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Haller, Baumgartl, Richter: Warum erkranken aktuell so viele Fußballer an Hodenkrebs?

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Von: Florian Schimak

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Marco Richter (l.), Sebstien Haller (M.) und Timo Baumgartl (r.) sind an Hodenkrebs erkrankt.
Marco Richter (l.), Sébastien Haller (M.) und Timo Baumgartl (r.) sind an Hodenkrebs erkrankt. © Screenshot/Instagram/@timo_baumgart/@sebastien.haller/@marcorichter23

Sportler werden geliebt und verehrt. Das schützt sie aber nicht vor Krankheiten. In der jüngsten Vergangenheit erkrankten auffällig viele Fußballer an Hodenkrebs. Warum?

München - „Ich danke Euch allen für die zahlreichen unterstützenden und liebevollen Nachrichten, die mich gestern erreicht haben.“ Ein Satz, der für einen Fußball-Profi nicht ungewöhnlich ist. Meist über die sozialen Medien geteilt, nachdem sich ein aktiver Sportler verletzt hat. Fehlt nur noch der Hashtag „come back stronger“ und fertig wäre ein gewöhnlicher Social-Media-Post aus der Sportwelt.

Kreuzbandrisse, Muskelverletzungen oder Gehirnerschütterungen gehören inzwischen fast schon zur Tagesordnung eines Bundesliga-Stars, Handballers oder eines NFL-Profis. Doch Sébastien Haller, Top-Neuzugang von Borussia Dortmund und erst kürzlich für eine Rekord-Ablösesumme von Ajax Amsterdam zum BVB gewechselt, wählte diese Worte nicht wegen einer herkömmlichen Verletzung. Haller ist 28 und hat Hodenkrebs.

Der ivorische Stürmer ist in der jüngsten Vergangenheit kein Einzelfall. Wenige Tage vor Hallers Diagnose wurde bekannt, dass auch bei Marco Richter (24) von Hertha BSC ein Tumor im Hoden entdeckt wurde. Bereits Mitte April erkrankte Timo Baumgartl (26) von Union Berlin an Hodenkrebs.

BVB-Star Haller & Co.: Warum erkranken aktuell so viele Fußballer an Hodenkrebs?

Wie kann das sein, dass so viele Fußballer in so kurzer Zeit daran erkranken? „Es macht vor keiner Schicht der Berufswelt Halt. Sportler gelten als durchtrainiert, aber auch da macht der Krebs keinen Halt“, sagt einer, der es wissen muss. Auch bei Marco Russ wurde vor gut sechs Jahren ein Tumor im Hoden diagnostiziert. Inzwischen ist der Ex-Profi von Eintracht Frankfurt aber wieder völlig gesund.

Offenbar liegt es eher am Alter, dass so viele Fußballer zuletzt an Hodenkrebs erkrankten. Denn laut der Krebsregisterkarten des RKI werden die meisten Fälle zwischen 25 und 45 registriert. Zudem hat man laut RKI eine positive Prognose. Demnach werden über 95 Prozent der Betroffenen geheilt, eine höhere Überlebensrate weist keine Tumorerkankung auf.

Dass es lange Zeit kaum Fälle gab und nun mehrere innerhalb kürzester Zeit, hält auch Russ daher für Zufall, wie er gegenüber der dpa erklärt. Er unterstützt dabei die Vorgehensweise von Baumgartl, Richter und Haller, die mit ihrer Krankheit offen umgehen. „Ein Tabuthema ist es heute immer noch ein Stück weit“, so Russ: „Ich finde es gut, dass Marco Richter und Timo Baumgartl damit offen und in der Öffentlichkeit umgehen, um den Leuten zu zeigen, dass es eine schlimme Krankheit ist, die aber gut zu behandeln ist“.

Tabuthema Hodenkrebs: Kein Zusammenhang zwischen Leistungssport und Krankheit

Der 36-Jährige weiter: „Wenn man die Leute mit ins Boot nimmt, ist das etwas sehr Positives: wir können auch mehr Leute erreichen als das der Ottonormalverbraucher kann.“ Auch Baumgartl wählt diesen Weg, postet Bilder von sich bei der Chemotherapie und mit ausgefallenen Haaren.

Dass die Erkrankung nicht beim obligatorischen Medizincheck festgestellt wird, liegt an der Tatsache, dass die Sportler „nur“ auf Herz und Lunge untersucht werden. Also sprich, ob die Organe den Anforderungen des Leistungssports entsprechen. Ein Hodencheck gehört nicht dazu, auch wenn es den Kickern durchaus angeboten wird, wie Baumgartl kürzlich im Podcast mit Felix und Toni Kroos verriet.

