Exklusiv-Interview mit der ZDF-Expertin

Kulig: "Jetzt vom Titel zu reden, wäre verfrüht!"

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Sie galt als eines der größten deutschen Frauenfußball-Talente - bis zum verhängnisvollen Viertelfinal-Spiel der DFB-Elf bei der Heim-WM 2011 gegen Japan. