Im Merkur-Interview

Ilkay Gündogan: "70 Millionen? Für Messi vielleicht"

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„Ich habe keine Schmerzen mehr – Haken dahinter“: Ilkay Gündogan will bei der Nationalelf wieder durchstarten.

Frankfurt - Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Nationalspieler Ilkay Gündogan über Transferwahnsinn, Spaß mit Thomas Tuchel und Entdeckung Julian Weigl.

Update vom 6. September 2015: Am Montag steht schon wieder das nächste Länderspiel an. Keine Zeit zum Durchpusten! Am Freitag triumphierte Deutschland mit 3:1 über Polen, die kommende Aufgabe heißt Schottland. Wollen auch Sie live vorm Fernseher mitfiebern? Hier gibt's die Info, wie und wo das geht.

Update vom 3. September 2015: Die deutsche Nationalmannschaft trifft in der EM-Qualifikation auf den Tabellenführer Polen. Mit einem Sieg könnte die Elf von Joachim Löw die Spitze erobern. Das ist auch der Anspruch des Weltmeisters. Aus den Spielen gegen Polen und Schottland fordert der Bundestrainer von seiner Mannschaft sechs Punkte. So können Sie das Spiel Deutschland gegen Polen im TV und Live-Stream sehen und erfahren ob der DFB-Elf das gelingt. 

Er hat 422 Tage nicht Fußball spielen können. Weltmeister sind andere geworden, er nicht, er war verletzt, seine Suche nach Hilfe führte ihn bis in ein Militärhospital auf der Krim. In der Zeit seiner Rekonvaleszenz gab es dann fiese Fotos, auf denen sein Hemd spannte. Doch nun sitzt er in der Bar des Frankfurter Hotels „Villa Kennedy“, ist gertenschlank (das italienische Gebäck kann ihn nicht verführen), fröhlich, freundlich. Ilkay Gündogan, 24, geht es wieder gut. Nach seinem Comeback bei Dortmund soll er auch in der Nationalmannschaft, die am Freitag (20.45 Uhr/RTL) in der EM-Qualifikation auf den Hauptwidersacher Polen trifft, eine zentrale Figur werden.

Ilkay, denken Sie manchmal daran, wie es Ihnen vor einem Jahr ging?

Vor genau einem Jahr war ich schon operiert worden und wieder positiv gestimmt, auch wenn ich noch nicht spielen konnte. Doch vor eineinhalb Jahren, da hatte ich mehr Fragezeichen im Kopf. Jetzt bin ich hier bei einer tollen Mannschaft und glücklich.

Hatten Sie Zweifel, auf das Niveau zurückzukommen, das sie etwa im Champions League-Finale 2013 verkörperten?

Klar. Es war überhaupt die Frage, wie es weitergeht. Man wusste lange nicht, was der nächste Schritt sein werde. Es hieß bei mir sechs Monate Pause, dann Wiederaufbau – es wurde aber komplizierter.

Nervwurzelreizsyndrom an der Lendenwirbelsäule – das ist der medizinische Terminus für das, was sie ausbremste. Ist heute alles bereinigt – oder hören Sie noch bange in Ihren Körper hinein?

Ich habe keine Schmerzen, keine Probleme. Für mich ist ein Haken dahinter gemacht.

Wie schafft man es, Fußball nicht zu verlernen, wenn man über ein Jahr nicht Fußball spielen kann?

Ich glaube, dass es abnimmt mit dem Verständnis, aber sobald der Fuß wieder an den Ball kommt, man bereit und fit ist, kehrt es Schritt für Schritt wieder. Bei mir war es so.

Ilkay Gündogan: "Jürgen Klopp hat sensationelle Arbeit geleistet"

Borussia Dortmund, Ihr Klub, ist auch wieder da. Tabellenführer der Bundesliga, der Fußball wird als vom anderen Stern gepriesen.

