Kommentar zur Wembley-Pleite

Leute, so ist Fußball! Warum man nach dem deutschen EM-Aus nicht alles niedermachen sollte

Jogi Löw winkt zum Abschied.
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Jogi Löw sagt ciao: Der erhoffte veröhnliche Abschluss blieb aus.

Nach dem ernüchternden Achtelfinal-Aus bei der EM ist klar: Ja, Jogi Löw hat Fehler gemacht - und das nicht zu knapp. Doch es lohnt sich, in die Zukunft zu schauen, kommentiert Marius Epp.

München - Wenn Gary Lineker seinen legendären Spruch über die deutsche Unbesiegbarkeit begräbt, spürt jeder deutsche Fußball-Fan mindestens ein leichtes Ziehen im Magen. Wenn der weinende Joshua Kimmich von Kyle Walker getröstet werden muss, ist das kein schönes Gefühl. Das EM-Aus ist enttäuschend, ohne Zweifel. Und Jogi Löw hat einen großen Anteil daran, auch das lässt sich kaum wegdiskutieren.

Der scheidende Bundestrainer hat es bei seinem letzten Turnier nach 15 Jahren nicht geschafft, eine harmonierende Mannschaft zu formen. Wer nur eines von vier Spielen gewinnt, ist verdient draußen, stellt auch Mats Hummels fest. Überzeugend war nur das 4:2 gegen defensiv schwache Portugiesen, ansonsten wirkte das DFB-Team hinten wie vorne schlecht abgestimmt. Obwohl der Wille durchweg klar zu erkennen war, war die Nationalmannschaft vor allem eins: Kein Team.

Jogi Löw hat für seine Sturheit bezahlt - doch um ein Haar wäre es anders gekommen

Dass Löw an seiner umstrittenen Dreierkette eisern festhielt, ist ein Sinnbild für seine Sturheit der letzten drei Jahre. Er lebte zunehmend in seiner eigenen Welt und hat den Abgang um Jahre verpasst. All das ist richtig - doch was wäre gewesen, wenn Thomas Müller gegen England nicht um Zentimeter verfehlt, sondern den Ausgleich gemacht hätte? Was, wenn Timo Werner seine Riesen-Chance zur Führung genutzt hätte? Deutschland war nicht die schlechtere Mannschaft - und es hat nicht viel dazu gefehlt, einen jubelnden England-Bezwinger Jogi zu sehen. Im Fußball entscheiden oft kleine Dinge, Nuancen. Deswegen lieben wir ihn manchmal und hassen ihn manchmal.

tz.de-Autor Marius Epp sieht die Zukunft der Nationalmannschaft nicht rabenschwarz.

Mit dem Einzug ins Viertelfinale hätte die DFB-Elf einen vergleichsweise einfachen Weg gehabt und Löw hätte durchaus ein versöhnlicher Abschied gelingen können. Aber genug dem Konjunktiv: Der Weltmeister-Trainer geht im Scheitern. Natürlich muss er sich Kritik gefallen lassen, jetzt alles niederzumachen, ist aber falsch. Bis zur EM 2016 war Löw der beste Bundestrainer aller Zeiten.

Die Nationalmannschaft ist raus, Löw ist Geschichte - Zeit, in die Zukunft zu schauen

„Die Mannschaft ist noch nicht erwachsen genug“, sagte er nach dem Schlusspfiff im Wembley. Was sich wie eine schlechte Ausrede anhört, könnte tatsächlich stimmen: Der Generation um Joshua Kimmich, Leon Goretzka oder Kai Havertz fehlt wohl wirklich das noch Quäntchen Erfahrung. Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm wurden auch erst kurz vor Karriereende Weltmeister.

Es lohnt sich jetzt, positiv in die Zukunft zu blicken. Mit Hansi Flick kommt ein Trainer, der jede Voraussetzung dafür hat, wieder eine Titel-Mannschaft heranzuzüchten. Möglicherweise kommt die WM in Katar noch zu früh, spätestens bei der Heim-EM 2024 sollte der deutschen Mannschaft aber wieder einiges zuzutrauen sein. An Qualität mangelt es nämlich auch dieser Spielergeneration nicht. Wobei: Ein Mittelstürmer wäre schon schön. (epp)

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