Fanforscher Harald Lange

Interview zum Profi-Sport: „Moral ist nicht mal mehr zweitrangig“

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Fußball-WM 2006 - Organisationskomitee

München - Wie viel kostet Sport im Fernsehen? Wie verändert sich das und gibt es ein Schreckensszenario für die Wirtschaft? Soziologe und Fanforscher Harald Lange über den Zirkus Profisport.

Passiv-Fußball ist kein billiges Hobby. Gemäß der alljährlichen Marktuntersuchung des Beratungshauses PR Marketing zum „Fankosten-Index“ für die Bundesliga sind seit der Saison 2010/11 die Preise für die jeweils günstigsten Dauerkarten um 13 Prozent gestiegen. Im Schnitt kosten die Saisontickets der billigsten Kategorie 183,23 Euro. Am teuersten ist derzeit wegen seines kleinen Stadions der SV Darmstadt 98 mit 240 Euro. Der VfL Wolfsburg ist mit 130 Euro am günstigsten, die billigste Dauerkarte des FC Bayern kostet 140 Euro, Borussia Dortmund verlangt 207 Euro. In der englischen Premier-League kostet die günstigste Dauerkarte im Schnitt 494,25 Euro! Sportwissenschaftler, Soziologe und Fanforscher Harald Lange (Uni Würzburg) spricht bei uns über den Zirkus Profisport, Fußball-Ultras und den ironischen Mehrwert von RB Leipzig.

Herr Professor Lange, 2016 war schon wieder kein gutes Jahr für den Profisport. Das Staatsdoping in Russland mit seinen olympischen Folgen, FIFA- und UEFA-Skandale, der Fall des vermeintlichen WM-Ehrenamtlers Franz Beckenbauer, jetzt noch die Football-Leaks-Enthüllungen. Und trotzdem scheint das Interesse der Zuschauer und Fans nicht abzuebben.

Professor und Fan-Forscher Harald Lange.

Lange: Nicht auf breiter Front, das stimmt. Aber für jeden, der kein Fan ist, sind diese Entwicklungen abstoßend und erschreckend. Und für uns als Forscher ist es sogar noch erschreckender, wie große Teile der Sportfans damit umgehen. Viele scheint es überhaupt nicht zu stören, was da alles ans Licht kommt. Die Einschaltquoten sind gut, die Stadien voll, das Fernsehgeld im Fußball und bei Olympia sprudelt. Es ist eben Unterhaltung, so wird es gesehen. Moralische Maßstäbe sind da nicht mal mehr zweitrangig.

Solange das Geld aus der Privatwirtschaft kommt...

Lange: ...ist dagegen nichts einzuwenden. Aber so ist es ja nicht! Der staatlich geförderte Spitzensport hat eine gewaltige Sinnkrise. Doping und Korruption sind längst systemimmanent, über die Werte des Sports traut sich schon gar niemand mehr ernsthaft zu reden. Und man sieht es an den abgelehnten Olympiabewerbungen, dass die Mehrheit der Bevölkerung den Zirkus vor der eigenen Haustüre gar nicht mehr will.

Dann begrüßen Sie sicher auch, dass die Olympischen Spiele ab 2018 nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Gebührenfernsehen übertragen werden.

Lange: Das war die einzig richtige Entscheidung. Wenn ARD und ZDF das Gebot von Discovery (Eurosport-Konzernmutter) mit Gebührengeldern ausgestochen hätten, dann wäre das ein Skandal gewesen! Ich kann auch nicht nachvollziehen, wie das ZDF die Liverechte für die Champions League kaufen konnte. Weil die Zuschauer das so wollen? Ich bin mir sicher, dass sie eine breite Mehrheit für den Vorschlag bekommen würden, die Gebühren um fünf Euro zu senken und dafür keinen Live-Fußball mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu zeigen.

Das Magazin „11Freunde“ titelte jüngst mit der Story vom „Untergang des Fußballs“. Die Kernaussage: Eine Bundesliga ohne den Anflug von Chancengleichheit sei nicht mehr interessant. Rechnen Sie auf absehbare Zeit mit einem Rückgang des Interesses?

Lange: Langeweile ist der Feind jeder Unterhaltung. Wenn die Spannung nur noch darin besteht, ob der FC Bayern im Februar oder März Meister wird, dann wird es schwierig. Aber jetzt gibt es ja Leipzig. Dass ausgerechnet dieses Marketing-Instrument die Liga wieder etwas spannender gemacht hat, ist für mich der Gipfel der Ironie. Und wenn ich dann sehe, wie sich Bayern- und Dortmund-Funktionäre öffentlich über Leipzig echauffieren, dann ist das nur noch peinlich. Da muss die Angst schon sehr groß sein, dass ihnen jemand ein Stück vom Kuchen wegnimmt.

Einen Gegensatz zum funktionierenden Investoren-Modell RB Leipzig bilden die Münchner Löwen, wo die Fans trotz Investoren-Geld leiden müssen.

Lange: Ja, auch investieren will gekonnt sein. 1860 ist in dieser Hinsicht vergleichbar mit dem HSV, erschwerend kommt hinzu, dass man auch noch im Stadion des übermächtigen Lokalrivalen spielt. Mit den Löwen-Fans habe ich Mitleid. Im Grunde ist bei diesem Klub inzwischen alles austauschbar. Das Einzige, was die Sechziger noch haben, ist die Treue ihrer Fans. Wenn sie gebraucht werden, sind sie da. Diese Leidensfähigkeit könnte ich mir beim Leipziger Publikum so nicht vorstellen.

Vom Mangel an echter Spannung mal abgesehen – worin besteht für Sie die größte Gefahr für den Fußball als TV-Sport Nummer eins?

