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Ex-Bayer Andersson: „Vielleicht war Deutschland 2014 besser“

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Von: Andreas Werner

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Patrik Andersson, Meisterheld des FC Bayern, spricht vor dem Aufeinandertreffen bei der WM 2018 über Schwedens Einheit, Toni Kroos, Zlatan Ibrahimovic, Marco Reus und eine Grundsatzfrage im Team von Joachim Löw.

München – Patrik Andersson wird den Fans des FC Bayern ewig in bester Erinnerung bleiben, weil er ihnen im Saisonfinale 2001 mit seinem Last-Minute-Freistoß zum 1:1 in Hamburg die spannendste Meisterschaft der Bundesliga-Geschichte gesichert hat. Der 46-Jährige leitet heute in seiner Heimat Schweden Fußballakademien. Im Interview analysiert er die Bedingungen des Duells mit Deutschland.

Herr Andersson, Schweden wartet im Fußball seit 40 Jahren auf einen Sieg über Deutschland – wird es nun so weit sein?

Wer hätte das gedacht? Drei Punkte vor Deutschland vor der Partie! Aber Deutschland ist trotzdem Favorit. Ich bin am letzten Sonntag von Rumänien nach Nishni Nowgorod geflogen, habe erst nach der Landung vom deutschen 0:1 gegen Mexiko gehört und war überrascht, wie wohl alle. Dann habe ich das Spiel noch mal angeschaut: Deutschland hat das Spiel bestimmt, aber hinten zu viel aufgemacht. Mesut Özil im 1:1 im eigenen Strafraum – so etwas sollte eigentlich nicht passieren. Mexiko hat das gut ausgenutzt.

WM-Quali: Spiel gegen die Niederlande der Knackpunkt?

Eigentlich dachte man, ohne Zlatan Ibrahimovic ist Schweden nur die Hälfte wert – aber tut es vielleicht sogar gut, dass nun andere mehr Verantwortung übernehmen müssen?

Ich würde die Frage anders angehen. Zlatan ist ein absoluter Weltstar. Da musstest du als Trainer die Mannschaft danach ausrichten, logisch. Jetzt spielt er nicht mehr, und wir haben in Janne Andersson einen neuen Trainer, der die Aufgabe überragend macht. Er hat klare Ansichten, und bei ihm weiß jeder, welche Rolle er zu spielen hat. Die Strukturen in diesem Team sind klar. In die WM-Qualifikation startete man mit einem 1:1 gegen die Niederlande, das Spiel hätten wir locker 1:4 verlieren können. Aber mit dem 1:1 ist in der Mannschaft etwas geweckt worden. Sie haben sich nicht umsonst qualifiziert, in einer sehr starken Gruppe.

Deutsche Startelf? Dicke Überraschungen in Löws Geheim-Training

Wie wichtig ist Andreas Granqvist als Chef?

Granqvist setzt die Akzente, als Abwehrorganisator, aber auch in der Offensive, wenn der Platz dafür da ist. Er ist sehr wichtig. Robin Olsen im Tor zählt ebenfalls zu den Figuren, die den Ton angeben. Enttäuscht war ich gegen Südkorea von Emil Forsberg. Er läuft seiner Form hinterher.

Was sind Schwedens Stärken, was Schwächen?

Wenn wir hinten gut stehen und den Ball attackieren können, sind wir sehr gut. Aber wenn wir Freiräume haben, haben wir Probleme, das Spiel zu gestalten. Genauso ist es problematisch, wenn es dem Gegner gelingt, sich unserem Pressing zu entziehen. Wenn wir zu stark in die Defensive gedrängt werden, haben wir im 1:1 in der Nähe unseres Strafraums Schwierigkeiten. Aber wenn wir den Ball hoch in der Hälfte des Gegners gewinnen, wird es gefährlich. Wir sind keine Mannschaft, die spielbestimmend auftritt. Das ist aber kein Problem. Gegen die Niederlande und Frankreich haben wir das mit Kontern ausgeglichen, auch unsere Standards sind gut.

„Schweden ist eine Einheit. Das ist die große Stärke“

Sie selbst waren 1994 in den USA bei allen sechs Spielen dabei, als Schweden Dritter wurde – das beste Resultat seit der Heim-WM 1958. Gibt es da Parallelen zu heute?

1994 war alles ganz anders. Das war vor dem Bosman-Urteil. Unsere Mannschaft hatte seit der WM 1990 zusammengespielt, wir hatten 1992 auch schon eine tolle Heim-EM abgeliefert. Viele Spieler haben in europäischen Spitzenclubs gespielt – und das mit tragenden Rollen. Wenn man jetzt die deutsche Nationalelf und unsere vergleicht: Auf der einen Seite spielen Spieler bei Real Madrid, Bayern, Juventus Turin – bei uns ist nur Victor Lindelöf bei Manchester United, und er spielt da nicht konstant. Aber ich sehe das alles immer als Chance. Schauen Sie Frankreich an: Die haben Top-Spieler – aber als Team sind sie bei dieser WM noch nicht angekommen, trotz zwei Siegen. Schweden ist eine Einheit. Das ist die große Stärke.

