"Wir waren nicht vorbereitet"

8. Juli 2014: So erlebte ein tz-Redakteur das 7:1 gegen Brasilien

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Historischer Moment: Die deutsche Mannschaft jubelt, Brasilien-Verteidiger David Luiz ist konsterniert.

München - Heute vor einem Jahr besiegte die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien die Gastgeber mit 7:1 und zog ins Finale ein. tz-Redakteur Michael Knippenkötter war live vor Ort und erinnert sich an diesen historischen Moment.

Die Stimmung ist angespannt bis mulmig, eine vollkommen andere als noch vor ein paar Tagen in Porto Alegre oder Rio. Nach dem Dusel-Ding gegen Algerien (nur 2:1! nach Verlängerung!) und dem Willenssieg gegen Frankreich (Hummels! 1:0!) geht es für uns Journalisten nach Belo Horizonte, wieder eine neue Brasilien-Erfahrung für die meisten von uns. Mitten in der Nacht geht der Flieger, am frühen Morgen landen wir in der Beton-Klötzchen-Stadt im Landesinneren. Um irgendwie die Zeit bis zum Anpfiff rumzubringen, schlagen wir uns von Kaffeehaus zu Kaffeehaus durch. 

Die Unbequemlichkeit der Plastikstühle variiert dabei genauso wie die Konsistenz des Kaffees oder das Rattern der Ventilatoren, die Gespräche an unserem Tisch aber drehen sich immer um das gleiche Thema: Bloß nicht ausscheiden, bloß nicht wieder ein Spiel um Platz drei. Das wäre auch für uns der Tiefpunkt. In den Köpfen entstehen bereits Geschichten, die niemand von uns schreiben möchte.

Hinzu kommt, dass wir erstmals direkt die emotionale Anhänglichkeit der brasilianischen Mitbürger an ihre Mannschaft erfahren. Aus unserem Basiscamp in Porto Seguro wurden wir noch in der Nacht mit den Worten verabschiedet: „Ihr Deutschen habt eine gute Mannschaft, aber wir Brasilianer spielen mit Herz. Das wird entscheidend sein!“

Und es stimmt. Am Ende ist es entscheidend. Die Emotionen haben jede Kontrolle geraubt, Herz über Kopf. Während ich auf der Tribüne mit einem Kollegen das 3:0 durch Toni Kroos durchgehe, schießt der Real-Star schon das 4:0. Spätestens nach dem 5:0 von Sami Khedira ducken sich links und rechts neben mir ein paar Journalisten ab, lachen verschüchtert, ein Gefühl des Fremdschämens. Was passiert hier?

Zur Halbzeit ist längst klar: Wir fahren nach Rio! Zum Finale! Aber darüber spricht niemand. Es geht gar nicht darum, wie die deutsche Mannschaft spielt, wer in der Elf herausragt. Es geht um das brasilianische Team und seinen kollektiven Blackout. Gab es so etwas schon einmal? Wäre es auch mit Neymar passiert, dem verletzten Superstar? Hat man sich zu sehr unter Druck gesetzt?

Am Ende sind wir alle ganz froh, dass die deutsche Mannschaft den Fuß vom Gas genommen hatte. Niemand hatte die Gastgeber mit Tricks und Gesten zu veräppeln versucht, das Ergebnis blieb mit dem 7:1 immerhin noch einstellig. Nun sind wir nur noch gespannt, was die Spieler dazu sagen. Und werden wieder überrascht.

In der Interview-Zone unter der Tribüne kommt zunächst Ersatzspieler Julian Draxler zu seinem Einsatz. Der Schalker spricht über den Sieg wie nach einem 2:0 über HSV. Alles ganz normal, hat man den Eindruck. Auch Lahm, Klose, Müller, sie scheinen nicht zu begreifen, was da passiert ist. Vielleicht fallen uns aber auch einfach nicht die richtigen Fragen ein. Auch wir, ganz ehrlich, waren nicht auf so einen Sieg vorbereitet.

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