Kommentierende Analyse

„Ich als Nationaltrainer?“ Idee für Löw-Nachfolge - Diesen Bundesliga-Trainer hat niemand auf dem Plan

Wie lange ist Joachim Löw noch Bundestrainer? Es gibt etliche Diskussionen um seine Nachfolge. Ein Name fällt dabei kaum - dennoch könnte man über ihn nachdenken.

  • Jogi Löw wird wohl nicht mehr lange Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sein.
  • Als Nachfolger werden unter anderem Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel gehandelt.
  • In der Bundesliga gebe es aber auch einen Coach, über den man nachdenken könnte: Christian Streich. Eine kommentierende Analyse.

Freiburg - Bundestrainer Jogi Löw wirkt angezählt und scheint spätestens nach dem historischen 0:6-Debakel in Spanien keine längerfristige Option beim DFB zu sein. Vermutlich nach der Europameisterschaft 2021 wird sich auf der Trainerposition der deutschen Nationalmannschaft etwas tun: Egal ob Löw freiwillig aufhört oder nach dem Turnier vor die Tür gesetzt wird. Schon jetzt gibt es einige Gerüchte um die Nachfolge.

Neben den üblichen Nachfolge-Kandidaten gebe es auch in der Bundesliga eine interessante Lösung. Ist Christian Streich als Bundestrainer tatsächlich so abwegig, fragt tz.de-Autor Andreas Schmid.

DFB-Team: Streich ein Trainer-Kandidat? „Wissen Sie, wie viele Punkte ich gerade hier mit Freiburg habe?“

Vor dem anstehenden Duell beim FC Augsburg äußerte sich Freiburg-Coach Christian Streich zur Zukunft der deutschen Nationalmannschaft. Auf die Frage, ob auch er sich vorstellen könne, Bundestrainer zu werden, sagte Streich überrascht: „Ich? Als deutscher Nationaltrainer? Wissen Sie, wie viele Punkte ich gerade hier mit Freiburg habe? Da gibt es ein paar Hundert andere, die das vor mir werden sollten. Das ist, glaube ich, der Ehre zu viel.“ Gewohntes Understatement aus dem Breisgau - aber tatsächlich so abwegig?

Zugegeben, Streich sorgt mit dem Sportclub im Moment nicht gerade für positive Schlagzeilen. Seit dem 1. Spieltag warten die Schwarzwälder auf einen Sieg und finden sich dementsprechend mit sechs Zählern im Tabellenkeller wieder. Das aktuelle Tief soll die herausragende Arbeit, die der frühere Profi (Stuttgarter Kickers, Freiburg, Homburg) seit Jahren an der Dreisam leistet, jedoch nicht schmälern.

DFB-Team: Christian Streich als Nationaltrainer? Darum könnte es funktionieren

Seit der aktuell dienstälteste Trainer der Liga die Profis des SC im Januar 2012 übernahm, hat sich Freiburg zu einem festen Bestandteil der Bundesliga entwickelt. Rückschläge wie das fast schon traditionelle Abwandern von Stammspielern (zuletzt Waldschmidt, Koch und Schwolow) sind ebenso einkalkuliert wie eine Saison im Abstiegskampf. Gleichzeitig gibt es auch Ausreißer nach oben: Die zweimalige Teilnahme an der Europa League sowie Tabellenplatz acht in der Vorsaison zeigen, dass auch mit einem kleinen Etat etwas möglich ist - wenn man denn den richtigen Trainer hat. Und genau den sucht der DFB im Moment doch, oder?

Mit Christian Streich stünde dem viel zitierten Umbruch nichts mehr im Wege. Der ehemalige Nachwuchscoach des SC hat bewiesen, dass er junge Talente fördern kann. Der Fußballlehrer entwickelte in der U19 schon einige Spieler zu gestandenen Bundesligaprofis: Christian Günter, Jonathan Schmid, Nicolas Höfler (alle noch Freiburg), Oliver Baumann (Hoffenheim), Alexander Schwolow (Hertha), Matthias Ginter (Gladbach), Ömer Toprak (Bremen), Daniel Caligiuri (Augsburg) oder Dennis Aogo (zuletzt Hannover, jetzt Karriereende). Die Liste ist lang. 46 der 67 Bundesliga-Debütanten unter Streich waren jünger als 23 Jahre alt.

