Die große tz-Streitschrift

Sörgels Abrechung: Volksverdummer & unerzogene Fußball-Narzissten

Seit 1987 leitet Fritz Sörgel sein ­eigenes ­Institut.

München - Das Sportjahr 2015 neigt sich dem Ende entgegen. Und es war kein gutes Jahr für den Sport: Korruption, Betrug, Doping - die Liste der Verfehlungen ist lang. Dopingexperte Prof. Dr. Fritz Sörgel rechnet in der tz mit den Sportlern und Funktionären ab - besonders mit den Fußballern.

Vier Tage bleiben, dann endet das Sportjahr 2015. Obwohl weder ein Fußballgroßereignis noch Olympische Spiele stattfanden, waren es aufregende 365 Tage: FIFA und DFB, standen unter massivem Beschuss und bleiben das wohl auch 2016. Die Leichtathletik, die olympischste aller Sportarten, erregte die Gemüter nicht durch Leistungen, sondern durch durchtriebene Dopingsysteme. Selbst die Lichtgestalt Franz Beckenbauer hat sein Leuchten verloren. Prof. Dr. Fritz Sörgel, einer der angesehensten deutschen Dopingexperten (Info unten), zieht in der großen tz-Streitschrift Bilanz.

Sörgels Streitschrift: Wir brauchen Vordenker

Wie wird das Jahr 2015 in die Geschichte eingehen? „Wir schaffen das“, sagt die Kanzlerin, „Schwierige Jahre kommen“ sagen Pessimisten in der Politik – oder sind es Realisten? Unterhaltungskünstler Thomas Gottschalk unkt gar: „Mit der Spaßrepublik ist es jetzt vorbei.“ Ratlose Unterhalter und ratlose Politiker, letztere suchen nun das „C“ wie „christlich“ – die Rückbesinnung auf eine einzige Religion in möglicherweise schweren Zeiten? Warum also nicht gleich die Ersatzreligion Sport, in Deutschland praktisch gleichbedeutend mit Fußball, zur Staatsreligion erklären?

Größenwahn in unterschiedlicher Ausprägung: der eine (Marco Reus), fährt ohne Führerschein ...

Sport, die schönste Nebensache der Welt, hieß es vor langer Zeit. Garant für Ablenkung, Zerstreuung, manchmal auch Freude und sogar Spaß. Heute versetzen hochbezahlte Balljongleure Massen in wahre Trancezustände, die daraufhin jeden Kontakt zur Umwelt verlieren, den Verstand sowieso. Religionen sind Opium für das Volk, befand schon Karl Marx. Was natürlich auch für die Ersatzreligion gilt. Die Politik bedient sich der Ersatzreligion Fußball in vielfältigster Weise, zum Beispiel während der Fußball-EM 2012. Warschau, 28. Juni 2012, 20:45 Uhr: Anstoß beim Spiel Deutschland gegen Italien. Zur gleichen Zeit winkt in Berlin ein Häuflein nicht-dem-Fußball-ergebener Abgeordneter fünf Minuten nach Anpfiff des Spieles in 57 Sekunden ein Gesetz für 81 Millionen Bundesbürger durch, das den Kommunen erlaubt, Daten ihrer Bürger verkaufen zu dürfen, ohne sie zu fragen. Sonst ein Aufregerthema mit eingebauten Volksaufschrei. „Da raste ein Gesetzentwurf durch den Bundestag wie Balotelli durch die deutsche Abwehr“, befand Claus Kleber ganz richtig im heute-Journal des ZDF. Dem Opium sei Dank!

... der andere  (Stefan Thesker, re.) wirft mit 20-Euro-Scheinen um sich.

2015 war kein gutes Jahr für den Sport, Entschuldigung, Fußball meine ich natürlich. Alles voller Korruption, Betrug und krimineller Funktionäre und Spieler. Blatter und Platini sind Geschichte – im Moment. Das System bleibt, vorbestrafte Funktionäre als Steuerhinterzieher oder anderen Betrugsvergehen, das gehört auch in Deutschland fast schon zum guten Ton in dieser Kaste. Die FIFA-Mafia, ein Buch-Bestseller. Und der DFB 2015 in der Retrospektive? DFB-Volksverdummer, das könnte gehen, aber wissen wir, ob das reicht? Wir können doch nur erahnen, was im Fußball täglich passiert.

Für Stars der Kategorie Ronaldo zählt nur noch Markenbildun

Beste Chance für die 55 anderen olympischen Sportarten das Fußball-Opium zu ersetzen – denkt man. Doch ausgerechnet die olympischste aller Sportarten, die Leichtathletik, stand dem Fußball in nichts nach. Dreiste Korruption im Weltverband und dazu noch Doping in einem einst erfolgreichen Sportverband. Immerhin da haben wir’s im deutschen Fußball besser. Dort gibt es kein Doping, weil es gar keinen Sinn macht, zumindest laut TV-Experte Mehmet Scholl. Oder, um es mit Blatter’scher Rhetorik zu sagen: Kein Doping, weil es kein Doping geben darf. Ein längst vergessener Tiefpunkt deutscher Sportwirklichkeit 2015.

Zum Jahresende beklagte noch der neue Vordenker des deutschen Sports, Alfons Hörmann, dass dieses ganze Gelaber um Betrug und Doping im Sport, Hamburg die Olympiabewerbung vermasselt hätte. Nein, Herr Hörmann, daran lag es nicht, denn wie erklären Sie die Ablehnung in München? Das Volk, das Sie wie auch die Politiker offensichtlich als ein beliebig manipulierbares betrachten, ist einfach mehrheitlich nicht so blöd, wie Sie denken. Die Zukunft des Sports darf nicht von Ex-Vorständen einer Tondachziegelfirma oder welchen aus dem Abschiebebahnhof der Politik geleitet werden. Vordenker in des Wortes echtem Sinn, Menschen mit Visionen für einen neuen Sportbegriff, die braucht man jetzt.

