tz-Interview mit Marcus Urban

"Die Homophobie ist immer noch da"

+
Marcus Urban, schwuler Ex-Fußballer.

München - Marcus Urban (42) war einer der ersten Fußballer, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. Die tz sprach mit ihm über das Outing von Thomas Hitzlsperger.

Aufgewachsen in Thüringen, wurde Urban DDR-Jugendnationalspieler und kickte bis Anfang der 1990er-Jahre als Amateurspieler für Rot-Weiß-Erfurt. Kurz vor dem Sprung in den Profibereich beendete er seine Karriere, weil er sich als Schwuler nicht länger verstecken wollte („Du verbrauchst so viel Kraft, dass sie dir am Ende fehlt“). 2007 outete er sich, 2008 erschien seine Biografie Versteckspieler. Urban arbeitet als Personal Coach, ist Berater für Sportler und Mitbegründer eines Expertennetzwerkes. Die tz sprach mit ihm über das Outing von Thomas Hitzlsperger.

Herr Urban, wie sehen Sie die Reaktionen auf das Outing von Thomas Hitzlsperger?

Marcus Urban: Es gibt einen großen Schwung an Anerkennung. Und ich finde es gut, dass sie aus allen Teilen der Gesellschaft kommt. Das hat die Diskussion um Schwule in der Gesellschaft neu entfacht.

Welche Konsequenzen wird dieses Outing jetzt haben?

Urban: Es zeigt, dass die Menschen frei sein wollen – alle Menschen, nicht nur Fußballer. Das kann man ja auch den Reaktionen entnehmen. Aber es gibt eben auch die sozialen Medien, und da erkennt man, dass die Homophobie einfach immer noch da ist. Es gibt da genug negative Kommentare.

Sie sind Mitbegründer des Netzwerkes „Fußball gegen Homophobie“ – welche Reaktionen erfahren Sie dort?

Urban: Ich bekomme natürlich viel Rückmeldung – und die sind teilweise wirklich nicht witzig. Es gibt auch weiterhin im Sport homophobe Übergriffe – sowohl in Großstädten, als auch auf dem Land. Man darf auch nicht vergessen, dass in einigen Kulturen Homosexualität immer noch strafbar ist.

Diese Sportler outeten sich als homosexuell

Thomas Hitzlsperger hat einen mutigen Schritt gewagt. © AFP
Als bisher prominentester Fußballer hat sich der Ex-Nationalspieler als schwul geoutet. Wir zeigen Ihnen, welche Sportler sich schon vor Hitzlsperger zu ihrer Homosexualität bekannt haben. © AFP
Tom Daley: Der britische Wasserspringer enthüllte seine Liebe zu einem Mann Anfang Dezember 2013 im Internet: „Ich habe jemanden getroffen, der mich so glücklich gemacht hat, der mir Sicherheit gegeben hat. Es fühlt sich alles einfach großartig an. Und dieser Jemand - war ein Mann.“ © AFP
Justin Fashanu: Der britische Fußballer war 1990 der erste aktive Profi, der sich outete. Acht Jahre später erhängte sich der damals 37-Jährige nach einer regelrechten Hetzjagd in Großbritannien am 2. Mai 1998 in einer Garage. © dpa
Anton Hysen: 2011 outete sich der Schwede als erster prominenter Fußballer in dem skandinavischen Land. © Anton Hysen bei Twitter
Greg Louganis: Der viermalige Goldmedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele 1984 und 1988 hatte kurz vor den Spielen in Seoul die HIV-Diagnose erhalten, dies aber zunächst verschwiegen. In der Qualifikation des 3-m-Wettbewerbs schlug er dann mit dem Kopf auf das Brett und zog sich dabei eine blutende Wunde zu. Diese wurde von einem Arzt ohne Handschuhe versorgt, der von der HIV-Infektion nichts wusste, später aber negativ getestet wurde. © AFP
Brian Orser: Der zweifache Silbermedaillen-Gewinner im Eiskunstlauf hatte lange versucht, seine Homosexualität zu verbergen - bis sie durch einen Prozess um den Unterhaltsanspruch seines Ex-Partners im Februar 1999 bekannt wurde. © AFP
John Amaechi: Der frühere NBA-Profi bekannte sich nach seiner Karriere in der nordamerikanischen Profiliga in seiner Autobiografie „Man in the Middle“ als erster Basketballer. © AFP
Robbie Rogers: Anfang 2013 outete sich der Fußballer und gab gleichzeitig seinen sofortigen Rücktritt bekannt. Am 27. Mai gab er für Los Angeles Galaxy in der 77 Minute sein Comeback und ist damit der erste geoutete homosexuelle Profi, der in der MLS ein Spiel absolvierte. © AFP
Brian Boitano: Der Eiskunstlauf-Olympiasieger outete sich im Dezember als schwul, zwei Tage nach seiner Berufung in die US-Delegation für die Winterspiele in Sotschi. „Ich bin ein Sohn, ein Bruder, ein Onkel, ein Freund, ein Sportler, ein Koch, ein Autor. Und schwul zu sein ist nur ein weiterer Teil von mir“, hieß es in einer von USA Today veröffentlichten Stellungnahme des 50-Jährigen. © AFP
Gareth Thomas: 2009 bekannte sich der Rugbyspieler zu seiner Homosexualität und wurde am Ende des Jahres an die Spitze der Pink List gewählt, der einflussreichsten Homosexuellen Englands. Eine Verfilmung seines Lebens ist geplant. © AFP
Mark Tewksbury (l.): Kurz nach seinem Outing 1998 verlor der Schwimm-Olympiasieger von Barcelona 1992 einen lukrativen Werbevertrag, weil er „zu offen schwul“ sei. 2008 sprach der Kanadier anlässlich einer neuen Verordnung zur Stärkung der Rechte Homosexueller vor der UN-Vollversammlung in New York. © AFP
Orlando Cruz: Der Federgewichtler aus Puerto Rico wollte als erster offen schwuler Boxer Weltmeister werden. Seinen WM-Kampf im Oktober 2013 gegen den Mexikaner Orlando Salido verlor er jedoch. Cruz hatte im Oktober 2012 sein Coming-out. © dpa
Martina Navratilova: Unfreiwillig war das Outing der Tennis-Legende. Ein New Yorker Journalist, dem sie 1981 eine Romanze anvertraute, verriet das Geheimnis. Zu jenem Zeitpunkt habe sie selbst nicht über ein Coming-out nachgedacht, sagte sie in einem „Spiegel“-Interview Jahre später. © dpa
Steffi Jones: Die 111-malige Nationalspielerin und Direktorin des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ließ sich beim „Ball des Sports“ 2013 in Wiesbaden mit ihrer Freundin Nicole fotografieren. Mitte 2014 will das Paar heiraten. © dpa
Ursula Holl: Als eher zufällig gilt das Outing der früheren Fußball-Nationaltorhüterin. Als sie in Köln mit ihrer Lebensgefährtin Carina eine eingetragene Lebenspartnerschaft einging, tauchte ein WDR-Team auf. Das war eigentlich auf der Suche nach Menschen, die an diesem Tag nicht das deutsche WM-Spiel gegen Serbien im Fernsehen sehen konnten, weil sie aufs Standesamt mussten¿. © dpa

