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"Herr Löw, lassen Sie uns NICHT über Fußball sprechen!"

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Bundestrainer Jogi Löw (mitte) mit den tz-Reportern Jan Janssen (r.) und Tobias Altschäffl. © Harder

München - Sein Ziel ist klar. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass unser Team in der Lage ist, 2012 oder 2014 einen Titel zu holen“, sagt Joachim Löw (50). Was der Bundestrainer sonst noch so denkt.

 „Wenn ich sehe, was alles passiert ist, von Sizilien über Südtirol nach Südafrika, dann bekomme ich immer wieder eine Gänsehaut und manchmal schießen mir sogar Tränen in die Augen. Weil ich dann wieder sehe und erlebe, mit welcher Hingabe viele Menschen am Erfolg der Mannschaft gearbeitet haben. Dieses Gefühl kommt immer wieder hoch.“

Im WM-Jahr 2010 war der Bundestrainer mehr als 200 Tage in Sachen Fußball unterwegs. Jetzt, an Weihnachten in seiner Heimat Freiburg, wird er den Erfolg „sehr genießen, die Seele baumeln lassen“. Abschalten vom Fußball, die Bilder des Jahres Revue passieren lassen.

Mit den tz-Reportern Tobias Altschäffl und Jan Janssen hat der Bundestrainer zuvor seine ganz persönliche Rückschau unternommen. Wir legten Löw die Bilder des Jahres vor, Löw reflektiert über das Wunder von Chile, Angela Merkels Kabinenbesuch, die Ölpest im Golf von Mexiko oder auch den Genussraucher Joachim Löw. Begonnen haben wir mit einem Bild von Joachim Löw, dem Fußballer.

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Löw über…

…seine Zeit als Aktiver für den VfB: „Das war meine dritte Saison als Profi. Ich hatte die Stutzen immer unten. Immer. Dann kam Trainer Jürgen Sundermann. Die Anweisung: Stutzen unten geht nicht mehr, verboten. Schienbeinschoner anziehen!“

Sie galten als Techniker. Als Fußballer mit viel Ballgefühl waren Schienbeinschoner nicht gerade beliebt, oder?

„Darauf komme ich jetzt. Dann mein allererstes Spiel mit Schienbeinschoner, ein Vorbereitungsspiel gegen Liverpool: Schienbeinbruch! Ich bin von der Mittellinie alleine auf den Torwart zugelaufen, den Ball ein bisschen zu weit vorgelegt – dann tritt Ray Clemence auf mein Standbein. Zwei, drei Tage vor dem Bundesligastart, das letzte Vorbereitungsspiel. Ich war neu beim VfB, habe für damalige Verhältnisse mit 500 000 Mark Euro richtig viel Geld gekostet. Bis vor meinen Schienbeinbruch war ich überragend, wirklich gut. Aber der Schien- und Wadenbeinbruch hat mich ein Jahr lang außer Gefecht gesetzt. Acht Wochen Gips, mein Oberschenkel hatte danach den Umfang meines Oberarms.“

Haben Sie sich von dieser schweren Verletzung jemals richtig erholen können?

„Nein. Danach war ich nicht mehr so schnell, das war das Problem. Und ich hatte Angst. Ich hatte zuvor U 21-Spiele bestritten, mit Matthäus, Völler, Bernd Schuster. Da war dort schon ein gewisses Niveau und ich war eine feste Größe. Die Bundesliga war immer mein Traum – leider habe ich es dort nicht gepackt.“

…Thilo Sarrazin: „Nächstes Bild, bitte!“

…den Rücktritt von Horst Köhler: „Es war überraschend. Ich hätte es zum damaligen Zeitpunkt nicht erwartet. Das war schade, weil ich ihn schon für einen guten Präsidenten gehalten habe.“

…Angela Merkels Kabinenbesuch: „Wir freuen uns immer, wenn die Bundeskanzlerin – das ist ja auf wenige Spiele beschränkt – uns besucht.“

Wird die deutsche Nationalmannschaft denn von der Politik missbraucht, um mit positiven Bildern positive Schlagzeilen zu machen?

„Ich sehe das aus meiner Perspektive nicht so. Es war immer sehr, sehr interessant, wenn Frau Merkel uns besucht oder eingeladen hat. Die Spieler blicken dann ein bisschen über den Tellerrand hinaus, ins Weltgeschehen. Die Kanzlerin schafft es, mit ihrer sympathischen Art Themen mit wenigen Worten auf den Punkt zu erklären. Aus Angela Merkels Mund Dinge über Politik zu erfahren: Das ist eine gute Schule für unsere jungen Spieler.“

Aber hat sich die Bundeskanzlerin nicht bewusst Mesut Özil herausgepickt, um das Bild der Integrationskanzlerin zu unterfüttern?