Doch was machen wir, bis das alles wirkt? Richtig, Fußball schauen. Nur die Ersatzreligion des deutschen Michel kann es richten, kann ihn ablenken. Wetten, dass die Fußballfans in diesem Land ein Zwölf-Milliarden-Ereignis wie Olympia in Hamburg – im Fußball, etwa eine zweimonatige WM mit 60 Mannschaften – begrüßt hätten. Zwei Monate Sommermärchen in Deutschland sind zwei Monate ohne Bezug zur Realität, zwei Monate Opium – hochdosiert. Und wetten, dass die Politik die sechs Milliarden, die in Hamburg fehlten, für den Fußball in Berlin innerhalb von zehn Sekunden durchgewinkt hätte? Doch hat die Ersatzreligion nicht ihre Sympathie beim Rest der Republik, den Nicht-Morphinisten verspielt?

Ein Kaiser, dessen rechte Hand ohne jegliche Rückkopplung mit dem Hirn, märchenhaft, wie von fremder Hand gesteuert, Unterschriften ablieferte. Geschätzt muss es bei einem wie Franz Beckenbauer über die Jahrzehnte, mit diesen quasi Blankounterschriften, um über Hunderte von Millionen Euro gegangen sein. Aber keine Sorgen, der Franz wird bleiben, Deutschland konnte schließlich auch nur durch einen Weltkrieg den letzten Kaiser loswerden.

Doch es betrifft nicht nur die Funktionäre, die Erpresser und die Leute mit guten Kontakten zum Wettbetrug, zur Prostitution, sondern auch die sportlichen Akteure – sogar beste – auf dem grünen Rasen. Stefan Effenberg und die Verachtung des durch Opiat vernebelten Fans ist nicht in Vergangenheit. In Wolfsburg wurde vor Jahresfrist ein seine Stars anhimmelnder Balljunge von einem ganz Großen des derzeitigen Fußballgeschäfts (de Bruyne, d. Red.) „Motherfucker“ genannt. Und selbst in der fußballerisch in erbärmlichen Zustand befindlichen zweiten Liga musste ein „Ersatz-Effenberg“ von Greuther Fürth kürlich eine Diskothek wegen Trunkenheit verlassen und warf dem Türsteher 20-Euro-Scheine hin, nicht ohne zu vermerken, dass der doch wohl nicht mehr als 2000 Euro verdiene. Arme Schweine, die Nicht-Fußball-Profis in unserer Gesellschaft. Nun, wie immer, es wird sicher anders gewesen sein, oder?

Derlei Verhalten geht runter bis in den Amateurbereich. Wer das nicht glaubt, dem sei das Buch (Ey, Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht!) eines Amateurschiedsrichters empfohlen. Was ist los, in dieser Sportart, wo schon in niedrigsten Spielklassen weit jenseits von Hartz IV bezahlt wird, und blanke Aggression an der Tagesordnung ist. Der Buchautor beklagte, was viele längst wissen. Was am Samstag in den Sport-, – Verzeihung – Fußballsendungen gezeigt wird: Aggression, krankhafter, anwidernder Narzissmus und Größenwahn. Die Schiedsrichter erleben das Sonntagfrüh, wenn Amateure auf Profi machen.

Fußball und die anderen Sportarten mit dem großen Geldtopf sind zwar derzeit Ersatzreligionen für nicht wenige, aber immer mehr begreifen, dem ist zeitnah Einhalt zu gebieten. In Deutschland und weltweit. Zum Beispiel könnte man die zum Unterhaltungszirkus mutierten Sportarten sich selbst überlassen und jegliche noch so versteckte staatliche Unterstützung, wie die Polizeieinsätze streichen, bis auch dem Letzten, bei dann unbezahlbaren Preisen von 200 Euro pro Spiel, die Darbietungen der Idole zum Hals heraushängen. Und sind wir doch mal ehrlich, was wünscht sich der wahre Fußballliebhaber, die Betonung liegt auf „lieb haben“ zum Jahreswechsel? Klar, einen Europameister Island 2016.

Im neuen Jahr darf man doch wohl auch mal auf Unmögliches erhoffen – Guten Rutsch!

Prof. Dr. Fritz Sörgel

Dopingjäger und Medizinexperte

Prof. Dr. Fritz Sörgel ist einer der angesehensten Experten und Dopingjäger Deutschlands, Mitglied der Evaluierungskommission Sportmedizin Freiburg und Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IMBP) in Nürnberg (ibmp@osn.de). Angefangen hat alles mit dem Studium der Pharmazie und der Medizin mit den Schwerpunkten Antibiotika und Krebsmittel, Drogen- und Dopingstoffen und Nahrungsergänzungsmitteln. Seine Dissertation schrieb Sörgel an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, danach arbeitete er unter anderem an der School of Pharmacy in San Francisco, am Institut für Rechtsmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und in der Abteilung für klinische Pharmakologie am Carl-Korth-Institut in Erlangen. Seit 1987 leitet er sein eigenes Institut. 2007 erhielt Sörgel für sein Engagement in der Wissenschaft und der Förderung des naturwissenschaftlichen Unterrichts an Gymnasien das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Zudem bekam er 2015 den Preis der Europäischen Drogenbehörde.

Was meinen Sie, liebe Leser, zu Professor Sörgels Thesen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in den Kommentaren.

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