Letzter DDR-Nationalcoach im Interview

Ede Geyer: "Nur noch D-Mark-Zeichen in den Augen"

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Ein Bild aus der Kabine nach dem letzten Länderspiel der DDR: Coach Eduard Geyer (r.) mit Torwart Jens Adler.

München - Als letzter DDR-Nationaltrainer hat „Ede“ Geyer (70) spezielle Erinnerungen an den Mauerfall 1989. Das tz-Interview.

Herr Geyer, wie haben Sie von der Grenzöffnung erfahren?

Geyer: Wir waren mit der Nationalmannschaft in der Sportschule Leipzig. Dort sind wir am Abend zusammengesessen, als wir am Fernseher von den Ereignissen erfahren haben. So richtig einordnen konnte das auf Anhieb niemand. Das hat ein paar Tage gedauert.

Sie haben die Auswirkungen zu spüren bekommen.

Geyer (lacht): Das kann man so sagen. Wir wollten uns auf das WM-Quali-Spiel in Wien vorbereiten. Nach den Siegen gegen Island (3:0) und die Sowjetunion (2:1) hätte uns ein Remis gereicht, um nach Italien zu fahren. Aber in den Tagen bis zum Spiel war ein konzentriertes Training nicht mehr möglich. Und der polnische Schiri hat ein Übriges dazu getan, dass wir 0:3 verloren haben.

Die Spieler waren mit dem Kopf schon im goldenen Westen.

Geyer: Mindestens mit dem Kopf. Das ging rasend schnell. Die Berater kamen, diese Galgenvögel, die keine Scham und Hierarchie kannten. Die Westvereine haben Summen aufgerufen, 20.000 D-Mark im Monat – in den Augen der Spieler hast du nur noch D-Mark-Zeichen gesehen. Na ja, war ja auch verständlich. Ich hab vor dem Spiel in Wien gesagt: Männer, versucht euch zu konzentrieren! In der 2. Minute hat Polster das 1:0 geschossen. 20 Minuten später gab’s Elfer, den hat er auch verwandelt. Rico Steinmann hat für uns verschossen…

Wie haben Sie das letzte Länderspiel der DDR am 12. 9. ’90 in Belgien in Erinnerung?

Geyer: Mit sehr gemischten Gefühlen. Ich habe das Verhalten der West-Vereine, die ihre Spieler mit fadenscheinigen Begründungen nicht abgestellt haben, als schwach, um nicht zu sagen schäbig empfunden. Aber es gab und gibt nun mal viele Arschlöcher. Von 24 eingeladenen Spielern sind nur 14 mit nach Belgien gekommen und Matthias Sammer hat sich mit seinen Toren zum 2:0-Sieg noch mal ein Denkmal gesetzt. Aber eine Verabschiedung mit einem Glas Bier und Geschichten erzählen gab’s nicht. Die Nationalmannschaft hat sich über Nacht aufgelöst.

Ihr erster West-Job war Jugendkoordinator bei Schalke, danach gingen Sie nach Ungarn, später zu Sachsen Leipzig in die Oberliga. Als Meistertrainer von Dresden und Nationaltrainer hatten Sie sich das anders vorgestellt.

Geyer: Ja. Aber es hat sich in vielen Sportarten gezeigt, dass uns Ost-Trainer im Westen niemand wollte. Da wurde lieber noch ein Kroate verpflichtet als ein gut ausgebildeter Trainer aus der Ex-DDR. Ich habe mich davon nicht runterziehen lassen – und hab’s immerhin in die Bundesliga geschafft.

Mit Energie Cottbus, wo Sie eigentlich gar nicht hinwollten.

Geyer: Ja, 1994 wollte ich bei Rot-Weiß Erfurt unterschreiben. Aber auf dem Weg dorthin war Stau und ich musste umdrehen, weil wir Urlaub in Griechenland gebucht hatten und den Flieger erwischen mussten. Erfurt hat sich dann nicht mehr gemeldet, dafür Dieter Krein (Präsident) und Klaus Stabach (Geschäftsführer) von Cottbus. Für 5000 Mark brutto habe ich in der Regionalliga angefangen, sechs Jahre später waren wir in der Bundesliga. Ich glaube, dass ich in elf Jahren dort Spuren hinterlassen habe.

Wie sehen Sie den ostdeutschen Profifußball heute?

Geyer: Nach der Wende waren zwei Klubs in der Bundesliga, sechs in der Zweiten. Aber es hat sich nichts entwickelt. Das hat mit Niveau nichts zu tun. Es fehlen einfach die finanziellen Mittel, Sponsoren, Wirtschaftskraft.

Außer bei RB Leipzig.

Geyer: Ja, und ich will das überhaupt nicht verteufeln. Die alten Leipziger Vereine haben sich immer nur bekämpft, ohne auch nur einen Schritt vorwärts zu kommen. Red Bull hat einen geschickten Schachzug gemacht. Die Infrastruktur ist da, die Mannschaft wurde über Jahre aufgebaut. Da sind Leute mit Ahnung am Werk. Und die Zuschauerzahlen zeigen, dass es angenommen wird, auch wenn natürlich viele protestieren. Mir gefällt es auch nicht, dass der Fußball nur noch aufs Geld schaut. Aber du kannst das Rad nicht zurückdrehen.

Stimmberechtigte Klubmitglieder sind dünn gesät in Leipzig.

Geyer: Das ist ein Punkt, der mit der DFL zu klären ist. Aber jetzt mal abgesehen von den Statuten: Mit Basisdemokratie kommst du nicht nach oben. Bayern, Dortmund oder auch Mainz zeichnen sich dadurch aus, dass dort ein kleiner, kompetenter Führungszirkel arbeitet. Wo 100 Leute mit reinquatschen, ist der Erfolg eher selten anzutreffen.

Reizt Sie der Trainerjob mit 70 noch?

Geyer: Nein, das Kapitel ist abgeschlossen. Ich bin zwar noch fit, spiele Tennis und ein bisschen Fußball, aber auf die Trainerbank will ich nicht mehr zurück. Was ich mir vorstellen kann, ist eine Beraterfunktion. Für junge Trainer zum Beispiel. Da würde ich meine Erfahrung gerne weitergeben.

Interview: lk

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