die Sonne“ (was nicht stimmte). Schließlich noch der pressestellenartig formulierte Hinweis: „Und wir haben versucht, zum russisch-deutschen Verhältnis auch jenseits der vier Eckfahnen einen Beitrag zu leisten. DFB-Präsident Reinhard Grindel und DFB-Vielfaltsbotschafter Thomas Hitzlsperger haben in Moskau das Kinderheim Don Bosco besucht. Mit einer Spende von 17 000 Euro wird dort nun ein bestehender Fußballplatz renoviert.“

Mit finanziellen Zuwendungen muss der DFB aber vorsichtig sein, denn womöglich schadet er den Organisationen, denen er helfen will. Mehr als hundert wurden als „ausländische Agenten“ kategorisiert, weil sie internationale Zuwendungen erhalten. Helfen ist bei dieser WM kompliziert.

DFB-Fanartikel gibt es neuerdings auch in kyrillischer Schrift

Die Nationalmannschaft setzt auf ein PR-Konzept, das sich in Brasilien 2014 bewährt hat: dosierter Kontakt zur Bevölkerung. Mal aus dem Quartier rausgehen, ein Selfie mit Einheimischen machen lassen (so sie dem Quartier in Watutinki überhaupt nahekommen). „Für uns zählen Begegnungen, wir interessieren uns für die Menschen. Wir haben die Russen beim Confed Cup als sehr herzlich kennengelernt“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff kündigt an: „Sie werden auch aus Russland viele Bilder von unseren Spielern mit den Menschen dort sehen.“ Den Begriff „Die Mannschaft“ hat der DFB für Fan-Utensilien bereits in kyrillische Schrift übertragen lassen.

„Außenminister“ Grindel sieht die Mannschaft auf einer Mission. „In russischen Medien wird ein kritisches Bild vom Westen gezeichnet. Wir wollen die Russen mit unserer Offenheit überraschen und ihnen zeigen, dass wir ganz anders sind, als das dargestellt wird.“ Doch welches Bild werden umgekehrt die Deutschen von diesem Russland bekommen? Man weiß es nicht. Genauso wenig, wie man weiß, wer am 15. Juli im Moskauer Luschniki-Stadion Weltmeister werden wird.

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