Relikt aus grauer Vorzeit

Kommentar: Schafft die 50+1-Regel endlich ab

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Für ihn gilt die 50+1-Regel nicht: Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp.

München - Langweilige Materie und doch so wichtig: die 50+1-Regel. Kaum ein Thema spaltet Fußball-Deutschland mehr. Unser Autor Markus Ehrlich hat eine klare Meinung.

Mein Spezl Manni ist eingefleischter Bayern-Fan. Er ist zwar kein Mitglied, verpasst aber seit den 90ern kein Heimspiel und fährt auch gerne mal auswärts. Manni hat einen großen Feind: RB Leipzig. Der Verein aus Sachsen steht für alles, was Manni abgrundtief hasst: Keine Tradition, keine Fanbasis, kein Herz - aber jede Menge Kohle. RB profitiert vom Geld eines österreichischen Brauseherstellers und mischt mit dessen Geld gerade die Liga auf.

Anker für Traditions-Romantiker

Wie Manni denken viele Fußballfans. Ihnen widerstrebt der Gedanke, dass ihr Klub von Herren in Anzügen zum Spekulationsobjekt degradiert wird. Ihm geht es um Leidenschaft, wirtschaftliche Interessen jucken ihn nicht. Er will nicht, dass deutsche Vereine enden wie englische. Dort steht quasi hinter jedem Klub ein solventer Mäzen. Mannis Rettungsanker: die 50+1-Regel, die Vereine hierzulande am Verkauf ihrer Seele hindert. 

Aber: Ist das denn überhaupt noch zeitgemäß? Nein, die 50+1-Regel ist ein Relikt aus grauer Fußball-Vorzeit, in der Fußballerprofis mehrheitlich lange Matten trugen und Fans im Stadion noch echtes Bier mit Alkohol kippten. Der deutsche Fußball wirkt wie aus der Zeit gefallen. Wie ein gallisches Dorf, in dem Fußballfans sich zwar noch bis über beide Ohren mit ihren Vereinen identifizieren, selbige aber von der Konkurrenz abgehängt wurden. Fußball im 21. Jahrhundert ist ein Millionengeschäft. Und in diesem Geschäft herrscht knallharter Wettbewerb. Wer im Konzert der Großen mitspielen will, braucht das nötige Kleingeld.

Geld fließt nur bei den anderen

Es kommt doch nicht von Ungefähr, dass fast alle deutschen Vereine in den internationalen Wettbewerben spätestens im Achtelfinale die Segel streichen müssen und hochkarätige Spieler lieber zu einem englischen Zweit- als zu einem deutschen Erstligisten wechseln. Investoren könnten die prekäre Lage vieler Bundesligisten nachhaltig verbessern. Geld schießt Tore. Nostalgie und Romantik nicht. Natürlich wollen Investoren ein Mitspracherecht, klar wollen sie Geld verdienen. Aber ihnen per se zu unterstellen, sämtliches Leben aus Vereinen wringen zu wollen und dann wie die Heuschrecken weiter zu ziehen, ist überzogen. Roman Abramowitsch bei Chelsea, Scheich Mansour bei Manchester City, sogar Hasan Ismaik bei den Löwen: Sie alle sind gekommen um zu bleiben, pumpen schon jahrelang Million um Million in ihre Vereine. Dazu kommt, dass dieses ganze Traditionsgerede ohnehin romantischer Firlefanz ist. Denn: Wird es ernst, knickt die DFL ein. Für Dietmar Hopp gilt die 50+1-Regel gar nicht, weil er sich schon lange bei der TSG Hoffenheim engagiert. Wenn also ein reicher Investor aus Russland um die Ecke kommt und glaubhaft versichert, schon seit frühester Kindheit in Bettwäsche des FSV Mainz 05 geschlafen zu haben, wird dann für ihn auch eine Extrawurst gebraten?

Auch Bayern könnte profitieren

Ein oder besser der Verein in Deutschland, dem die 50+1-Regel vollkommen wurst sein könnte, ist der FC Bayern. Der Rekordmeister spielt mit im Konzert der Großen - mit oder ohne 50+1-Regel. Der Verein könnte aber dennoch profitieren - und zwar von wachsender nationaler Konkurrenz. Eine Liga, in der nicht nur die Bayern international mitmischen und auch mal 50 oder mehr Millionen für einen Spieler auf den Tisch legen können, wird nach außen attraktiver. Konkurrenz belebt das Geschäft. Und ich wette, selbst Manni würde sich insgeheim darüber freuen, wenn der Kampf um die deutsche Meisterschaft zukünftig nicht regelmäßig schon im März oder April entschieden wäre.

mae

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