„Lebe auf einer Insel der Glückseligkeit“

Julian Nagelsmann hat RB Leipzig als dritte Kraft etabliert: Er spricht über das Corona-Jahr, Heimat und den FC Bayern

Er versteckt sich nicht: Julian Nagelsmann zeigt Mut zur Farbe.
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Er versteckt sich nicht: Julian Nagelsmann zeigt Mut zur Farbe.

RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann liebt es, junge Talente zu formen und in den Bergen zu entspannen. Was den gebürtigen Landsberger noch umtreibt, erzählt er im tz-Interview.

München - Julian Nagelsmann ist mit gerade einmal 33 Jahren einer der begehrtesten Trainer im Weltfußball. Derzeit sorgt er mit RB Leipzig für Furore – seinen familiären Lebensmittelpunkt hat er in München. Das Interview.

Herr Nagelsmann, Sie wohnen mit Ihrer Familie an der Isar. Durch Ihren Job haben Sie die vergangenen Jahre in Hoffenheim und Leipzig gelebt. Wann wird ein Ort für Sie zur Heimat?
Nagelsmann: Wenn man sich an diesem Ort wohlfühlt und sich auch ein bisserl auskennt. Man kann sich irgendwo schnell heimisch fühlen, aber es gehört mehr dazu, etwas seine Heimat zu nennen. Wenn ich etwas als Heimat bezeichne, dann weiß ich: Wo kann ich hin, wenn ich zum Einkaufen, ins Schwimmbad, zum Sport oder mit den Kindern auf den Spielplatz will? Diese alltäglichen Dinge, gepaart damit, sich an Ort und Stelle wohlzufühlen – das ist für mich Heimat. Und auch Leipzig macht es einem einfach, sich wohlzufühlen. Leipzig ist eine tolle, interessante Stadt mit sehr netten Menschen.
Sie werden, neben Ihren Fähigkeiten als Trainer, auch wegen Ihrer Münchner Heimat immer wieder als Bayern-Trainer der Zukunft dargestellt. Nervt das?
Nagelsmann: Grundsätzlich ist der FC Bayern ein Riesen-Verein und der erfolgreichste Klub Deutschlands. Wenn dein Name da genannt wird – auch wenn es nur medial ist – ist es ja besser, als wenn dein Name nicht genannt wird. Nerven tut es nicht, da das alles sehr abstrakt ist.
Wieso?
Nagelsmann: Oft liest man im Fußball ja, dass etwas schon viel konkreter gewesen wäre, als es wirklich war. Außerdem hat Bayern München in Hansi Flick, zu dem ich einen sehr guten Draht habe, einen sehr erfolgreichen Trainer. Er macht einen Top-Job.

Julian Nagelsmann findet seinen inneren Frieden gerne in den Bergen

Ist an Ihnen noch etwas typisch Münchnerisch?
Nagelsmann: (Schmunzelt) Zu meinem Spieler Christopher Nkunku sage ich „Griaß di“, wenn ich ihn sehe, und „Pfiat di“, wenn ich gehe. Er sagt das dann in seinem französischen Akzent zurück – das ist ganz witzig. Meine Liebe zur Weißwurst ist nach wie vor ungebrochen. Das Gleiche gilt für meine Liebe zu den Bergen.
Warum sind Sie so ein Bergkind?
Nagelsmann: Meine Familie hatte eine Hütte in den Bergen. Da waren wir jedes Wochenende, wenn es die Zeit zuließ. Die Berge geben einem ein demütiges Gefühl: Diese schiere Größe, diese unglaubliche Ruhe, die dort herrscht. Die Berge können dir den Tod bringen, aber dir gleichzeitig zu innerem Frieden verhelfen. So geht es mir zumindest. Kein Müll, keine Menschenmassen, keine Autos: Diese Reinheit und Freiheit, das liebe ich einfach.
Was ist Ihr Hausberg?
Nagelsmann: (Überlegt) Grundsätzlich das Ochsenälpelesköpfle, wo unsere Hütte war. Das ist jetzt kein spektakulärer Berg, aber daran habe ich einfach sehr viele Kindheitserinnerungen – vor allem an meinen Papa, weil wir dort gemeinsam viel Zeit verbracht haben. Für mich war das ein sehr prägender Berg. Die Alpspitze finde ich auch wunderschön zum Hochgehen. Das ist ein Klassiker, aber immer wieder beeindruckend.