„Nein. Das Bild mit Mesut Özil spricht Bände: Sie geht mit den Spielern ganz normal um. Da ist nichts gespielt. Sie ist seit der WM 2006 zum richtigen Fan unserer Mannschaft geworden. Das ist ein schönes Kompliment für uns alle.“

…Das Wunder von Chile: „Das war für mich einer der bewegendsten Momente des Jahres 2010.“

Haben Sie sich die Übetragung am Fernseher angeschaut?

„Ja, ich habe die Live-Übertragung vor dem Fernseher verfolgt. Als die ersten nach oben kamen, das war wahnsinnig schön anzusehen, eine unglaubliche Erlösung – für die Männer und ihre Familien. Diese Gruppe hat ums Überleben gekämpft. Einige Hundert Meter unter Tage, in Dunkelheit und völliger Ungewissheit – wenn man sich das nur vorstellt, bricht ja schon die nackte Angst aus. Aber das spiegelt auch den Charakter des chilenischen Volkes: Die ganze Nation war unheimlich stolz nach der Rettung.“

Jogi Löw: Gestern und heute

…den Papst: Jochim Löw überlegt lange, bevor er antwortet. „Grundsätzlich ist man schon stolz auf den Papst. Ich bin Katholik. Man muss aber nicht mit allen Dingen einverstanden sein in der Kirche. Es ist dringend erforderlich, manche Positionen – vor allem in weltlichen Fragen – zu überdenken. Die katholische Kirche sollte sich mehr öffnen.“

…die Ölpest: „So schön unsere Erde ist, so schlimm sind diese Bilder. Die Umweltverschmutzung einzudämmen, ist für uns alle ein wichtiges Thema. Da sind wir alle gefragt.“

Was machen Sie, um die Umwelt zu schonen?

„Mülltrennung ist für mich selbstverständlich. Ich versuche auch häufig, mit der Bahn zu fahren.“

Ist das nicht schwierig für Sie als Bundestrainer und äußerst populäre Person in der Öffentlichkeit?

 „Das geht zum Glück noch. Sicher kommen die Leute auf mich zu. Sie freuen sich, mal ein paar Worte mit mir wechseln zu können oder bitten um ein Autogramm. Das mache ich gerne. Nur wenn ich in einem Gespräch bin, möchte ich nicht gestört werden.“

…Lena Meyer-Landrut: Der Bundestrainer strahlt: „Ein Sonnenschein! Sie hat viel Spaß gemacht. Jung, selbstbewusst, herzlich, dynamisch, freundlich, bodenständig.“

Hat Lena das symphatische Bild der Deutschen, das schon 2006 bei der WM in Deutschland um die Welt ging, noch einmal untermauert?

„Ja, da gibt es sicher auch Parallelen zu unserer Mannschaft. Ich kenne Lena nur aus dem Fernsehen. Am Tag des Grand Prix haben wir in Budapest gespielt. Zu später Stunde drängte sich die ganze Mannschaft bei der Punktevergabe vor dem Fernseher in einer Ecke des Hotels und hat mitgejubelt.“

…Haiti: „Leider geraten manche Dinge, die passieren, Wochen oder Monate später schon wieder in Vergessenheit. Haiti ist für mich ein Beispiel. Dort ist Schreckliches passiert, aber in unserer Schnelllebigkeit sind viele Dinge davon schon wieder in den Hintergrund getreten.“

… das Symbolfoto mit einem Berggipfel: „Das symbolisiert für mich das Erreichen eines Ziels nach einem beschwerlichen Weg. Dass man Schwierigkeiten überwinden kann, wenn man es denn will.“

Wollen Sie noch einmal einen Berg besteigen?

„Ich würde einmal gerne in die Anden gehen, aber das erfordert natürlich drei, vier Wochen Zeit. Das werde ich in einer Phase realisieren, wenn ich gerade nicht als Trainer arbeite.“

…den Nichtraucherschutz: Löw, der Genussraucher, schmunzelt und wirkt nachdenklich. „Ich habe mir einen Vorsatz fürs neue Jahr gefasst. Ab Neujahr will ich mit dem Rauchen aufhören. Mal wieder.“

Heißt das, dass Sie es schon häufiger versucht haben?

„Ja. Die Frage ist, wie lange dieser gute Vorsatz diesmal hält. Ich müsste es einmal ernsthaft angehen. Irgendwann schaltet sich ja manchmal die Vernunft ein – und Rauchen ist gesundheitsgefährdend, das ist ja bekannt. Ich habe immer mal wieder ein halbes Jahr lang nicht geraucht. Aber dann komme ich wieder in Situationen, in denen Leben für mich auch genießen heißt. Das heißt: Essen, ein gutes Glas Wein und vielleicht auch einmal eine Zigarette rauchen – obwohl ich sie nicht brauche. Aber man beginnt eben doch wieder. Ich brauche da jetzt die absolute Konsequenz.“

Aufgezeichnet von Tobias Altschäffl, Jan Janssen und Thomas Gassmann

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