Kommentar zur Lage beim BVB

BVB-Krise nach Favre: Auch Terzic ist kein Klopp

Lucien Favre rauft sich die Haare.
+
Zum Haareraufen: Ist der BVB an Lucien Favre verzweifelt oder war es umgekehrt?

Zu weich, zu negativ, zu grüblerisch? Lucien Favre wurde so einiges nachgesagt, als Borussia Dortmund den zweiten Platz hinter dem FC Bayern abonniert hatte. Die Entwicklung seit seiner Entlassung zeigt: Die Probleme sitzen tiefer.

Saint-Barthélemy im Kanton Waadt. Ein 800-Seelen-Dorf in der Westschweiz. Supermärkte und Restaurants sucht man dort vergeblich, dafür hat der beschauliche Ort nördlich von Lausanne zwei berühmte Sportler hervorgebracht: den Weltklasse-Tennisspieler Stan Wawrinka – und den Fußballtrainer Lucien Favre.

Der ehemalige BVB-Coach hat seit Mitte Dezember wieder viel Zeit, in seinem Kraftort Energie zu tanken. Er entspannt gerne bei Rotwein und Musik – und gewiss dürfte es seinem Seelenfrieden auch zuträglich sein, einen Blick auf seinen Ex-Verein zu werfen. Was wurde Favre nicht alles nachgesagt: Er sei zu weich, zu negativ, zu grüblerisch. In Dortmund hatte man dem Schweizer Taktiknerd nicht mehr zugetraut, den BVB im Titelrennen zu halten. Nachfolger wurde sein Co-Trainer, der nun dieselbe Mentalitätsdebatte anstimmt, die schon Favre treu begleitete wie ein Berner Sennenhund.

„Qualität ist immer das Ergebnis von Talent plus Mentalität“, hatte Edin Terzic nach dem 1:2 in Leverkusen doziert und gefolgert: „Wir haben uns zu viel auf unser Talent verlassen.“ Das Talent dieser Dortmunder Spielergeneration ist zweifellos außergewöhnlich. Mindestens so bemerkenswert sind jedoch die Ergebnisse, seit der vermeintliche Bremsklotz Favre freigestellt wurde. Alles dabei: klare Siege (2), ebensolche Niederlagen (3) und auch die unerklärlichen BVB-Heimpatzer (1:1 gegen Mainz).

Kurzum: Dortmund ist keinen Schritt weitergekommen seit dem Favre-Aus, im Gegenteil. Ehe nun aber reflexhaft der nächste Nicht-Klopp (zuvor u.a. Bosz, Tuchel) abgestraft wird, sollten sich die Schwarz-Gelben die Frage stellen, was sie eigentlich sein wollen: Aufsammelstation für internationale Talente zum späteren Weiterverkauf? Oder Bayern-Jäger mit ernsthaften Titelabsichten? Beides zu wollen, scheint beim Dortmunder Börsenclub lähmenden Druck zu erzeugen. BVB-Boss Aki Watzke analysierte korrekt: „Wir haben uns zuletzt schwergetan, leichtfüßig zu spielen, Ideen zu entwickeln, kreativ zu sein. Als läge alles unter Mehltau begraben.“

Das unerfreuliche Zwischenergebnis dieses Dortmunder Mehltaus ist Tabellenplatz sieben. Schneller als erwartet geht es für den jungen Terzic um sportexistenzielle Ziele wie den internationalen Startplatz. Das einzige Positive im Negativen: Der Titel ist jetzt endgültig abgehakt, das Minimalziel Champions League aber weiterhin in Reichweite. Andererseits: Zweiter, Dritter oder Vierter werden – das hat Favre auch verlässlich hingekriegt. Dem Ex-BVB-Coach winkt wenige Monate später eine neue Herausforderung: Ihn zieht es in die Premier League.

Auch interessant

Kommentare