Lange: Eindeutig im Thema Doping. Das wird immer noch marginalisiert – auch von den Medien, die ja sehr gut vom Fußball leben. Dabei ist es komplett absurd zu glauben, dass Doping im Fußball nichts bringen würde. Nur sind die Mauern in diesem Milliardengeschäft inzwischen so dick, dass kaum etwas Stichhaltiges nach außen dringt. Aber das wird nicht so bleiben. Und wenn es erst mal ins breite Bewusstsein sickert, dass der Profifußball keineswegs die Insel ist, als die er sich gerne darstellt, dann bin ich mir sicher, dass an der Fan-Front was einbrechen wird. Wettmanipulationen sind das andere große Thema. Auch da geht es an den Kern: die Glaubwürdigkeit.

Ist die gerne hochgehaltene „Fankultur“ angesichts dieser Entwicklungen nur noch Romantik?

Lange: In erster Linie geht es den aktiven Fans immer noch um das Gemeinschaftsgefühl. Spieltage sind Oasen im Alltag. Das Treffen an bestimmten Orten, die Fachsimpelei, der Weg ins Stadion, das gemeinsame Anfeuern – alles in einer Regelmäßigkeit, die dem Leben Struktur gibt: Das ist der Kern des Fan-Seins. Und Fußballschauen ist ein sozial verbindendes Thema. Worüber sonst können Leute aus allen Gesellschaftsschichten auf Augenhöhe miteinander diskutieren? Der Fußball ist der Kitt.

Welche Rolle spielen Romantik und Nostalgie?

Lange: Kommt drauf an. Für den Fußball-Konsumenten ist das nicht wichtig. Für den Ultra ist es zentral. Die Sehnsucht nach der Zeit vor der totalen Kommerzialisierung steigt, je mehr das Spiel zum Event stilisiert wird.

Was interessiert Sie als Soziologe an den Ultras?

Lange: Mich interessiert das ganze Phänomen, die Kontraste. Während es Jugendlichen im Allgemeinen immer mehr darum geht, im Mainstream mitzuschwimmen und nicht anzuecken, ist es bei den Ultras genau andersrum. Sie wollen sich nicht vereinnahmen lassen von Trends und Moden und kommen dadurch nicht selten auch in Konflikte mit ihren eigenen Vereinen.

Wie lösen Ultras diesen inneren Konflikt zwischen Anti-Kommerzialisierung und Unterstützung eines Profi-Vereins?

Lange : Indem sie auf die Ausprägung der Kommerzialisierung bei ihrem Verein hinweisen und Entwicklungen kritisieren, die die Identität gefährden. Ultras verstehen sich als Supporter und Korrektiv.

Von Außenstehenden werden Ultras häufig mit Gewalt und Pyrotechnik gleichgesetzt.

Lange: Sie sagen es: von Außenstehenden. Wir haben hierzu kürzlich eine Befragung durchgeführt und die Meinung von Stadionbesuchern zu unterschiedlichen Akteuren mit der der Bevölkerung im Allgemeinen verglichen. Die Ergebnisse sind sehr interessant. Gerade mit Blick auf die Ultras und die Polizei gibt es extreme Differenzen. Die Meinung zu Ul­tras fällt in der allgemeinen Bevölkerungsumfrage wesentlich schlechter aus als in der Stadionerhebung. Im Gegensatz dazu ist die allgemeine Meinung von der Polizei deutlich höher als bei Stadionbesuchern.

Was folgern Sie daraus?

Lange: Es wird sehr viel pauschalisiert. Nicht nur in vielen Medien, sondern auch von zahlreichen Vereinen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Straftaten müssen verfolgt und sanktioniert werden. Aber Kollektivstrafen bewirken genau das Gegenteil des Bezweckten. Wer regelmäßig zum Profifußball geht, der weiß, dass ein Stadion einer der sichersten Orte ist, wo man am Wochenende hingehen kann. Und zu den Ultras: Die fahren nicht ins Stadion, um sich zu prügeln, sondern um ihren Verein mit Gesängen und Choreografien zu unterstützen. Und natürlich verehren sie sich dabei auch ein Stück weit selbst.

Warum sind den Ultras Bengalos so wichtig?

Lange: Anfangs war es Romantik, die viel zitierte „südländische Atmosphäre“, die von der DFL und der Polizei nicht geahndet wurde. Es gab einen Dialog zwischen DFB und den Ultras. Die Ausschreitungen beim Pokalspiel Dortmund gegen Dresden im Oktober 2011 waren dann der Wendepunkt. Theo Zwanziger (Ex-DFB-Präsident) und Reinhard Rauball (DFL-Präsident) haben in völliger Unkenntnis der Verhältnisse den Dialog mit den Fans aufgekündigt und fortan in Sachen Pyrotechnik eine Basta-Politik gefahren. Mit der Folge, dass Bengalos für die Ultras eine Symbolfunktion für Opposition eingenommen haben. Laut ZIS (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, d. Red.) wurden in der letzten Bundesliga-Saison mehr Menschen durch Reizgas verletzt als durch Pyros.

Halten Sie eine Wiederaufnahme des Dialogs noch für möglich?

Lange: Es gibt Beispiele, dass ein Miteinander möglich ist. Die norwegische Liga hat gute Erfahrungen damit gemacht, den Ultras eigene Bereiche in den Stadion einzurichten, wo das Abbrennen von Pyros unter Mitwirkung von geschultem Personal gestattet ist. Das könnte ich mir auch in Deutschland vorstellen, es war ja auch schon in der Diskussion. Aber um den Dialog wieder aufzunehmen, müssten DFL und DFB eine Rolle rückwärts machen. Und da weiß ich nicht, ob sie sich das trauen.

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