Wir hatten letzte Saison viele Verletzte, viel Rotation, durch die Niederlagen haben wir Automatismen und die Selbstverständlichkeit in unserem Spiel verloren. Mit der Sommerpause wurde alles auf Null gestellt, es kam ein neues Trainerteam, das einen neuen Input brachte. Der Spaß ist zurück, man denkt nicht mehr allzu sehr nach, wenn man auf dem Platz steht, sondern macht einfach. Deshalb haben wir deutlich mehr Punkte auf dem Konto.

Liegt’s am Wechsel auf der Trainerstelle von Jürgen Klopp zu Thomas Tuchel?

Wenn man anfängt, Vergleiche zu ziehen, wird man niemandem gerecht. Fakt ist, dass Jürgen Klopp sensationelle Arbeit geleistet hat in Dortmund – und das über Jahre hinweg. Es war nur ein halbes Jahr, die Hinrunde, die katastrophal lief – das macht nicht die anderen sechseinhalb Jahre schlecht. Klopp hat diesen Verein in die Elite zurückgeführt. Mit Thomas Tuchel hat ein neues Kapitel begonnen, der Start war positiv, doch es wird sicher Rückschläge geben, wie immer. Aber Borussia Dortmund hat den richtigen Trainer ausgewählt, das steht fest.

Bei der Saisoneröffnungsfeier wurden Sie ausgepfiffen, der Anhang glaubte, Sie wären nur noch da, weil Sie sich bei anderen Vereinen verpokert hätten. Wie steht es nun zwischen den Fans und Ihnen?

Wieder besser. Bei den letzten Auswechslungen gab’s ziemlich viel Applaus, und das tut einem auch wieder gut. Die Leute sehen, dass ich mich reinhaue. Mit Leistung zahlt man vieles zurück.

Sie waren dann doch nicht ins Transfergeschachere involviert. Trotzdem: Haben Sie den „Deadline Day“ verfolgt?

Ich habe es versucht, es war aber kaum möglich. Schon Wahnsinn, was da für Summen kursieren, auch was für Gerüchte entstehen. Es wird wohl noch schlimmer werden, aber dagegen kann man nichts tun, das ist eben der Fußball jetzt.

Ilkay Gündogan: "Julian Weigl hat sein Ding durchgezogen"

Kann man das alles noch mit dem Verweis auf die Regeln des Marktes rechtfertigen?

Es ist schon die Frage, wenn es bei 70 Millionen nicht mehr endet, wer das wert sein soll. Für mich vielleicht Lionel Messi, sonst nicht viele Spieler. Bewertet werden zwar die fußballerischen Künste, dennoch wird letztlich der Mensch transferiert. Wir Spieler haben aber keinen Einfluss darauf, da stehen andere Leute in der Verantwortung.

Ein Schnäppchen Ihres Klubs war Julian Weigl vom TSV 1860. Er spielt neben Ihnen als Sechser im Mittelfeld. Überrascht sie seine Entwicklung?

Ja, denn es lief ja weder für ihn persönlich noch für seinen Verein gut vergangene Saison in der 2. Liga. Aber er hat vom Beginn der Vorbereitung an sein Ding durchgezogen, konzentriert trainiert, gute Spiele gemacht und sich seinen Status verdient. Der Trainer hat – und das ist auch seine Qualität – erkannt, dass in diesem Jungen was steckt und schafft es, sein Leistungsvermögen herauszuholen. Julians Potenzial ist enorm, an uns liegt es jetzt, ihm unterstützend die Hand zu reichen, ihn mitzuziehen.

Mit den EM-Qualifikationsspielen gegen Polen und in Schottland beginnen nun die englischen Wochen, für Sie und den BVB steht bald auch die Europa League an. Die Gegner heißen Krasnodar und Quäbälä. Eine andere Welt als die Champions League.

Man kennt die Namen der gegnerischen Spieler und Trainer kaum – aber an der Spitze wird dieser Wettbewerb immer interessanter. An uns liegt es, diese Spitze herauszufordern und den Weg vielleicht bis ins Finale zu schaffen.

Das Interview führte Günter Klein

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