Wird er der Joker für die WM?

Volland: Und das Trikot bekommt die Mama

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Alles im Lot: Der Ex-Löwe Kevin Volland hat sich als hoffnungsvolle Offensivkraft profiliert. Bundestrainer Joachim Löw stuft den Hoffenheimer als Stoßstürmer ein.

Hamburg – Der Ex-Löwe Kevin Volland ist der endgültigen WM-Nominierung nahe – seine Rolle könnte die des Jokers sein.

So stellt man sich den braven Allgäuer Bub vor: Kevin Volland trägt die heile Welt im Gesicht. Er hat sanfte Züge, die Haare sind akkurat kurz geschnitten, nichts ist zu sehen von Fußballstar-Schnickschnack. Und er erzählt von der Familie: Vom „Papa“, mit dem er ganz eng ist, von der „Mama“, die am Mittwoch sein Trikot bekommen wird. Das, in dem er heute (20.45 Uhr, ZDF live) zum ersten Mal für Deutschland spielen wird. Fürs A-Team. Dort ist er jetzt angelangt, nach langer Wartezeit in der U21-Nationalmannschaft, in der er bisher schon der Kapitän war.

Kevin Volland sagt, am vergangenen Donnerstag habe ihn der Anruf von Co-Bundestrainer Hansi Flick überrascht: Nominierung fürs Länderspiel in Hamburg gegen Polen plus den vorläufigen WM-Kader. Dennoch muss er im Kopf gehabt haben, dass er irgendwann dazugehören würde, denn: „Das Trikot habe ich meiner Mama schon lange versprochen.“ Also wird er es heute nicht eintauschen gegen ein polnisches, er wird es verteidigen und mit nach Hause nehmen, zu den Eltern ins Allgäu.

Kevin Volland, knapp 22, ist einer der neuen Namen, die vor der WM fielen. Sieben Kandidaten muss Bundestrainer Joachim Löw bis 2. Juni noch streichen, doch schon heute Abend wird der WM-Traum für die ersten vier oder fünf von ihnen enden. Volland meint: „Schon hier zu sein ist eine Riesenehre. Zu verlieren habe ich nichts.“ Das stimmt insofern, als er bis jetzt noch kein A-Länderspiel aufzuweisen hat und eine WM-Nicht-Nominierung für etwas erfahrenere Spieler weitaus schmerzlicher wäre. Doch es stimmt auch wieder nicht, denn Volland wird für die finale 23er-Auswahl, die sich am 7. Juni auf den Weg nach Brasilien macht, gesetzt sein – man kann diesen Plan von Joachim Löw erahnen. Volland verkörpert nämlich eine im deutschen Fußball seltene Spezies: Stürmer. Genauer: Stoßstürmer. So hat Bundestrainer Joachim Löw ihn kategorisiert. Als weiteren Typen dieser Art sieht er sonst nur noch Miroslav Klose.

Doch kann Kevin Volland Stoßstürmer? Bei der TSG 1899 Hoffenheim hat er in seinen zwei Jahren überwiegend etwas anderes gespielt: Rechtsaußen oder hinter den Spitzen. Doch Volland ruft seine Münchner Zeit auf: „Bei 1860 in der Jugend war ich Stürmer, auch Stoßstürmer. Und zuletzt in Hoffenheim hat mich unser Trainer Markus Gisdol auch so eingesetzt.“ Und Volland findet: „Das liegt mir, da ich robust bin. Und das Tor treffe ich auch.“ Ist ihm diese Saison in der Bundesliga elfmal gelungen.

Offiziell muss er sich für den endgültigen Kader natürlich noch qualifizieren. Wie sich so ein Casting anfühlt, das kann er bei seinem Vater erfragen: Andy Volland war Eishockey-Stürmer – und spielte 1993 bei der Weltmeisterschaft in Dortmund und München für Deutschland. Volland senior, dessen Sohn Kevin damals gerade acht Monate alt war, bekam nach dem letzten Testspiel den letzten freien Platz – und verbrachte die WM dann im Paradesturm mit den damaligen Puck-Granden Gerd Truntschka und Didi Hegen.

Kevin Volland kennt diese Qualifikations-Geschichte von Andy Volland – „von alten Videocassetten“. Er sagt dazu: „Papa gibt mir immer Ratschläge. Für die Disziplin. Für die Bodenständigkeit.“

Wann immer es geht, fährt Volland ins Allgäu, nach Marktoberdorf. Beim FC Thalhofen kickt sein Bruder Robin, 20, in der Bezirksliga – Kevin schaut dann oft zu und spielt sich in der Pause mit Kindern die Bälle zu. Der Großvater erzählte neulich in einem Interview, dass er den Enkel gefragt habe, ob er sich „diese Tortur“ im Fußball wirklich antun wolle: den ständigen Leistungsdruck, die nächste Herausforderung. Doch Kevin Volland hat nach vielen Wechseln in der Jugend Ruhe in seinen Aufstieg gebracht. Im 1860-Nachwuchs nahm er sich Zeit, um zu reifen, und er weiß das Biotop Hoffenheim zu schätzen: Dortmund wollte ihn, Leverkusen interessierte sich, beim FC Bayern denkt man über den Ex-Löwen wohl zumindest nach – Volland entschied sich, bei der TSG 1899 zu bleiben. Auch wenn er mit ihr nächste Saison keine internationalen Spiele bekommt.

Aber er hat sich über Hoffenheim für die Nationalmannschaft qualifiziert. Und bei ihm ist absehbar, dass es nicht eine so kurze Karriere wird wie bei Andreas Beck, Marvin Compper und Tobias Weis.

Er ahnt wohl schon, was seine Rolle sein könnte bei der WM: die des Jokers. Des großen Unbekannten, über den der Gegner nicht viel weiß, wie vor acht Jahren über David Odonkor – bei dem der eigene Trainer aber davon ausgehen kann, dass er mit dem Spieler auch ein spezielles Element einwechselt.

„Ein guter Joker“, sagt Kevin Volland, „muss da sein, wenn er gebraucht wird, er muss präsent sein“.

Kevin Volland ist bereit: Er nimmt jedes Trikot, das er in den nächsten Wochen kriegen kann.

Günter Klein

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