Als Kind hatte Julian Nagelsmann gerne Kufen statt Stollen an den Füßen.

Neben dem Bergsport wird Ihnen auch eine große Leidenschaft für Eishockey nachgesagt.
Nagelsmann: Ich bin in Landsberg am Lech geboren und habe beim damaligen EV Landsberg, jetzt Landsberg Riverkings, drei Jahre lang bei den Knaben und dann beim SV Apfeldorf gespielt. Ein geiler Sport, der sehr viel Action bietet, cool zum Anschauen ist – aber noch cooler zum Selberspielen!
Wie schwierig ist es, wenn Sie meist in Leipzig sind und die Familie in München nicht sehen?
Nagelsmann: Ich glaube, für mich ist es manchmal leichter als speziell für meinen fünfjährigen Sohn. Natürlich ist es nett, wenn wir uns via Facetime auch mal über die Distanz sehen können. Aber für beide ist es schöner, wenn ich bei ihm bin und wir zusammen etwas unternehmen. Er fragt manchmal, warum ich Fußballtrainer bin und keinen anderen Beruf habe. Ich kann es nachvollziehen, weil es für ihn nicht einfach zu verstehen ist, warum der Papa so viele Tage im Jahr nicht daheim ist.
Sie haben einen Teil Ihres Gehalts schon vor Corona gespendet.
Nagelsmann: Mir ist das wichtig, weil ich einschätzen kann, dass ich auf einer Insel der Glückseligkeit leben darf. Ich habe einen tollen Job, der viel Interesse nach sich zieht, durch den man viele Vorteile hat. Viele Menschen stehen vor großen Problemen, nicht nur monetär, sondern auch gesundheitlich oder psychisch. Demnach finde ich es wichtig, dass Menschen, denen es besser geht, soziale Verantwortung zeigen.

Julian Nagelsmann: Finde es gut, dass der Fußball stets versucht hat, weiterzuspielen.

Finden Sie, dass der Fußball seine Wucht genutzt hat, um soziale Aufmerksamkeit während Corona zu generieren?
Nagelsmann: Es waren viele gute Aktionen dabei. Ich glaube aber auch, dass viele Fußballer oder Sportler sich engagieren, ohne dass sie in der Öffentlichkeit erscheinen – weil nicht jeder darüber sprechen will oder muss. Trotzdem ist es ab einem gewissen Punkt aber auch wichtig, Dinge öffentlich zu machen. So wie es Joshua Kimmich und Leon Goretzka mit „We kick Corona“ gemacht haben. Um einfach Aufmerksamkeit herzustellen und andere Leute zu animieren, bei solchen Aktionen mitzumachen. Das war das richtige Zeichen. Ich finde es auch gut, dass der Fußball auf Basis des Hygienekonzepts stets versucht hat, weiterzuspielen.
Dreht sich das Rad im Fußball durch Corona langsamer?
Nagelsmann: Die finanziellen Einbußen sind im Fußball, wie auch in anderen Branchen, nicht von der Hand zu weisen. Die grundmonetäre Voraussetzung ist im Fußball oft eine andere gewesen, und das ist der springende Punkt, weshalb Bundesliga-Klubs aktuell noch besser überleben können als andere Wirtschaftsunternehmen. Weil in dieser Branche einfach unglaublich viel Geld vorhanden ist. Trotzdem muss auch der Fußball seine Lehren aus der Krise ziehen. Ich habe schon das Gefühl, dass sich alles etwas langsamer dreht, und trotzdem dreht sich das Rad noch weiter.
Können Sie der Corona-Pandemie etwas Positives abgewinnen? Was ist Ihr Lichtblick im Lockdown?
Nagelsmann: Wenn man sieht, wie viele Menschen weltweit unter der Corona-Pandemie gesundheitlich leiden, gar sterben oder unverschuldet in wirtschaftliche Not geraten, dann kann man dem Ganzen nichts Positives abgewinnen. Wenn überhaupt, dann dass der Großteil der Bevölkerung versucht, diese Krise gemeinschaftlich zu lösen.