Christian Günter debütierte 2012 im Trikot des SC Freiburg und führt den Sportclub mittlerweile als Kapitän aufs Feld. Trainer damals wie heute: Christian Streich.

DFB-Team: Wie würde die Nationalmannschaft unter Christian Streich agieren?

Taktisch gesehen ist Streich ein Freund des 4-4-2-Systems, in der Regel mit Doppel-Sechs im Mittelfeld, in der Vergangenheit aber auch schon mit einer Raute. Der gelernte Industriekaufmann bevorzugt in jedem Fall zwei Stürmer. Liegt hier das Problem? Deutschland scheint seine Stammformation noch nicht gefunden zu haben und lief im Jahr 2020 bereits im 4-2-3-1, 4-3-3, 3-4-2-1 und 3-4-1-2 auf. Mit zwei Spitzen sah man das DFB-Team nur gegen die Schweiz und Spanien (jeweils 1:1). Ein Sturmduo bestehend aus Timo Werner und Leroy Sané könnte langfristig jedoch funktionieren.

Kniffliger wird es in der Defensive. Streich trainiert mit dem SC Freiburg eine Mannschaft, die lieber dem Gegner das Spiel überlässt, statt auf eigenen Ballbesitz zu setzen und folglich eher defensiv agiert. Nichtsdestotrotz hat man in der Vergangenheit bereits Experimente in der Freiburger Abwehr gesehen. Weil der SC mit Jonathan Schmid und Christian Günter über offensivstarke Außenverteidiger verfügt, kann es durchaus vorkommen, dass Streich eine Dreierkette aufs Feld schickt. Realtaktisch entwickelt sich dieses System zwar eher zu einer Fünferkette, doch die Ähnlichkeiten zur Nationalmannschaft sind zumindest im Ansatz erkennbar.

DFB-Team: Streich könnte den Ruf der Nationalmannschaft wiederherstellen

Ob sich der DFB traut, mit Streich ein international völlig unbeschriebenes Blatt zum Bundestrainer zu machen, ist fraglich. Die Fallhöhe scheint letztlich zu groß zu sein. Keine Zeit für Experimente? Mit dem 55-Jährigen könnte der deutsche Fußball-Bund allerdings sein ramponiertes Image aufpolieren. Mit einem bodenständigen und hemdsärmeligen Typ der Marke Streich könnte „Die Mannschaft“ Sympathien zurückgewinnen.

Nach mehr als 25 Jahren in Freiburg scheint ein Streich-Engagement beim DFB dennoch unwahrscheinlich. Womöglich würde er mit seiner eigenen, mitunter durchaus kantigen Art in der DFB-Spitze anecken. Auch wenn er mit DFB-Präsident Fritz Keller, ehemals Präsident des SC Freiburg, einen prominenten Fürsprecher hätte. Die beiden Weinliebhaber pflegen nach wie vor ein enges Verhältnis.

Es wäre insgesamt absolut spannend, den Kultcoach als Bundestrainer zu sehen. In puncto Dialektik würde sich im Vergleich zu Löw zwar nicht viel ändern (beide kommen aus dem Schwarzwald), in allen anderen Bereichen könnte Streich jedoch für Veränderung stehen. Falls er sich die Aufgabe zutraut und Bock auf die Nationalmannschaft hat, wäre es ihm - und, seien wir mal ehrlich, auch Fußball-Deutschland - nur zu wünschen. (Andreas Schmid)

Rubriklistenbild: © Efrem Lukatsky/dpa

Auch interessant

Kommentare