Hoffenheim: Wo kommen die eigentlich alle her?

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Hoffenheim feiert – und die Wettanbieter korrigieren sich… Falls die TSG Meister wird, gibt’s bei bwin nur noch sechs Euro für einen. Noch besser wird nur Bayern eingeschätzt

Hoffenheim - Willkommen in Backnang! Hier in Baden-Württemberg, wo sie alles können außer Hochdeutsch. Viel Auslauf für Hunde haben sie, außerdem ein Zauber-Museum.

Und, dazu passend, den berühmtesten Fußball-Magier Deutschlands: Ralf Rangnick, den Mann, der aus einem Dorf-Verein einen Meisterschaftskandidaten gemacht hat. Jeden Morgen steigt Herr Rangnick also in Backnang in sein Auto und fährt über die A 81 gut 70 Kilometer weit. Dann kommt er in Hoffenheim an, beim Dorf-Verein. Bei seinem Arbeitgeber. Bei jenem Klub, der am Wochenende den HSV mit 3:0 vom Platz gefegt hat. Seitdem ist Hoffenheim Tabellenführer. Und auf der Scorerliste finden sich drei Hoffenheimer unter den Top sechs. Ihre Namen: Ibisevic, Salihovic und Ba. Vor ein paar Monaten waren das drei Fußball-Niemande, heute sind sie Stars. Und der Fan fragt sich: Wo kommen die eigentlich alle her?

Die Fankultur wächst: Familie Breunig aus Hoffenheim hat sich ihr Haus in den Vereinsfarben angemalt.

Zum Beispiel Vedad Ibisevic (24), der beste Torschütze der Bundesliga (zehn Treffer). Er spielte vorher in Aachen, kam dort nicht zurecht. Der bosnische Nationalspieler war auch schon in Frankreich (Paris und Dijon) sowie in den USA (St. Louis) am Ball. Rangnick kaufte ihn 2007 für eine Million. Das heißt: Er ließ ihn kaufen, mit Hilfe des Gönners Dietmar Hopp.

Oder Demba Ba (23), der vor einem Jahr aus Belgien kam, von Excelsior Mouscron. Für ihn machte Hopp drei Millionen locker. Der senegalesische Nationalspieler hat auch bereits fünf Bundesligatore auf dem Konto. Er spielte schon für mehrere französische Klubs sowie den FC Watford.

Für den Ex-Berliner Sejad Salihovic (24) wurden 2,5 Millionen Euro gezahlt. Der bosnische Nationalspieler ist ein excellenter Freistoßschütze. Und die Liste geht weiter…

Zum Beispiel steht auch Chinedu Obasi (22; früher Lyn Oslo) drauf, der zuletzt gegen Hamburg zwei Mal traf. Auch ihn hatte keiner auf der Rechnung, als er im Sommer 2007 für fünf Millionen Euro Ablöse nach Hoffenheim geholt wurde. Auch er ist über Nacht zum Star geworden. Im Sommer gewann er mit Nigeria bei den Olympischen Spielen in Peking die Silbermedaille.

Oder Carlos Eduardo. Der 21-jährige brasilianische Mittelfeldspieler war mit sieben Millionen der teuerste Einkauf. Er kickte bis vor einem Jahr bei Gremio Porto Alegre, stand auch bei Inter Mailand und Benfica Lissabon auf dem Einkaufszettel.

Sie alle verzücken jetzt die Bundesliga.

Einkaufen, aufstellen, jubeln! Ist es so einfach? Nein, ist es natürlich nicht. Rangnick sagt, es sei „außergewöhnlich, was sich hier in den letzten zweieinhalb Jahren entwickelt hat“. Und denkt sich im Hinterkopf zurecht dazu: „…was ich hier aufgebaut habe.“ Hoffenheim-Spiele anschauen macht Spaß, weil Rangnick eher Stärken fördert als Schwächen ausmerzt. Motto: Lass sie einfach spielen. Es kommt also in Wirklichkeit weniger drauf an, wo sie herkommen – sondern darauf, wie man sie behandelt. Rangnick hat sich in Hoffenheim die Leute gesucht, die zu dieser Philosophie passen. Und es gibt den Trainer-Magier, der seine Neu-Stars auch schnell wieder auf den Boden holt: „Das Wichtigste ist, dass die Jungs nicht glauben, was über sie berichtet wird…“ Doch, Jungs, glaubt es ruhig!

