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Gast-Kommentar: Hetzjagd auf homosexuelle Sportler? Josh Cavallo hat es widerlegt! Ein Aber bleibt

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Christoph Hertzsch bewundert Josh Cavallos Mut: Und stellt die Frage, was die Aufmerksamkeit auf das Outing des Profifußballers eigentlich zeigt.
Christoph Hertzsch bewundert Josh Cavallos Mut: Und stellt die Frage, was die Aufmerksamkeit auf das Outing des Profifußballers eigentlich zeigt. © Imago/AAP

Christoph Hertzsch spielt im Team München. Er freut sich über die Reaktionen auf das Outing des Fußballers Josh Cavallo. Stößt jedoch auf ein Aber. Ein Gast-Kommentar.

München -  Mehr als 20 Stunden fliegt man von Adelaide nach München. Die Verbreitung der Nachricht um das erste Outing einen homosexuellen Fußballprofis benötigte nur wenige Minuten, um die gesamte Welt zu erreichen. Der australische Fußballer Josh Cavallo hat das getan, worüber wir vor allem in den vergangenen zwei Jahren immer intensiver debattiert haben. Er nahm seinen Mut zusammen, stand auf und bekannte sich - zu sich selbst, zu seinem Leben, zu seiner Liebe. Die unfassbare mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die Josh in den darauffolgenden Stunden erfuhr, zeigt uns … ja was eigentlich?

Josh Cavallo: Berichterstattung wie über eine Yeti-Sichtung - Seine Entscheidung verdient größten Respekt

Zum einen zeigt es uns, dass der Fußball immer noch ein mutmaßlich heteronormativer Raum ist, wenn die mediale Berichterstattung eines Outings eines einzelnen Profispielers einer Berichterstattung über die Sichtung eines Yetis gleichzusetzen ist.

Zum anderen sieht man, und darauf sollte unser Fokus liegen, dass Spieler, die ein starkes und unterstützendes Umfeld haben, sich doch bereit fühlen, zu sich zu stehen und sich nicht mehr verstecken zu wollen. Dafür zolle ich Josh Cavallo den größten Respekt und ich bin stolz auf ihn, dass er diese Entscheidung getroffen hat; im Bewusstsein für immer der erste gesichtete Yeti zu sein.

Erstes Outing eines aktiven Fußball-Profis: Ein weiterer wichtiger Meilenstein - Angst vor Hetzjagd widerlegt

Ohne Frage ist Cavallos Bekenntnis ein weiterer wichtiger Meilenstein auf dem langen Weg im Kampf gegen Homo- und Transphobie im Fußball, vor allem da wir hier das erste Mal sehen konnten, wie Medien, Mitspielerkolleg:innen, Verbände und Social Media reagieren. Die stetige Angst, es könne zum Beispiel eine negative mediale Hetzjagd geben, war ein Argument, dass man in den Debatten um dieses Thema immer wieder angebracht hat, um zu erklären, warum sich bisher noch kein Erstliga-Profi geoutet hat. Hiermit widerlegt!

Die große Mehrheit der Sportwelt, Medien und Gesellschaft regierten nicht nur positiv auf Josh, sondern bekundeten sogar Unterstützung für ihn und alle anderen, die auf dem Weg zu einer Befreiung sind.  

Kampf gegen Homo- und Transphobie: Australien ist Lichtjahre voraus - Welchen Einfluss hat das Outing bei uns?

Ein Aber gibt es dennoch. Australien mag zwar nur einen Tag Reisezeit von Europa entfernt sein, die großen europäischen Verbände sind leider noch Lichtjahre vom australischen Verband entfernt. Dieser liberale Verband hat in seinem kleinen Kosmos bessere Hebel und Möglichkeiten, um Josh und seinen Kammeraden ein sicheres Umfeld zu schaffen und den Kampf gegen Homophobie im Fußball anzugehen.  

Es war anzunehmen, dass sich weltweit alle Vertreter der großen Verbände und Vereine positiv dazu äußern. Aber eine Frage bleibt - Welchen Einfluss hat die mutige Entscheidung eines australischen Profispielers auf das weitere Vorgehen der alteingesessenen Verbandsverantwortlichen beim DFB und Co.? 

Mehr „Yetis“, weniger Einzelkämpfer: Es braucht Strukturen - vom Amateurverein bis zur Nationalmannschaft

Sagen wir es einmal so – eine persönliche Selbstreflexion des eigenen Umgangs mit dieser Thematik erwarte ich von den wichtigen Positionen in nächster Zeit nicht. Ich fordere aber, dass die immer lauter werdenden Rufe nach der Aufnahme eines strukturierten und flächendeckenden Kampfes gegen Homo- und Transphobie im Fußball gehört werden. Die Verbände und Vereine können in enger Zusammenarbeit mit der queeren Community Konzepte und Strukturen schaffen, die allen, vom Amateurverein bis hin zur Nationalmannschaft, helfen, ein sicheres und queer-freundliches Umfeld aufzubauen, in dem jeder Spieler derjenige sein kann, der er sein möchte.

Es braucht definitiv noch weitere Yetis wie Josh, um das Selbstverständnis von einem homosexuellen Fußballprofi in den Köpfen aller zu etablieren – leider. Vor allem in den großen europäischen und südamerikanischen Verbänden. Aber je mehr diese Verbände und Vereine überzeugendes und langfristiges Engagement zeigen und den Kampf gegen Diskriminierung ernsthaft aufnehmen, desto weniger dieser Einzelkämpfer braucht es, weder in Down Under noch wo anders auf der Welt.

Dies ist ein Gastbeitrag von Christoph Hertzsch. Er ist spielt für die Streetboys und ist Vorstandsmitglied im Team München.

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