Nach der England-Pleite: Die tz-Analyse des Länderspieljahres 2008

Geht es ohne Ballack nicht?

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Insgesamt zog Jogi Löw ein positives Fazit des Jahres 2008.

Berlin - Genau 1440 Minuten stand die Nationalmannschaft im Länderspieljahr 2008 auf dem Platz.

Die Bilanz liest sich positiv: elf Siege in 16 Spielen, Vize-Europameister. Aber der Eindruck, der zum Abschluss haften bleibt, ist ein negativer. 1:2 gegen England, die einzige Niederlage des Jahres auf deutschem Boden, gellende Pfiffe – ein Trauerspiel. Mit der wohl schlechtesten Partie der Ära Löw verabschiedeten sich die DFB-Kicker in die bis zum 11. Februar 2009 andauernde Länderspielpause.

„Diese Niederlage ist zum Jahresende natürlich enttäuschend“, bilanzierte der Bundestrainer. Einen Trend will Löw in der Pleite aber nicht sehen: „Für das nächste Jahr und die WM-Qualifikation hat diese Niederlage keine Bedeutung. Mich stimmt das Spiel gegen die starken Engländer nicht bedenklich. Die Spieler werden ihre Lehren daraus ziehen.“ Die Youngster müssen noch lernen – so drängt sich zum Ende des Jahres eine Frage auf: Geht’s nicht ohne Ballack?

Die Deutschen in der Einzelkritik und weitere Bilder vom Spiel gegen England

René Adler: Rückschlag auf dem Weg zur Nummer eins. Nach zwei fehlerlosen Auftritten gegen Russland und Wales sah der Leverkusener bei Upsons Führungstreffer sehr unglücklich aus. Ansonsten fehlerlos. Note 4 © dpa
ab 46.: Wiese: Von den Zuschauer mit Pfiffen empfangen. An seiner Leistung gab es aber nichts zu kritisieren. Note 2 © dpa
Friedrich: In der Defensive mit Downing beschäftigt, in den Offensivaktionen – höflich formuliert – sehr beschränkt. Note 4 © dpa
Per Mertesacker: Ohne große Aussetzer, ordentlich beim Kopfballspiel. Note 3 © dpa
Heiko Westermann: Vergab im ersten Durchgang die beste deutsche Chance. Hinten mit schlimmen Unkonzentriertheiten. Note 5 © dpa
Marvin Compper: Jogis einziger Neuling in der Startelf. Erledigte seine Sache auf der ungewohnten linken Außenbahn unaufgeregt. Sololäufe waren nicht zu erwarten. Mit Debütanten-Bonus noch; Note 3; ab 77.: Schäfer: o.B. © dpa
Bastian Schweinsteiger: Jogis neuer Leader im Mittelfeld? Aus dem Spiel heraus war davon wenig zu sehen. Am gefährlichsten wurde es noch nach Freistößen. Rückte in der zweiten Halbzeit in die Mitte und übernahm Kloses Kapitänsbinde – an der schwachen Leistung änderte das aber nichts. Note 5 © dpa
Jermaine Jones: Der Schalker sieht sich auf einer Stufe mit Frings, Rolfes und Hitzlsperger. Seinen Worten ließ der 27-Jährige leider keine Taten folgen. Chance nicht genutzt! Note 5; ab 46.: Marin: Mit zwei starken Distanzschüssen. Note 3 © dpa
Simon Rolfes: Viele Ballkontakte, wenige Ideen. Kam nicht an die Präsenz eines Ballack oder Frings heran. Note 4 © dpa
Piotr Trochwoski: Zwei anständige Flanken, ein Übersteiger – und sonst nicht viel… Note 4 © dpa
Miroslav Klose: Sein Hoch hielt so lange wie ein guter Vorsatz an Neujahr. Konnte keine Bälle behaupten, kaum Torgefährlichkeit. Note 5/6 © dpa
ab 46.: Helmes: Er hat das Stürmer-Gen! Hellwach beim Abstimmungsfehler zwischen Carson und Terry. Note 2 © dpa
Mario Gomez: Nur der Spielberichtsbogen belegte, dass der Stuttgarter bis zur Auswechslung auf dem Spielfeld stand. Note 6 © dpa
ab 57.: Podolski: Von den Fans bejubelt! Mit vollem Einsatz dabei, ohne Chancen. Note 4 © dpa
Nach Eckball und Adler-Fehlgriff fiel das 0:1 durch Matthew Upson (23.). © dpa
Die Engländern bejubeln ihren 1:0-Führungstreffer. © dpa
Hier bahnt sich das einzige Highlight aus deutscher Sicht an: Der vorübergehende Ausgleich durch Patrick Helmes. © dpa
Ein kurzer Hoffnungsschimmer für die Deutschen war der Ausgleichstreffer von Helmes. © dpa
Nach dem Siegtor von Kapitän John Terry war die Freude der Engländer riesig. © dpa
Jubel nach dem Schlusspfiff: Die Engländer feiern ihren verdienten Sieg. © dpa
Erschöpft und enttäuscht: Bastian Schweinsteiger. © dpa
Begleitet von den Pfiffen der Fans schlich die deutsche Nationalmannschaft vom Platz. © dpa
"Unsere jungen Spieler hatten heute nicht die Klasse, England zu schlagen“, sagte Löw nach dem Spiel. Da half alles Gestikulieren während der Partie auch nicht... © dpa