"In Hoffenheim tendiert keiner zum Abheben" - Interview mit Jan Schindelmeiser, Manager der TSG Hoffenheim

Auf seinem Schreibtisch steht ein Stück Original-Rasen vom Zweitliga-Aufstieg 2007, an den Wänden seines Büros hängen die Neubau-Pläne von Stadion und Leistungszentrum. Neben Mäzen Dietmar Hopp (60) und Trainer Ralf Rangnick (50) ist Jan Schindelmeiser (44) der Baumeister des Wunders Hoffenheim. Die tz besuchte den Manager des Sensations-Aufsteigers.

Herr Schindelmeiser, Sie sind in Flensburg aufgewachsen. Was verschlägt einen Norddeutschen in ein baden-württembergischen Dorf?

Schindelmeiser:Ich kenne Ralf Rangnick seit 2001. Er hat sich Anfang 2006 bei mir gemeldet und wir spürten, dass wir unsere gemeinsame Philosophie in Hoffenheim optimal umsetzen können.

Es gelang auf Anhieb der Aufstieg in Liga zwei, dann der direkte Durchmarsch. War das so geplant?

Schindelmeiser:Nein, dass es so schnell geht, hat uns selbst überrascht. Die letzten zweieinhalb Jahre waren einfach atemberaubend.

Die logische Folge wäre jetzt ein Europapokalplatz.

Schindelmeiser:Das ist für uns kein Thema. Unser Ziel als Neuling ist und bleibt der Klassenerhalt. Momentan sind wir über Soll. Das lässt uns Luft zum Atmen. Aber Rückschläge sind einkalkuliert. Das wird uns aber nicht vom Weg abbringen.

Inwieweit ist Erfolg im Fußball planbar?

Schindelmeiser:Nun ja, wir beobachten die Spieler, die wir holen wollen, ganz genau, sprechen ausführlich mit ihnen. Wir müssen von ihrer positiven Entwicklung überzeugt sein. Das trifft auf alle unsere aktuellen Spieler zu. Hier tendiert keiner zum Abheben.

Sie setzen konsequent auf junge Spieler. Wird sich das auch mal ändern?

Schindelmeiser:Vom Grundsatz her nicht. Junge Spieler können wir noch formen. Aber es kann sein, dass wir mal einen 30-Jährigen holen, wenn er zu uns passt.

Und was passiert, wenn europäische Topklubs Ihre besten Spieler weglocken?

Schindelmeiser:Momentan würde ich mir ein Angebot nicht mal anhören. Aber es kann sein, dass mal einer für gutes Geld verkauft wird. Ein Teil unseres Planes ist das aber nicht.

Dietmar Hopp hat sehr viel Geld in den Verein gesteckt, gerade entstehen ein neues Stadion und ein Leistungszentrum. Wie groß ist der Druck da als Manager?

Schindelmeiser:Wir reden viel mit Herrn Hopp, aber er gibt uns alle Freiheiten und mischt sich in den sportlichen Bereich nicht ein. Es ist ein Privileg und große Verantwor­tung, schließlich agieren wir mit seinem privaten Geld.

Hopp ist immer wieder Anfeindungen gegnerischer Fans ausgesetzt. Wann wird das aufhören?

Schindelmeiser:Ich denke bald. In fast jedem Bundesliga-Verein gibt es doch große Investoren, nur haben die meist kein konkretes Gesicht. Die Zuschauer merken langsam, dass Herr Hopp einfach ein Fan ist, der seinen Heimatklub nach vorne bringen will.

Interview: Lars Albrecht

Quelle: tz

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