FC Bayern gegen FC Arsenal

Karl-Heinz Riedle: "Die Angst vor England ist berechtigt"

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Ex-Fussballer Karl-Heinz Riedle.

München - Vor dem Spiel des FC Bayern beim FC Arsenal spricht Karl-Heinz Riedle im Interview über die zwei Gesichter der Premier League, den Druck auf Arsene Wenger und Messias Jürgen Klopp.

In der vergangenen Saison war Karl-Heinz Riedle Botschafter des Champions League-Finals in Berlin, 1997 entschied er das Endspiel für den BVB – die Königklasse ist sein Metier. Vor dem vermeintlichen Topspiel des FC Bayern beim FC Arsenal vergleicht der 50-Jährige die beiden Ligen, in denen er unter anderem in Bremen und Dortmund sowie in Liverpool und Fulham aktiv war – und sagt: „Da rollt ein schwerer Brocken auf die Bundesliga zu.“

Herr Riedle, Bayern gegen Arsenal – da dachte jeder bei der Auslosung an ein Topspiel. Nun trifft der Tabellenführer den Tabellenletzten. Ohne Spannung?

Nein, der Schein trügt. Arsenal ist im Moment richtig gut drauf, hat einen Lauf, ist in der Premier League vorn dabei. Gerade in den letzten Spielen haben sie richtig gut gespielt. Das wird ein interessantes Spiel – trotz der Ausgangslage.

Es überrascht Sie also, dass sie in der Champions League hinten stehen?

Total. Arsenal hat zwei Gesichter. Aber diese Krankheit haben die englischen Mannschaften ja schon über Jahre. Sie stehen deshalb jetzt unter Druck – und ich glaube deshalb, dass sie Bayern an einem guten Tag schlagen können. Vor allem im Moment. Wie die gegen Manchester United gewonnen haben, das war äußerst beeindruckend. Das wird nicht so leicht für Bayern, wie alle glauben.

Karl-Heinz Riedle: "Die Tabelle lügt aus Arsenal-Sicht"

Von der Tabelle sollte man sich also nicht blenden lassen.

Auf keinen Fall. Das ist gefährlich. Die Tabelle lügt aus Arsenal-Sicht.

Man spricht von einem Endspiel für Arsenal.

Das ist es auch, ein kleines zumindest. Sie müssen auf jeden Fall punkten. Das wissen sie auch.

Kann diese Mannschaft mit so viel Druck umgehen?

Jein. Den ganz großen Druck haben sie in früheren Jahren nie ausgehalten. In England aber haben sie das ganze Jahr über Druck. Das entscheidet die Liga so ein bisschen von der deutschen. Einen Spannungsabfall wie bei Bayern gibt es selten. Weil die Meisterschaft immer umkämpft ist. Da lernt man, mit Drucksituationen umzugehen.

Arsene Wenger stand nach der zweiten Niederlage in der Champions League stark in der Kritik. Hat er unendlich Kredit?

Zumindest in der Liga ist die Kritik unangebracht. Denn da spielt Arsenal richtig guten und erfolgreichen Fußball. In der Champions League aber kommt es jetzt darauf an. Wenn Wenger da sang- und klanglos ausscheidet, wird Kritik kommen, das ist klar. Und zwar nicht wenig. Damit muss er rechnen, wenn es jetzt gegen die Bayern nicht klappt. Null Punkte nach drei Spielen – da würde Einiges auf ihn zurollen.

Würde frischer Wind nach 19 Jahren Arsenal nicht ohnehin irgendwann mal guttun?

Glaube ich nicht. Denn Arsenal hat einfach nicht die Möglichkeiten wie die drei anderen großen mit ihren Investoren – egal unter welchem Trainer. Arsene Wenger hat über Jahrzehnte einen super Job gemacht. Mit dieser Mannschaft kann man nicht immer Meister werden. Trotzdem ist er ein Guter. Im Moment hat er vor allem eine richtig gute Mannschaft. Er hat schnelle Spieler drin, die auch gefährlich für Bayern werden können. Theo Walcott, Alexis Sanchez – das sind richtige Raketen. Da muss Bayern aufpassen, sonst gibt es ein böses Erwachen.

Karl-Heinz Riedle: "Özil spielt das, was man von ihm erwartet"

Auch Mesut Özil kommt besser in Form.

Er spielt endlich das, was man von ihm erwartet. Er ist einer der kreativsten Spieler, die es auf dem Planeten gibt. Jetzt zeigt er seine Klasse. Das hat ein bisschen gedauert. Er hatte schon eine hohe Belastung durch seine Ablösesumme am Anfang, war auch nicht 100- prozentig fit. Vielleicht war er auch zu wenig egoistisch in vielen Aktionen, sowohl in der Nationalmannschaft als auch bei Arsenal. Jetzt aber macht er Tore, bereitet viele vor, arbeitet wahnsinnig viel für die Mannschaft. Er ist schon ein wichtiger Spieler.

Özil ist einer der wenigen Top-Stars, die nach England gewechselt sind. Die Liga hat Geld, läuft im europäischen Vergleich aber dennoch nach wie vor hinterher. Warum?