Julian Nagelsmann setzt oft auf alte Hasen und arbeitet gerne mit jungen Talenten

Lassen Sie uns sportlich werden: Sind Sie überrascht, dass sich Leipzig so schnell als dritte Kraft in der Bundesliga etabliert hat?
Nagelsmann: Es ist natürlich rasend schnell gegangen und auch nicht nur mit finanziellem Impact, wie viele meinen, sondern auch mit vielen richtigen Entscheidungen, die Oliver Mintzlaff und Ralf Rangnick getroffen haben. Wenn man unseren Kader sieht: Forsberg, Poulsen und Sabitzer und viele weitere sind schon ewig hier. Unsere komplette Startelf hat so viel gekostet wie Paul Pogba damals Manchester United. Da sieht man schon, dass es völlig verschiedene Welten sind. Klar weiß ich auf der anderen Seite aber auch, dass gerade zu Zweitliga-Zeiten in einem Jahr mehr Geld investiert wurde als bei allen anderen Zweitliga-Klubs zusammen.
Warum passen Julian Nagelsmann und RB Leipzig so gut zusammen?
Nagelsmann: Weil ich gerne mit jungen Spielern zusammenarbeite. Ich lieb’s, wenn Spieler noch nicht komplett fertig sind und man sie noch entwickeln kann. Und die Spieler wiederum bereit sind, neue Entwicklungen anzunehmen. Ich glaube, dass der Übernahmezeitpunkt auch ein sehr guter war, weil der Klub mit einer sehr stringenten Art Fußball zu spielen sehr erfolgreich wurde und jeder auch Lust hatte, neue Dinge zu lernen, die wir mit reingebracht haben. Das haben die Jungs erreicht, weil sie hungrig und nie zufrieden sind.
Können Sie sich trotzdem vorstellen, auch mal für einen Klub zu arbeiten, dessen Strukturen festgefahrener sind als in Hoffenheim und Leipzig?
Nagelsmann: Das wird früher oder später zwangsläufig mal so kommen, dass bei mir auch mal ein Klub dabei ist, der andere Strukturen hat als Hoffenheim oder Leipzig. Ich habe Leipzig nicht ausgewählt, weil es ein junger Klub ist, sondern weil hier die Chance groß ist, etwas bewegen zu können. Aber nur, weil ein Verein eine langjährige Tradition oder hunderttausend Mitglieder hat, heißt das nicht, dass er sich nicht weiterentwickeln kann. Es gibt ja auch Traditionsvereine, die immer wieder neue Wege gehen. So wie es unser Achtelfinal-Gegner Liverpool vorlebt.

Julian Nagelsmann investiert viel, damit seine Karriere in die richtige Richtung verläuft

Was gefällt Ihnen am Verein von Jürgen Klopp?
Nagelsmann: Sie haben eine große Anhängerschaft auf der ganzen Welt – und dementsprechend eine riesige Tradition. Sie haben aber auch einen Investor. Irgendwann hat der Verein angefangen, sich zu öffnen und gesagt: Jürgen Klopp, komm zu uns, bring neue Ideen und ein Team mit – und verändere vielleicht die Stimmung in der Geschäftsstelle. Versuche, größtmöglichen Impact zu haben. Trotz Tradition. Und das macht am Ende des Tages vielleicht einen erfolgreichen Klub aus.
Sie mussten in Ihrer Trainer-Karriere bisher keine Rückschläge einstecken.
Nagelsmann: Na ja, ich habe Hoffenheim damals in einer Mega-Krise übernommen, wir hatten elf Punkte Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz. Es herrschte ein enormer psychischer Druck. Also bin ich schon mal damit umgegangen, kann in Zukunft aber gerne darauf verzichten. Natürlich weiß ich, dass meine Karriere steil verläuft und in die richtige Richtung geht. Ich weiß aber auch, dass ich viel dafür investiere und mir nicht alles in den Schoß fällt.
Was ist Ihnen wichtiger: Die Stärken des eigenen Teams herauszustellen oder den Gegner umfassend zu analysieren?
Nagelsmann: Ich analysiere den Gegner, um unsere Philosophie in einer maximal hohen Effizienz auf den Platz zu bringen.

Das Interview führte Manuel Bonke.

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