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Der zuletzt so umstrittene Kapitän fehlte gegen England – und mit ihm die Präsenz, die Ausstrahlung im deutschen Spiel. Wie wichtig ist Ballack 2009 für die deutsche Mannschaft? Wer steht wo bei Jogi? Die tz-Analyse zum Länderspieljahr 2008:

Tor: Halb freiwillig, halb gezwungen endete nach der EM die Zeit von Jens Lehmann. Als Nachfolger stand Robert Enke bereit – bis ein Kahnbeinbruch seine vorübergehende Vormachtstellung beendete. Seitdem im Fokus: René Adler und Tim Wiese – zwei von neun Neuen beim DFB im Jahr 2008. Keine Frage: Adler gehört die Zukunft, doch gegen England griff er erstmals daneben. Das Rennen um den Stammplatz ist weiter offen, bis zum nächsten Länderspiel soll Enke zurückkehren. Adler zeigt Verständnis: „Es ist nachvollziehbar, wenn der Bundestrainer den Konkurrenzkampf vor der WM möglichst lange offen halten will.“ Komplett raus: Timo Hildebrand.

Abwehr: Vom einstigen Bollwerk ist nicht mehr viel übrig. Spiele wie das 3:3 in Finnland oder das EM-Halbfinale gegen die Türkei (3:2) sprechen eine deutliche Sprache. Weder das Euro-Duo Mertesacker/Metzelder noch spätere Experimente mit Tasci und Westermann beziehungsweise Mertesacker/Westermann in der Innenverteidigung sorgten für Sicherheit. Klar sollen die Abwehrspieler im Löw’schen System den Spielaufbau eröffnen – zu oft unterlaufen im Defensivverhalten grobe Schnitzer. Einzige Konstante: Philipp Lahm. Kein deutscher Spieler stand 2008 so lang auf dem Platz (1247 Minuten) – und konnte dabei so überzeugen. Siehe England: Zwar erledigte Neuling Compper seine Defensivaufgabe ordentlich, nach vorne fehlte jedoch komplett der Druck über Außen. „Auf einen Spieler wie Philipp können wir nicht verzichten“, weiß Löw.

Oliver Kahn über Ballack, Frings und Co.

Mittelfeld: Die heimlichen Sieger saßen am Mittwochabend auf der Couch: Michael Ballack und Torsten Frings. Beide wurden in der Zentrale schmerzlich vermisst. „Sie sind nicht erst seit heute wichtige Spieler für uns, das steht außer Frage“, konstatierte Löw nach der Partie – und kritisierte das schwache Mittelfeld: „In der Zentrale waren wir gegen die Engländer nicht so präsent.“ Jones, Rolfes und auch Schweinsteiger vergaben ihre Chance. Selbst Ballack-Spezialfreund Oliver Bierhoff gab zu: „Zweifellos sind Ballack und Frings wichtige Spieler. Sonst hätte Jogi Löw nicht gesagt, dass sie weiter zum Kader gehören. Ihre Klasse wäre sehr hilfreich gewesen.“ Ein weiterer großer Gewinner 2008: Piotr Trochowski.

Sturm: Hier sorgen die Bayern für die Rekorde: Klose ist der erfolgreichste Angreifer (8 Tore), Podolski der Einzige, der bei allen 16 Spielen dabei war. Beide genießen trotz Krisen oder Reservisten-Dasein im Verein weiter einen Sonderstatus. Doch Helmes, Gomez und auch Kießling ballern sich immer mehr in den Fokus.

„Die Bilanz in diesem Jahr sehe ich positiv“, sagt Joachim Löw. Klar, junge Spieler wurden herangeführt. Auf der anderen Seite konnte die DFB-Elf nur selten (bei der EM gegen Portugal, erste Halbzeit in der WM-Quali gegen Russland) richtig überzeugen, die Konstanz fehlte.

Auf Perfektionist Löw wartet auch 2009 jede Menge Arbeit.

Quelle: tz

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