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Ehemaliger Favre-Schützling im Interview: So tickt der neue BVB-Coach

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Von: Jonas Austermann

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Der neue starke Mann bei Borussia Dortmund: Lucien Favre übernimmt das Zepter beim Champions-League-Teilnehmer.
Der neue starke Mann bei Borussia Dortmund: Lucien Favre übernimmt das Zepter beim Champions-League-Teilnehmer. © dpa / Bernd Thissen

Mit Lucien Favre will Borussia Dortmund nach einem Jahr zum Vergessen wieder angreifen. Doch was macht den Schweizer aus? Ex-Schützling Thorben Marx erklärt die Philosophie des Trainers.

München - Niko Kovac ist der neue starke Mann beim FC Bayern, sein großer Gegenspieler in der kommenden Saison könnte Lucien Favre werden. Der Schweizer übernahm den Trainerposten bei Borussia Dortmund, soll die Lücke zum Rekordmeister schrumpfen lassen. Thorben Marx spielte bei Borussia Mönchengladbach viereinhalb Jahre unter Favre. Im tz-Interview verrät er, wie der Bayern-Jäger tickt.

Sie haben unter Lucien Favre in Mönchengladbach gespielt. Wie tickt der neue BVB-Trainer?

Marx: In erster Linie ist er ein hervorragender Trainer. Ich denke sogar einer der besten, die es in Europa gibt - vom Fachlichen. Er lebt wirklich für den Fußball und ist in der Lage, jeden Spieler und jede Mannschaft besser zu machen. Mit dem Potenzial, das er in Dortmund vorfindet, kann er sehr viel anfangen. Ich glaube, dass das zumindest für die ersten zwei, drei Jahre eine erfolgreiche Konstellation sein könnte.

Und dann?

Marx: Dann muss man schauen, wie er menschlich zum Umfeld passt. Er ist sehr, sehr speziell. Er hat schon Defizite im Umgang mit Leuten, und in der Kommunikation. Er ist ein Trainer, der kritischen Vier-Augen-Gesprächen gerne aus dem Weg geht. Gerade in Dortmund, bei einem Arbeiterklub, braucht man ein Händchen für die Leute.

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Gibt es ein Geheimnis, warum es in den ersten Jahren mit Favre klappt und dann irgendwann nicht mehr?

Marx: Er schafft es, einer Mannschaft schnell seinen Stempel aufzudrücken, kann seine Vorstellungen sehr gut vermitteln. Aber das ist auch anstrengend. Du hörst über Jahre jeden Tag die gleichen Sachen. Irgendwann kommt ein Punkt, an dem du sagst: Ich kann das nicht mehr hören. Lucien ist keiner, der über die Motivation kommt. Du weißt vor jeder Besprechung eigentlich schon, was kommt.

Wie sieht das Training unter Favre aus?

Marx: An zwei, drei Tagen pro Woche hat er Dummys aufgestellt, die die Gegenspieler simulieren. Er hat uns Pässe spielen und Offensivaktionen kreieren lassen, hat zudem viel auf der Taktiktafel gezeigt. Jeder Spieler wusste, was er zu tun hat und wo sein Mitspieler hinläuft. Das war schon sehr gut.

Was verändert er in der Vorbereitung?

Marx: Die war natürlich sehr intensiv. Es gab auch ein paar Laufeinheiten, aber Lucien versucht schon, das Training so auszurichten, dass immer der Ball dabei ist. Eine Einheit geht auch schon mal länger als zwei Stunden - gerade in der Vorbereitung. Aber auch während der Saison kann das mal vorkommen, wenn er wirklich viel ansprechen möchte. Sonst dosiert er das Training richtig gut, als Spieler fühlt man sich unter ihm sehr fit.

Wie sah es in Sachen Aufstellung aus? Wussten Sie  früh, wer spielt?

Marx: Es hat sich unter der Woche abgezeichnet. Bei guten Ergebnissen war es eh klar, denn Lucien war keiner, der viel gewechselt hat. Er lässt nicht groß rotieren. Ich bin gespannt, wie er es in Dortmund mit der Champions League und dem großen Kader macht.

Borussia Mönchengladbach - Thorben Marx
Thorben Marx spielte bei den „Fohlen“ unter Lucien Favre. © picture-alliance/ dpa / Rolf Vennenbernd

Favre gilt als sehr akribisch. Wie äußert sich das im Miteinander?

Marx: Du hast als Spieler das Gefühl, dass er sich 24 Stunden nur mit Fußball beschäftigt und immer versucht, sich taktisch weiterzuentwickeln. Auf dem Trainingsplatz zeigt er dir viele Kleinigkeiten. Zum Beispiel: Wie greifst du deinen Gegenspieler an? Wie bewegst du dich bei der Ballannahme? Die kleinen Details sind ihm sehr wichtig, das macht die Spieler am Ende auch besser.

Gehen die Gespräche über das Fußballerische hinaus?

Marx: Das habe ich in meiner Zeit mit ihm nicht einmal mitbekommen. Ihn interessiert wirklich nur, was auf dem Platz passiert. Ihn interessiert auch nicht, ob die Waage mal zwei Kilo mehr anzeigt.

Was macht Favre taktisch aus?

Marx: Er teilt das Spielfeld in drei Zonen ein - Defensive, Mittelfeld, Offensive. Die Balance dazwischen ist ihm sehr wichtig. Er sagt, dass die Spieler im offensiven Drittel schon kreativ sein dürfen, aber vorher will er, dass die Automatismen funktionieren.

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Wie ist Favres Spiel in den ersten beiden Dritteln angelegt?

Marx: Viel über flache Pässe. Die Spieler sollen kombinieren, Schnittstellen finden und sich in Zwischenräumen aufhalten. Er will schon von hinten raus Fußball spielen lassen - mit viel Risiko, auch vom Torwart. Dann soll das Spiel über Tempowechsel beschleunigt werden.

Mit Marco Reus und Mo Dahoud trifft er in Dortmund zwei Spieler, die er schon aus Gladbach kennt. Wie wichtig ist das für Favre?

Marx: Er freut sich auf die beiden Spieler, weil er einen großen Anteil an ihrer Entwicklung hat. Marco Reus ist unter ihm zum Fußballer des Jahres in Deutschland geworden. Marco hat Lucien viel zu verdanken, aber auch andersrum. Marco hält sehr viel von Favre. Es ist nur gut für Lucien, dass er im Verein eine Ansprechperson hat, die mittlerweile ein hohes Standing hat. Auch Mo Dahoud wird wieder eine bessere Rolle spielen als in der letzten Saison.

Glauben Sie, dass er mit dem BVB die Bayern angreifen kann?

Marx: Ich glaube, dass die Dortmunder wieder näher heranrücken können. Er hat Mannschaften immer soweit gebracht, dass sie schwer zu schlagen sind und attraktiven Fußball gespielt haben. Ob es für den Titel reicht, wird man sehen. Aber es wird auf jeden Fall enger.

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Interview: Jonas Austermann

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