Hört den Sportlern zu!

Homophobie im Fußball: „Regenbogenflaggen reichen nicht“ - ein Gast-Kommentar

„Vereine und Verbände können nicht ohne externe Unterstützung ein so großes Thema angehen“: Christoph Hertzsch will, dass queer- und homosexuellen Spielern zugehört wird.
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„Vereine und Verbände können nicht ohne externe Unterstützung ein so großes Thema angehen“: Christoph Hertzsch will, dass queer- und homosexuellen Spielern zugehört wird.

Christoph Hertzsch ist Spieler der Streetboys München. Im Kampf gegen Homophobie beklagt er Unwissenheit und fehlenden Mut in Vereinen und Verbänden. Ein Gast-Kommentar.

München -  2021 lag bei den Verantwortlichen der Ball monatelang auf dem Elfmeterpunkt, sie mussten ihn nur noch treffen. Der Kampf gegen Homophobie im Fußball war noch nie so präsent, noch nie so dauerhaft, noch nie so intensiv wie in diesem Jahr. 

Am 12. Juli endete dann alles - abrupt, wie immer. Spieler, Trainer, Vereinsbosse und Verbandschefs verabschieden sich nach der EM in die Sommerpause. Reporter und Sportmoderatoren konzentrieren sich auf Olympia in Tokyo. Themen kommen und gehen in Wellen. Die letzte größere Welle kam - und verging wieder schnell - zu der Zeit als sich Thomas Hitzlsperger outete. Das war 2013!

Acht Jahre Stillstand: Bislang kein Outing im Profi-Sport - Wieso bleibt bei Fußballern die Angst?

Acht Jahre später fragt man sich immer noch, warum es in den europäischen Profiligen keinen offen gleichgeschlechtlich-liebenden Spieler gibt.

Die Frage muss doch aber eine ganz andere sein.

Warum hat es bisher offensichtlich noch kein nationaler Verband, noch kein Verein geschafft, ein Umfeld zu erzeugen, in dem sich mögliche homo- oder bisexuelle Spieler wohl genug fühlen, dass sie sich outen und keine Angst davor haben auf den Platz zu gehen und Tore zu schießen?

Nur wer sich in seinem Umfeld geborgen fühlt, ‚traut‘ sich, sich den Menschen anzuvertrauen

Christoph Hertzsch, Kapitän der Streetboys München, sieht den Sport als Spiegel der Gesellschaft.

Der Fußball spiegelt doch die Gesellschaft, oder?

Mal abgesehen von der Fragwürdigkeit einer grundlegenden Notwenigkeit des sexuellen Outings eines Menschen an sich, ist es doch im Alltag nicht anders. Nur wer sich in seinem Umfeld, Familie und Freunde, sicher, geborgen und wohl fühlt, „traut“ sich, sich den Menschen anzuvertrauen. Gleiches gilt etwa für den Arbeitsplatz, den Kleingartenverein und eben im Sport.

Sexuelle Vielfalt im Sport: Ein DFB-Mitarbeiter soll sich um 7 Millionen Mitglieder kümmern

Es gibt in den Verbänden viele Initiativen und Stellen, die sich leidenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzen und starke Kampagnen starten. Der DFB hat Anfang dieses Jahres mit Christian Rudolph auch endlich einen engagierten Mann als Ansprechpartner für die Vereine und Landesverbände benannt. Man hat auch das Gefühl, dass die empfundene Stagnation im Kampf gegen die Homophobie beim DFB beendet ist und die Dinge ganz allmählich ins Rollen kommen. 

Aber Fakt ist, dass nur ein offizieller Mitarbeiter für 26 Verbände, beziehungsweise für ca. 24.000 Vereine, beziehungsweise für über 7 Millionen DFB-Mitglieder als Vollzeit-Ansprechpartner zum Thema „Sexuelle Vielfalt“ zur Verfügung steht. 

Kampf gegen Homophobie im Fußball: Regenbogenflagge hissen ist nicht genug - hört den Sportlern zu!

