Steinzeit-Heinrich und die gescholtene ZDF-Frau

TV-Kritik: Sprachliche Tristesse bei Neumann - nur ein Kommentator überzeugt bei der WM

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ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann: wie eine Malerin mit Drei-Farben-Palette.

Die Kritik an ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann reißt nicht ab - aber ist sie berechtigt? Unser TV-Kritiker hat bei der Fußball-WM genau hingehört und findet, dass nur ein Kommentator bislang überzeugt.

München - Wer gedacht hätte, dass es nach Mario Baslers totem Frosch und nach Waldis Kriegserklärung an die schurkischen Schweden nicht noch komplizierter werden könnte beim WM-TV – der hat sich getäuscht. Denn heute wollen wir uns dem sensibelsten aller Fernsehthemen widmen: Claudia Neumann.

Wer die ZDF-Kommentatorin kritisiert, gilt schnell als Chauvi und Steinzeit-Mann. Die SZ schreibt von „sexistischem Dreck“, ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann spricht von „unterster Schublade“. Das Schlimme an diesen harschen Urteilen ist, dass sie stimmen. Was im Internet über der 54-Jährigen ausgekübelt wird, ist nicht zitierfähig.

Und das führt leider dazu, dass sich längst niemand mehr inhaltlich mit ihrer Arbeit auseinandersetzt. Reinhold Beckmann lobt sie als „wunderbare Kommentatorin“ in den Himmel, als neue Marcella Reif. Auf Twitter wird sie als Vorkämpferin für Frauenrechte gepriesen, als Simone de Beauvoir der Fußballstadien. Wie absurd! Die ZDF-Frau soll einfach nur Spiele kommentieren, und sie soll sie gut kommentieren – so wie ihre ARD-Radiokollegin Julia Metzner, die der SWR zu Recht als seine „Neuentdeckung“ lobt.

„Wunderbare Kommentatorin“ - leider stimmt das nicht

Kann Claudia Neumann das? Wir haben ihr zugehört am Donnerstag bei Dänemark gegen Australien (1:1). Und an dieser Stelle werden die Dinge eben doch schwierig. Die „wunderbare Kommentatorin“ ist nämlich nur Beckmanns reger Fantasie entsprungen. Dass sie gerne Spieler verwechselt (Yussuf Poulsen vs. Flemming Povlsen) oder bei den „Däninnen“ neue Akteure wie „Kasper Speichel“ entdeckt, ist dabei noch das geringste Problem. Fritz von Thurn und Taxis hat zeitlebens mehr Fußballer durcheinandergebracht als bei der WM auf dem Platz stehen, und man hat ihm trotzdem gerne zugehört.

Dass Neumann immer wieder über ihre eigenen Sätze stolpert, stört schon mehr. „Unumstränkte Führungsspieler“ und Stoibereskes wie „Da muss man natürlich auch dazu hinfügen“ – sicheres Deutsch fällt ihr schwer. Doch was am meisten schmerzt, ist ihre hölzerne Sprache, der Fantasie, Kreativität und Charme abgehen. Sie spricht freudloses Funktionärsdeutsch, in dem die Dänen „die ersten Anlaufmomente ausüben“. Sie kommentiert wie ein Maler, dem auf seiner Palette nur drei Farben zur Verfügung stehen, wie ein Romanautor mit zehn Buchstaben auf der Tastatur. Es mangelt ihr an Ausdrucksmöglichkeiten.

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Die ZDF-Kommentatoren Oliver Schmidt, Béla Réthy, Claudia Neumann und Martin Schneider (v.l.).

ARD und ZDF brauchen schlichtweg begabtere Kommentator(inn)en

Mit ihrer sprachlichen Tristesse ist Claudia Neumann allerdings nicht allein. Denn sie erledigt ihren Job nicht besser und nicht schlechter als ein Oliver Schmidt oder ein Steffen Simon. Was ARD und ZDF brauchen, sind nicht mehr Frauen oder mehr Männer am Mikro, sondern schlichtweg begabtere Kommentator(inn)en, die exzellent informieren, die begeistern und die über den Tellerrand hinausschauen. Dass Claudia Neumann diese Kriterien nicht erfüllt, weiß auch das ZDF ganz genau. Wenn Sportchef Fuhrmann erklärt, dass sie „insgesamt einen guten Job macht“, klingt das doch arg nach „Hat sich bemüht“. Und wenn der Sender so überzeugt von ihr wäre – warum darf sie dann nicht längst deutsche Spiele kommentieren oder das WM-Finale?

Und übrigens: Den besten Job beim Zweiten macht Martin Schneider, der fachlich und sprachlich überzeugt. Hoffentlich findet der Sender bald eine ähnlich gute Martina Schneider. Steinzeit-Heinrich ist dann der Erste, der eine enthusiastische Kritik schreibt. Versprochen.

Jörg Heinrich

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