Erst See - dann Sechzig

8. Juli 1990: So erlebte tz-Löwen-Redakteur Mayer den WM-Titel

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Die deutsche Nationalmannschaft nach dem Triumph gegen Argentinien.

München - Heute vor 25 Jahren wurde die deutsche Nationalmannschaft in Rom Weltmeister. Löwen-Reporter Claudius Mayer war damals vor Ort und erinnert sich, dass das eigentliche Highlight erst noch folgen sollte - bei den Sechzgern!

Rom, 8. Juli 1990. WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien. Die Revanche für das Duell vier Jahre zuvor, als die Gauchos das Endspiel in Mexiko City auch dank eines indisponierten Toni Schumachers mit 3:2 für sich entschieden haben. Wir Münchner Journalisten waren zwei Tage vorher von Como nach Rom gereist. Como war unser Standort, weil sich nicht weit entfernt das Trainingslager der deutschen Mannschaft in Erba befand. Und auch das Mailänder Stadion, das fünf Spiele lang bis zum Viertelfinale die Heimstätte von Franz Beckenbauer und seiner Truppe war, konnte man von dort aus schnell erreichen.

 Ich fuhr am Tag vor dem Achtelfinale gegen die Niederlande nach Italien, löste die Kollegen, die bis dahin bei den Spielen waren, ab. Und obwohl Deutschland souverän den Gruppensieg geschafft hatte, herrschte eine skeptische Stimmung vor dem Aufeinandertreffen mit den Holländern. Ruud Gullitt, Marco van Basten, Frank Rijkaard, das waren Leute, die Respekt einflößten. Und es gab Kollegen, die fest davon ausgingen, dass an diesem 24. Juni Schluss sein würde für das deutsche Team, und deshalb auch nur mit kleinem Gepäck angereist waren. „Die zwei Unterhosen, die ich dabeihabe, reichen“, tönte ein Kollege. „Am Montag geht’s ja wieder nach Hause.“ Von wegen.

Die Tage danach waren von Hektik geprägt. Der skandalöse Auftritt von Frank Rijkaard, der Rudi Völler in die Haare gespuckt hatte und ebenso vom Platz gestellt wurde wie der unschuldige deutsche Stürmer, hielt alle in Bann. Wir Journalisten hatten es uns längt in Como gemütlich gemacht, schon bald hatten wir rausgefunden, wo man abseits des Rummels gut essen gehen konnte. Der Geheimtipp waren die Tage, an denen Italien spielte. Da waren die Restaurants leer, weil die Tifosi zu Hause vor dem Fernseher saßen und wir in einem spärlich besuchten Lokal bestens versorgt wurden. Dort plärrte auch nicht Gianna Nannini ständig aus den Lautsprechern. Im Finale war die Angst der Argentinier vor den Deutschen zu spüren, es war ein fast unwürdiger Auftritt der Südamerikaner, die außer Holzerei nichts zu bieten hatten.

Dann ging’s nach Hause. Aus zwei Tagen WM-Aufenthalt waren zwei Wochen geworden, der Alltag hatte einen wieder: Besuche an der Grünwalder Straße und im Sechzger-Stadion bei den drittklassigen Löwen. Aber die legten eine Saison hin, die eigentlich noch mehr Spaß machte als die WM. Ungeschlagen schafften Karsten Wettberg und seine Truppe ein Jahr später nach neun Jahren den Aufstieg in die 2. Liga. Wer war Franz Beckenbauer? 

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