Spielerisch sind sie meilenweit weg, wenn man sie vor allem mit Bayern und Dortmund vergleicht. Obwohl sie finanziell die besseren Möglichkeiten haben, ist da eine Lücke, die nicht sonderlich schnell geschlossen werden kann. Ob falsch investiert wurde, wage ich nicht zu beurteilen. Was mir aber auffällt, ist der Spielrhythmus, der in England doch sehr aufreibend und kräfteraubend ist. Es gibt vier, fünf Mannschaften, die immer um den Titel mitspielen. In großen Spielen kriegen die englischen Teams deshalb oft keinen Fuß vor den anderen.

Ist es realistisch, dass eine englische Mannschaft den Titel in der Champions League in den kommenden Jahren mal wieder gewinnt?

Ja. Abschreiben darf man England nicht. Jeder, der das macht, denkt naiv.

Werden denn auch richtige Top-Spieler dem Ruf des Geldes folgen?

Das denke ich schon. Wenn man sieht, was auch zum Beispiel Stoke City zahlen kann – das sind andere Dimensionen als in Deutschland. Hart wird es vor allem für Mannschaften wie zum Beispiel Mönchengladbach, also jene, die in Deutschland zur Spitzengruppe gehören, vom Etat her aber in England nicht mal in der ersten Liga spielen würden. Wenn solche Klubs mit wichtigen Spielern verlängern wollen – und die Engländer bieten dann drei Mal so viel –, ist es nicht einfach. Da rollt schon ein schwerer Brocken auf die Bundesliga zu. Trotzdem warne ich aber immer davor, von Wettbewerbsverzerrung zu sprechen. Denn das Geld kommt ja nicht von außen, von Investoren oder ähnlichem, sondern durch einen TV-Vertrag, den es ja auch in Deutschland gibt.

Die Bundesliga hat also berechtigt Angst vor der Premier League?

Ja. Diese Angst ist definitiv berechtigt. Langfristig wird es nicht einfach.

Wie könnte man die Lücke schließen?

Wir bräuchten einen TV-Deal (lacht).

Ein Volumen wie in England ist in der Bundesliga nicht in Sicht.

Das stimmt. Und genau das ist das Problem. Es gibt nicht mehr viele Möglichkeiten. Die Stadien sind jede Woche voll, das Merchandising-Angebot ist ausgeschöpft, der Werbemarkt ebenso. Die einzige Sparte mit Entwicklungspotenzial ist für mich das Sponsoring im Ausland. Im asiatischen Markt sind wir noch weit hintendran. Und eben auf dem TV-Markt.

Karl-Heinz Riedle: "Jürgen ist ein mega-emotionaler Coach"

England wird also zur besten Liga der Welt?

Das waren sie über Jahre, dann hatten sie einen kleinen Einbruch. Aber der ist vorbei. Für mich ist sie schon jetzt wieder die beste und attraktivste Liga.

Jürgen Klopp ist dem Ruf gefolgt. War das schon ein erster Fingerzeig?

Ein Erfolg auf jeden Fall. Und Jürgen Klopp passt zu 100 Prozent nach England. Das ist genau sein Ding. Einen besseren Verein als Liverpool konnte er nicht finden. Das ist eine Riesenherausforderung für ihn. Er wird Zeit brauchen. Die Mannschaft ist nicht schlecht, hat aber nicht die Spieler, die Chelsea oder Arsenal hat. Er muss da in den nächsten zwei, drei Jahren einige Schrauben drehen. Aber das liegt ihm, es wird ihm gelingen. Er wird Erfolg haben, da bin ich mir sicher.

Warum genau passt er so gut nach England?

Jürgen ist ein mega-emotionaler Coach. Und Liverpool ein emotionaler Ort. Die Leute lieben Leidenschaft, das bringt er alles mit. Er kann Leute begeistern, mitziehen – das brauchen sie dort. Sein Vorgänger Brendan Rodgers war ein guter Coach, aber er war keiner, der Riesenfeuer mit reingebracht hat. Und auch Klopps Vollgas-Fußball, die Kombinationen, das wollen die Leute da drüben sehen. Die brauchen Spektakel. Und wenn Klopp nicht Spektakel ist, weiß ich es auch nicht (lacht).

Er wird als Gegenpol zu Jose Mourinho dargestellt.

Das ist halt wieder was, was die englischen Medien aufbauschen. Das war zu erwarten. Aber Klopp muss jetzt erstmal beweisen, dass er auch Erfolg hat. Mit seinem Stil, mit seiner Art, Fußball zu spielen. Mourinho mögen die Leute nicht, weil er mega-arrogant ist. Jürgen schon, weil er eben gut rüber kommt. Aber auch er wird nicht unendlich Kredit haben.

Heißt, die Stimmung kann auch schnell kippen?

Genau. Er muss über kurz oder lang auch etwas liefern. Jeder erwartet ihn als Messias. Seine Fallhöhe ist sehr, sehr hoch.

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