Hodenkrebs bei Fußballern: Zufall, dass sich Diagnosen in letzter Zeit häuften

„Grundlegend bin ich in Eindhoven vor drei Jahren das erste Mal mit dem Thema Hodenkrebs in Kontakt gekommen“, so der Innenverteidiger bei Einfach mal Luppen: „Uns wurde angeboten, zur Vorsorge zu gehen, und ich dachte mir: Komm, das nutze ich. Man geht rein für zehn Minuten, Ultraschall, Abtasten und Blutwerte kontrollieren.“

2018 sind Wissenschaftler der Frage nachgegangen, ob es einen Zusammenhang zwischen Leistungssport und dem Hodenkrebsrisiko gibt. In der Fachzeitschrift BMC Cancer wurde das Ergebnis damals veröffentlicht: Letztlich gibt es keine eindeutigen Hinweise darauf.

Baumgartl über Hodenkrebs: „Keine Sau achtet darauf, ob man jetzt einen oder zwei Hoden hat“

Auch auf Nachfrage bei einer Ärztin aus München wurde tz.de bestätigt, dass es keine Auffälligkeiten in diesem Zusammenhang gäbe. Warum aber sind immer mehr junge Männer davon betroffen? Darauf gibt es auch keine verlässliche Antwort. Fakt ist: Bei Hodenkrebs gibt es kein Screening. Heißt: Eigenverantwortung im Sinne von Abtasten.

Man kann sich im Laufe seines Lebens auf diverse Krebsarten untersuchen lassen. „Dazu gehören Brustkrebs, Darmkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Hautkrebs und Prostatakrebs“, heißt es auf der Seite des Krebsinformationsdiensts: „Die Kosten der Untersuchungen übernehmen die Krankenkassen und die Teilnahme an der ‚Krebsvorsorge‘ ist freiwillig.“

Hodentumor: Haller fehlt dem BVB „mehrere Monate“

Hodenkrebs gehört da nicht dazu, Männer gehen also erst zum Arzt, wenn an ihren Hoden etwas auffällig ist. Selbst Leistungssportler. Haller klagte am Tag seiner Diagnose zunächst über Unwohlsein, ehe bei ihm ein Tumor im Hoden festgestellt wurde. Wie Hallers Heilungsverlauf ist, steht aktuell noch nicht fest. Er wurde aber umgehend operiert.

Ebenso wie Baumgartl, der bei 11Freunde verriet: „Im Endeffekt achtet keine Sau darauf, ob man jetzt einen oder zwei Hoden hat. Teilweise ist es mit einem sogar angenehmer, zum Beispiel beim Fahrradfahren. Da liegt jetzt nur noch einer im Weg“, so der Union-Profi, bei dem „Stand jetzt“ alles gut überstanden sei.

Hodenkrebs bei Fußballern häufig? „Tastet euch regelmäßig ab! Geht zur Vorsorge!“

Bei Richter wurde der Tumor ebenfalls entfernt, dieser sei sogar bösartig gewesen, aber der Offensivspieler der Hertha könne schon bald wieder ins Training zurückkehren, weil bei ihm keine Chemotherapie notwendig ist. „Wir freuen uns alle unglaublich, dass wir diese positive Nachricht bekommen haben“, so Hertha Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic: „Wir werden Marco jetzt die notwendige Ruhe nach seiner OP geben und freuen uns, wenn wir ihn in zwei bis drei Wochen wieder auf dem Platz sehen.“

Der wohl bekannteste Sportler, der an Hodenkrebs erkrankt war, ist Lance Armstrong. Beim US-Amerikaner wurde im Oktober 1996 Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Anschließend gewann er sieben Mal die Tour de France, wenn auch mit unerlaubten Mitteln. Doch auch Armstrong ist geheilt.

Bei Richter sieht es gut aus, bei Haller gibt es noch keine Tendenz, der BVB rechnet mit „mehreren Monaten“ Ausfallzeit. Baumgartl ist inzwischen auf dem besten Wege zurück auf den grünen Rasen, ein Zeitpunkt für sein Comeback ist noch nicht absehbar. Auch wenn der gebürtige Schwabe offen mit dem Thema Hodenkrebs umgeht, appelliert er im Interview mit 11 Freunde: „Liebe Männer: Tastet euch regelmäßig ab! Geht zur Vorsorge!“ (smk)

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