Fußball-WM der Frauen

An die Tür geklopft: Englands Trainer Phil Neville denkt schon an die Zukunft

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Jill Scott (links) gegen Lindsey Horan.

Phil Neville nimmt den tapferen Auftritt im WM-Halbfinale zum Anlass, für die Zukunft den Führungsanspruch des englischen Frauenfußballs zu formulieren.

In dem Gesicht der Veteranin des englischen Frauenfußballs vermischten sich all die körperlichen und seelischen Schmerzen: Eine dicke Beule unter dem blutunterlaufenden Auge, eine geschwollene Lippe und gerötete Augen zeugten davon, dass das WM-Halbfinale gegen die USA (1:2) einiges mit Jill Scott gemacht hatte. „Es ist schade, dass eine solch fantastische Leistung nicht belohnt wird“, sagte die 1,81 Meter große Mittelfeldspielerin, die gerade ihre vierte Weltmeisterschaft erlebt. Selbst ein Bad in der Eistonne hätte in diesem Moment nicht ausgereicht, um bei der 32-Jährigen die im französischen Lyon erlittenen Wunden zu kurieren.

Noch immer ist die 142-fache Nationalspielerin als Bindeglied von „box to box“, wie die Briten gerne sagen, von Strafraum zu Strafraum, unverzichtbar. Auch Scott wird sich am Samstag zum Spiel um Platz drei in Nizza noch einmal aufraffen müssen, wenn die Engländerinnen – wie 2015 im kanadischen Edmonton gegen Deutschland (1:0) – wieder den Trostpreis holen sollen. Denn in der flirrenden Nacht hatte Teammanager Phil Neville die Enttäuschung bereits in Trotz verwandelt. „Ich hatte sofort drei Gedanken im Kopf: dass wir das Spiel um den dritten Platz bei dieser WM, Gold bei den Olympischen Spielen 2020 und die EM 2021 gewinnen.“

Englands Trainer Phil Neville sieht einen positiven Entwicklungsprozess

Der erste internationale Frauen-Titel soll allerspätestens beim EM-Turnier im eigenen Land her, findet Neville, weil die Football Association (FA) inzwischen genauso wie fast alle namhaften Vereine der Premier League massiv in den Frauenfußball investiert. Und mit dem Ex-Nationalspieler steht einer bei „Three Lionesses“ vornedran, der die Mission mit Pathos anpackt: „Die vergangenen 18 Monate haben mir mehr gegeben als alle andere Momente meiner Karriere.“ Eine mutige Aussage für einen Trainer, der als Spieler ja sechs englische Meisterschaften, drei FA-Cup-Siege und nicht zuletzt 1999 den legendären Last-Minute-Titel in der Champions League gegen den FC Bayern erlebte.

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Der 42-Jährige spürt, welche Dynamik im Mutterland des Fußballs im weiblichen Bereich entstanden ist. Unglaubliche 11,7 Millionen Anhänger, absoluter Rekord für den englischen Frauenfußball, erlebten das Drama bei der BBC mit. Eingedenk der überwältigenden Audienz war der tapfere Auftritt gegen „das beste Team der Welt“ (Neville) so wichtig. „Ich will keine Tränen sehen, sondern ein Lächeln. Die Art und Weise, wie wir verloren haben, war genau das, was ich sehen wollte.“

Die vielleicht bekannteste Figur auf den Trainerbänken des Turniers sieht einen positiven Entwicklungsprozess: „Früher hatte England ein Halbfinale erreicht und damit war es gut. Jetzt haben wir an die Tür geklopft.“ Letztlich verhinderte nur ein verschossener Elfmeter das Eintreten ins Finale. Kapitänin Steph Houghton war ob ihres Fehlschusses untröstlich. „Ich habe die Mannschaft im Stich gelassen. Es bricht mir das Herz“, stammelte die 31-Jährige. 

Seine Anführerin habe „bestimmt 150 Ausführungen im Training probiert“, erzählte Neville, aber im Wettkampf sei es so: „Du triffst oder du scheiterst.“ Englische Männer wie Frauen wählen bei einer WM oft letztere Variante. Gegen die anderswo verpönten Vergleiche beider Geschlechter will sich der Überzeugungstäter übrigens gar nicht wehren, weil sie für sein Team einen wichtigen Teil seiner Überzeugungsstrategie bilden: „Ich habe lange Zeit für einen Klub gespielt, der sehr viel gewonnen hat. Diese Mentalität müssen wir aufbauen und lernen. Und dann werden wir eines der besten Teams der Welt.“ 

Vielleicht erlebt das auch Jill Scott noch mit.

Von Frank Hellmann

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