Kahn: Ich mache mir Sorgen

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Oliver Kahn wird bei der WM als Experte vor Ort sein

Eppan - Oliver Kahn meint im tz-Interview, dass Michael Ballack als Führungskraft zu ersetzen ist - wie jeder Spieler im Team. Aber taktisch bereitet ihm der Ausfall Kopfzerbrechen.

Herr Kahn, mit Philipp Lahm wurde von Joachim Löw am Freitag der Kapitäns-Ersatz für Michael Ballack ernannt. Aber ist Ballack denn als Spieler überhaupt zu ersetzen?

Oliver Kahn: Wissen Sie, natürlich fehlt Ballack in der Teamführung als feste Größe. Aber wir in Deutschland müssen uns endlich von dem Gedanken lösen, dass jemand nicht ersetzbar wäre. Es ist jeder zu ersetzen.

Dennoch galt Ballack als der zentrale Mann im deutschen Spiel.

Kahn: Ja, aber es ist immer weitergegangen. Es ist weitergegangen ohne einen Matthäus, ohne einen Beckenbauer, ohne einen Maier, ohne einen Kahn. Die Nationalmannschaft war trotzdem immer erfolgreich. Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass es unersetzliche Spieler gäbe. Mittelfristig ist das nicht so schwierig. Und die deutsche Mannschaft hat auch ohne Michael Ballack bereits sehr gute Spiele gezeigt.

Ist das Positive an der Verletzung vielleicht auch, dass Löw & Co. genug Zeit haben, sich darauf einzustellen?

Kahn: Ja, natürlich. Man hat nun Zeit, sich mit der neuen Formation einzuspielen. Es gibt auch Spieler, die durch so etwas beflügelt werden, noch mehr Gas geben.

Das DFB-Team wird von einer regelrechten Pechserie verfolgt. Verletzungen, Tragödien – als Krönung am Mittwoch noch Thomas Müllers Fahrrad-Sturz…

Kahn: Unglaublich, das ist ja schon fast wie eine Seuche. Das fängt beim einen an und setzt sich beim nächsten vielleicht im Unterbewusstsein fest. Man hat im Kopf: „Hoffentlich passiert mir nichts!“ Und dann wird es erst richtig gefährlich.

Können Sie sich an eine ähnlich verhexte Vorbereitung in Ihrer Karriere erinnern?

Kahn: Bei uns lief das 2002 so. Scholl, Deisler, Heinrich, Nowotny – einer nach dem anderen verletzte sich, auf einmal hat eine halbe Weltklasse-Mannschaft gefehlt. Und trotzdem sind wir ins Finale gekommen. Man muss sehr vorsichtig sein, die deutsche Mannschaft bereits abzuschreiben. Wir konnten damals auch nur positiv überraschen.

So wie das Team heute?

Kahn: Deutschland ist Vizeeuropameister und 2006 Dritter geworden. Zu den Außenseitern zählen sie trotz der Verletzungen sicher nicht, es ist schon Erfolgsdruck da.

Ist auch Bastian Schweinsteiger dem Druck als Chef im Mittelfeld gewachsen?

Kahn: Ja. Er wird sicher eine sehr große Rolle bei dieser WM spielen, nach Ballacks Ausfall noch mehr Verantwortung bekommen. Aber Bastian lässt sich davon nicht erdrücken. Ich sehe ein ganz anderes Problem.

Welches?

Kahn: Ich mache mir um das defensive Mittelfeld Sorgen. Dort hat Löw so gut wie keine Alternativen. Klar, Khedira. Aber sonst? Schweinsteiger ist ein Achter, kein Sechser. Sonst ist da niemand.

Hätte Löw seine Personalpolitik noch einmal überdenken, womöglich gar Frings nachnominieren sollen?

Kahn: Nein. Er hat seine Linie mit den jungen Spielern – und die muss er jetzt auch knallhart durchziehen. Löw ist gut beraten, wenn er seine Philosophie nun beibehält.

Interview: Tobias Altschäffl

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