Thomas Hitzlsperger hat ja betont, dass er das Outing auch mit Blick auf die anti-homosexuellen Gesetze in Russland und damit auch die Olympischen Winterspiele in einem Monat in Sotschi gemacht hat. Ein wichtiges und richtiges Zeichen?

Urban: Ja, deshalb ist das Outing ja auch bundesweit zu sehen: Thomas Hitzlsperger hat ein gutes Klima geschaffen. Und sein Outing ist gut organisiert, deshalb können wir alle hoffen, dass da noch viel mehr kommt, dass noch viel mehr Menschen für ein vielfältigeres Leben eintreten.

Erwarten Sie auch weitere Aktionen bei den Winterspielen in Sotschi?

Urban: Ich würde es mir wünschen. Und was ich so gehört habe, ist da einiges in Planung. Thomas Hitzlsperger hat ja gesagt: Die Homophoben haben jetzt einen Gegner mehr – es sind noch viele, viele mehr.

Viele Homosexuelle befürchten ja, dass sie nach einem Outing nicht mehr in ihrem Sport weiterarbeiten können, etwa als Trainer – wie sind da Ihre Erfahrungen?

Urban: Ich habe über unsere Netzwerke oft erfahren, dass sich Trainer, Spieler und auch Schiedsrichter geoutet haben. Und es ist auch möglich, danach weiter in diesem Sport zu arbeiten. Oft ist es sogar so, dass die Sportler noch mehr akzeptiert werden. Oder dass die Sportler sagen: Wir haben einen total mutigen Trainer. Er verdient jetzt noch mehr Respekt. Aber wir dürfen nicht vergessen: So ein Outing kostet Überwindung.

Interview: Bernd Brudermanns

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Torwart rastet in der B-Klasse München aus - Trainer: „Diese Gewalt in 20 Jahren nie erlebt“
Torwart rastet in der B-Klasse München aus - Trainer: „Diese Gewalt in 20 Jahren nie erlebt“
Wieder Ärger um Neymar: Was machte er da in Barcelona?
Wieder Ärger um Neymar: Was machte er da in Barcelona?
Premier-League-Kracher im Ticker: Meisterschaft schon klar? Eiskaltes Liverpool besiegt Manchester City
Premier-League-Kracher im Ticker: Meisterschaft schon klar? Eiskaltes Liverpool besiegt Manchester City
Nach Debakel gegen FCB: BVB könnte im Sturm nachlegen - mit einem Ex-Bayern
Nach Debakel gegen FCB: BVB könnte im Sturm nachlegen - mit einem Ex-Bayern

Kommentare