Kölner-Keller-Kritik

Gladbacher wütend auf den Videobeweis

Felix Brych
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Schiedsrichter Felix Brych blickt beim Videobeweis auf den Kontrollmonitor. Foto: Marijan Murat/dpa

Mönchengladbach war nach dem Last-Minute-Ausgleich des VfB Stuttgart außer sich über den Videobeweis. Hätte er überhaupt zum Einsatz kommen dürfen? War es ein Elfmeter? «Mit dem VAR-Eingriff bleiben schon ein paar Restzweifel», gibt Schiedsrichter Felix Brych zu.

Stuttgart (dpa) - «Große Fragezeichen.» «Nie und nimmer.» «Eine absolute Frechheit.» Gladbachs Trainer Marco Rose, Ex-Weltmeister Christoph Kramer und Nationalspieler Jonas Hofmann waren aufgebracht ob der umstrittenen Elfmeter-Entscheidung.

Vehement regten sich die Borussen über den Videobeweis auf, der für den aufregenden Schlusspunkt beim 2:2 (1:0) in Stuttgart sorgte und den es aus ihrer Sicht gar nicht hätte geben dürfen. Die Nachspielzeit, in der Borussia Mönchengladbach den fast sicheren Sieg verspielte, führte zu lautstarken Scherereien um den Kölner Keller. Mal wieder.

«Wo ist die klare Fehlentscheidung, warum meldet sich Köln überhaupt?», fragte Rose verärgert. «Es wird wahrscheinlich auch wieder irgendeine Argumentationsgrundlage gefunden», schimpfte der 44-Jährige im ZDF. Die Selbstkritik von Schiedsrichter Felix Brych hatte der Coach zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht gekannt.

In der entscheidenden Szene wird VfB-Stürmer Sasa Kalajdzic an der Torauslinie im Gerangel um den Ball von Gladbachs Linksverteidiger Rami Bensebaini umklammert. Getroffen wird er am Fuß aber auch vom eigenen Mitspieler Waldemar Anton. Diesen Kontakt habe er nicht gesehen, er sei «wohl mitentscheidend» gewesen, räumte Brych ein, als er sich bei Sky stellte. Er sei darauf auch nicht hingewiesen worden.

«Der Kontakt unten ist uns verborgen geblieben», gab Brych zu: «Wenn man den Elfmeter direkt pfeift, muss er akzeptiert werden. Mit dem VAR-Eingriff bleiben schon ein paar Restzweifel», sagte er: «Mir war es auf dem Platz einen Tick zu wenig.»

Brych hatte spontan weiterspielen lassen, dann aber einen Hinweis aus Köln bekommen. Als Video-Assistentin war Bibiana Steinhaus angesetzt. Relativ kurz schaute sich Brych die Bilder am Monitor noch einmal an, pfiff Elfmeter, Silas Wamangituka verwandelte zum 2:2 (90.+6). «Für mich ist es ein Elfmeter. Er hat beide Hände um ihn herum, zieht ihn runter», sagte VfB-Coach Pellegrino Matarazzo. Der VfB Stuttgart jubelte über das Remis, der Zorn der Gladbacher war enorm.

Videobeweis-Projektleiter Jochen Drees verteidigte die strittige Entscheidung bei Sky, sprach aber auch von einem möglichen «Kommunikations- und Darstellungsmissverständnis» zwischen den Beteiligten. «Es ist ein Strafstoß, den man geben kann», sagte der Verantwortliche für den Videobeweis beim Deutschen Fußball-Bund. Auch der Videobeweis könne nicht jede Entscheidung «schwarz oder weiß» darstellen. Die Ex-Schiedsrichterin Steinhaus habe den «Aspekt des Fußvergehens für sich eingeschätzt und als nicht relevant angesehen», erläuterte Drees. Der ehemalige FIFA-Referee räumte ein, es wäre besser gewesen, die gesamte Szene inklusive der Fußberührung noch einmal anzuschauen.

«Voraussetzung für ein Eingreifen des Video-Assistenten ist jeweils, dass nach seiner Einschätzung eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters auf dem Platz vorliegt», schreibt der DFB auf seiner Webseite. Habe es keine «klar falsche Wahrnehmung» gegeben, dürfe der Video-Assistent nicht eingreifen.

«Wenn man sich die Szene anguckt, dann kann man nie und nimmer auf die Entscheidung kommen, dass das eine klare Fehlentscheidung ist», polterte Kramer. Das sei «ja nicht mal im Mittelfeld ein Foul.» Hofmann wütete, er würde wohl für die gesamte Saison gesperrt, sollte er seine Meinung kundtun: «Das ist eine absolute Frechheit, ich weiß nicht, was er da denkt. Es ist Wahnsinn».

Die Gladbacher mussten sich aber auch vorwerfen lassen, dass man sich in der entscheidenden Szene nach einer eher ungefährlicheren Flanke hätte «cleverer» anstellen können, wie Rose haderte. Und dass der Champions-League-Achtelfinalist acht Tage nach seinem 3:2 gegen den FC Bayern den Aufsteiger die zweite Hälfte dominieren ließ. Bereits 18 Punkte hat Gladbach nach einer Führung verspielt. Mit einem Sieg wäre das Team vor dem Hinrunden-Abschluss gegen Werder Bremen am Dienstag nah an die Champions-League-Ränge herangerückt.

Wie sehr Kapitän Lars Stindl das Spiel geprägt hatte, geriet wegen des Ärgers über den Videobeweis in den Hintergrund. Der Routinier hatte mit seinem Pass den ersten Elfmeter des Spiels eingeleitet, den er unhaltbar selbst verwandelte (35. Minute). Kurz nach dem 1:1 von Nicolas Gonzalez (58.) war Stindl Wegbereiter für die erneute Führung durch Denis Zakaria (61.). Dass er mit 13 Torbeteiligungen schon erfolgreicher als in der Vorsaison ist, unterstreicht seine Topform. «Lars ist einfach ein hervorragender Fußballer», lobte Rose. Die Geschichte des Spiels war aber eine andere.

© dpa-infocom, dpa:210117-99-58227/3

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