tz-Interview

Netzer fordert Umdenken: "Sportschau nicht das Problem!"

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Günter Netzer, Medienunternehmer.

München - 9,5 Milliarden Euro kassiert englische Premier League in drei Jahren allein durch die Vermarktung der TV-Rechte. Wie soll der deutsche Fußball darauf reagieren? Die tz hat dazu mit Günter Netzer gesprochen.

Es ist eine Schallmauer, die die englische Premier League da durchbrochen hat: 9,5 Milliarden Euro kassiert die Liga in drei Jahren allein durch die Vermarktung der TV-Rechte. Eine Summe, die den deutschen Fußball durchgerüttelt hat – schließlich liegt der Ertrag durch TV-Gelder bei uns bei gerade einmal 642 Millionen pro Jahr. Wie soll man darauf reagieren? Die tz hat dazu mit Günter Netzer gesprochen, ehemaliger Nationalspieler und Executive Director der Schweizer Sportrechte-Agentur Infront Sports & Media AG, die ebenfalls Fernsehrechte verhandelt.

Herr Netzer, der neue Rekord in Sachen TV-Vermarktung der Premier League sorgt nach wie vor für Furore. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

Günter Netzer: Für mich ist das kein Novum. Bisher haben sie dort auch schon ein Vielfaches erzielt von dem, was in Deutschland üblich ist. Da ist auch nicht die DFL schuldig oder jemand anderes. Es ist einfach die Akzeptanz des Pay-TVs in Großbritannien, dieses Phänomen wurde früh erkannt und sehr gut ausgebaut. In Deutschland ist das nicht möglich gewesen, aufgrund von vielen Faktoren. Daher ist es bislang eine große Leistung seitens der DFL, die Einnahmen auf diesen Stand zu bringen. Mit der bisherigen Struktur wird sich das aber nicht mehr entscheidend steigern lassen. Da müssen anderen Modelle her. Aber da ist Christian Seifert schon auf der richtigen Schiene, wenn er das Bestehende entzerren möchte.

Sie sprechen von der Zerstückelung des Spieltages bis hin zu einer Bundesligapartie am Montag. Ist das alternativlos?

Günter Netzer: Das ist natürlich eine heilige Kuh. Auch in Italien und Spanien schien es zunächst undenkbar, die Spiele zeitlich so zu verteilen. Aber man hat sich dort schlichtweg angepasst an die Gegebenheiten und die Chancen genutzt, die sich aufgetan haben, um Mehreinnahmen zu erzielen. Ich glaube, dass langsam die Zeit reif ist, das auch in Deutschland einzuführen.

Was ist mit der Sportschau? Für viele ist sie eine unantastbare Institution. 

Günter Netzer: Man kann nicht generell sagen, ob die Sportschau unbedingt sein muss oder ob die Sportschau alles blockiert. Man braucht diesen öffentlich-rechtlichen Auftritt nach wie vor. Die Sportschau ist nicht das Problem, das Mehreinnahmen verhindert in Deutschland. Das wäre zu weit gegangen.

Wie auch immer die strukturellen Veränderungen in Deutschland künftig aussehen mögen, die englischen Vereine werden finanziell nun erst einmal weit enteilen. Erwarten Sie daher auch, dass der englische Fußball in den nächsten Jahren einen großen Sprung nach vorne macht?

Günter Netzer: Nein, überhaupt nicht! Das ist nun erfreulich für die englische Liga und noch erfreulicher für die Spieler dort. Trotzdem wird das nicht gleichbedeutend sein damit, dass alle Spieler nun den Weg zu englischen Klubs suchen, weil es dort mehr zu verdienen gibt. Die großen Spieler, die sich aussuchen können, wo sie spielen, legen bei ihrer Vereinswahl noch andere Kriterien an den Tag. Die englische Liga ist selbstverständlich interessant, aber sie ist nicht das Nonplusultra! Durch diesen Vertrag wird das nicht passieren, dass eine Vielzahl an Topstars auf die Insel strömt. Es wäre total übertrieben zu glauben, dass sie uns nun alle unsere guten Spieler abknöpfen.

Ist Marco Reus da derzeit ein gutes Beispiel, dass Fußballer bei ihrer Vereinswahl auch andere Maßstäbe ansetzen als nur das ganz große Geld?

Günter Netzer: Ja. Es ist erfreulich zu sehen, dass so etwas in unserer heutigen Zeit noch passiert, dass ethisch-moralische Werte eine Rolle spielen. Da hat er der Liga einen großen Gefallen getan, auch dem Fußball in Deutschland. Er hat einen gewissen Glauben zurückgebracht, das ist sehr, sehr erfreulich. Es zeigt, dass es Charaktere gibt, die sagen, nicht das Geld allein ist entscheidend.

So hat es wohl Pep Guardiola gemeint, als er sagte: England hat das Geld, die Deutschen müssen kreativer sein. Trifft es das?

Günter Netzer: Die deutschen Vereine machen es ja nicht schlecht. Sie können gegen gewisse Dinge nicht ankämpfen. Aber allein, dass ein Spieler mit großer Qualität überlegt, ob es überhaupt interessant ist für ihn, ein Mehrfaches an Geld zu verdienen, ist schon eine gute Aussage. Und das schätze ich. Das kommt daher, dass sich die Vereine kümmern. Sie gehen nicht über die Grenze, was Wahnsinn bedeuten würde und unverantwortlich wäre für ihre Strukturen und Möglichkeiten. Das darf auch nicht passieren! Bisher muss ich die Vereine, die DFL, das gesamte Kontrollsystem loben: Es funktionert – und deswegen stehen wir so gut da.

Interview: Michael Knippenkötter

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