Sie haben nie gegen Deutschland gespielt; 1992 beim 2:3 im EM-Halbfinale fehlten Sie gelbgesperrt. Aber Sie kennen den deutschen Fußball aus Ihrer Zeit bei Gladbach und Bayern gut – haben Sie sich beim 0:1 gegen Mexiko gedacht: Das ist nicht das Deutschland, das ich kenne?

Nein, soweit würde ich nicht gehen. Ein erstes Spiel im Turnier ist schwierig, und Mexiko hat das gut gemacht. Vielleicht war die deutsche Mannschaft 2014 besser. Es fehlen Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Miro Klose, und die anderen sind vier Jahre älter geworden. Aber die Qualität ist nach wie vor sehr hoch. Ich schaue mir auch die Stürmer an: Timo Werner, Thomas Müller, Mario Gomez – unterschiedliche Typen. Da musst du dich fragen, welchen Fußball du spielen willst: Positionsspiel, Ballbesitz, Umschaltspiel? Ich denke, die Deutschen müssen sich fragen, für was sie stehen. Denn die anderen, auch die kleinen, werden taktisch immer besser. Du musst einen Plan haben, um zu siegen.

Sie selbst schrieben 2001 in Hamburg Geschichte. Vor Ihrem Tor zum 1:1 richteten Oliver Kahn und Stefan Effenberg die Bayern noch mal auf – fehlen der DFB-Elf solche Typen?

Ich glaube nicht. Sie haben den Bayern-Block mit lauter Spielern, die wissen, wie man mit Druck umgehen muss. Toni Kroos hat jetzt drei Mal in Folge die Champions League gewonnen, er ist ein großer Lenker. Sie haben genügend, die vorangehen. Nach wie vor.

„Ich erwarte jetzt eine Trotzreaktion von Deutschland“

Hat die deutsche Nationalelf weiter das Zeug zum Weltmeister?

Ja. Schauen Sie 1982: Da haben die Deutschen auch den Auftakt verloren, standen aber im Finale. Deutschland darfst du nie abhaken, sonst hast du schon verloren. Ich freue mich für Schweden für dieses spannende Spiel – aber ich erwarte jetzt eine Trotzreaktion von Deutschland. Ich bin mir sicher, da kommt noch was.

Welchen deutschen Spieler würden Sie gerne bei Schweden integrieren?

So nervös, wie Deutschland gerade ist, müsste die Frage wohl anders lauten: Welcher Schwede könnte bei Deutschland spielen (lacht)? Aber nein, das ist nur Spaß. Kroos ist ein Top-Mann, er muss die Partie gegen Schweden machen. Auch Marco Reus hat eine Chance verdient, er kann Schweden Probleme bereiten, ist einer, der den Unterschied ausmacht. Bei Julian Draxler warte ich, dass er aufwacht. Beim Confed Cup war er stark, und wer bei Paris spielt, muss bei einer WM was bringen. Er kann noch viel mehr.

Was sagen Sie als früherer Innenverteidiger: Sind Jerome Boateng und Mats Hummels Weltspitze – oder kommen sie so langsam doch in die Jahre?

Was heißt „in die Jahre“? Ich hatte meine beste Zeit von 26 bis 31. Nein, die beiden gehören nach wie vor zur Weltspitze. Genauso wie Raphael Varane bei Frankreich, Sergio Ramos und Gerard Piqué bei Spanien. Die Deutschen müssen sich da nicht verstecken.

Wie bewerten Sie generell das WM-Niveau?

Die Teams sind näher zusammengerückt. Stars wie Cristiano Ronaldo, der super gestartet ist. dann aber Kunstpausen braucht, sind nach einer langen Saison geschlaucht. Sie benötigen ein paar Spiele, um in so ein Turnier zu kommen. Ich sehe das eigentlich immer so: So ein Turnier beginnt erst mit dem Achtelfinale. Für Argentinien wird es schwer; ihnen fehlte ein Organisator im zentralen Mittelfeld, dann stehst du gegen so ein bissiges Kroatien auf verlorenem Posten. Wenn dir der Lenker fehlt, ist es schwer, sich gegen die gut strukturierten Teams bei einer WM zu behaupten.

Wo werden Sie das Spiel gegen Deutschland schauen – und tragen Sie da das Schweden-Trikot?

Ich habe das schwedische Trikot über 150 Mal getragen – das reicht mir eigentlich (lacht). Wir feiern Mittsommer, da werde ich die Partie gemütlich mit meiner Familie anschauen. Ich war als Repräsentant der FIFA und UEFA schon bei zwei WM-Spielen in Russland und werde noch ein paar Spiele besuchen. Mein Favorit war vor dem Turnier Frankreich, dazu noch Brasilien und Deutschland. Jetzt habe ich Belgien auch mehr im Blick. Es wird sicher noch sehr spannend werden.

Interview: Andreas Werner

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