Ich kann den Verantwortlichen in den Vereinen und Verbänden keinen Vorwurf machen, wenn sie nichts über Homophobie wissen. Sie wissen nicht, wie es sich anfühlt, aufgrund seiner Sexualität diskriminiert zu werden, weil sie zum größten Teil eben heterosexuelle Menschen sind.

Man muss aber den Vorwurf machen, dass eben diese entscheidenden Menschen, nicht zuhören, sich nicht mit dem Thema bewusst auseinandersetzen. Mit dem Hissen der Regenbogenflagge und der Einführung interner Gesprächsforen, die in vier Jahren ein Paar mal stattfinden, ist es leider nicht getan. Dies ist keine Kritik an den bisherigen Aktionen und Bemühungen. Diese müssen auch weiterführend stattfinden, auch gerne noch intensiver und beschleunigter.

Team München Streetboys: Sexualität kein Thema auf dem Platz - auch bei den Gegnern nicht

Ich spiele als offen gleichgeschlechtlich lebend und liebender Mensch Fußball. Im offiziellen Ligabetrieb. Mein Amateur-Verein bietet mir ein Umfeld, in dem ich keine Angst vor Homophobie haben muss. Mein Verein, die Team München Streetboys, sind der einzige queer-schwule Fußballverein im offiziellen Ligabetrieb. Es gibt im Übrigen etliche queere Fußballvereine in Deutschland und alle leben uns vor, wie man ein sicheres und tolerantes Umfeld schaffen kann.

Bei uns spielen homo- und heterosexuelle, sowie transgeschlechtliche Spieler. Sexualität ist kein Thema auf dem Platz, auch bei unseren Gegnern nicht, gegen die wir seit über 20 Jahren spielen. Die mögen uns nur dann nicht, wenn wir einmal mehr gezeigt haben, dass auch homosexuelle Menschen erfolgreich Fußball spielen können.

Homophobe Angriffe auf dem Fußballplatz: Das Schlimmste ist, wenn die Reaktion ausbleibt

Meine Zeit bei Team München hat mir eines gezeigt. Ich bin äußerst robust, wenn ich homophob angegangen werde, weil ich das nie als persönlichen Angriff werte, da mich derjenige nicht kennt. Ich reagiere eher gereizt, wenn Verantwortliche falsch oder gar nicht mit aufgetretener Homophobie umgehen.  

Wenn wir dem Schiedsrichter einen homophoben Vorfall melden und dieser dies nicht einmal notiert und am Ende auch nicht im Spielbericht vermerkt. Dann wird dass von keiner Statistik erfasst. Ergo, keine Erfassung, keine Homophobie.

Es ist ein Teufelskreis, den es zu zerbrechen gilt

Christoph Hertzsch über Achtlosigkeit im Umgang mit Homophobie.

Wenn also Vereine und Verbände keine validen Zahlen haben, wie oft und in welcher Form, Spieler homophob angegangen werden, dann sehen die Verantwortlichen intern einfach keine Gründe, das Thema noch weiter oben auf die Agenda zu setzen.

Keine Aufklärung. Keine Erfassung. Keine Priorisierung. Es ist ein Teufelskreis, den es zu zerbrechen gilt.

Das Wissen ist da: Wo bleibt der Mut, mit Experten über den Kampf gegen Homophobie zu sprechen?

Wir, die queeren Vereine, die queeren Communities in allen Städten, reichen gerne unsere Hände. Wir beantworten alle Fragen. Wir unterstützen beim Aufbau von Strukturen und Netzwerken. Wir wissen, die Vereine und Verbände können nicht ohne externe Unterstützung ein so großes Thema angehen.  

Das Wissen und Know-how existieren bereits. Die Verantwortlichen müssen nur endlich den entscheidenden Mut haben, herauszukommen und sich mit den Experten im Kampf gegen Homophobie zusammenzusetzen, um Konzepte zur Schaffung sicherer Räume zu entwickeln.

Dann wird über kurz oder lang auch der eine oder andere Spieler in den Profiligen den Mut haben, herauszukommen und er selbst zu sein. Ich hoffe, es dauert nicht noch einmal 8 Jahre.

Dies ist ein Gastbeitrag von Christoph Hertzsch. Er ist spielt für die Streetboys und ist Vorstandsmitglied im Team München.

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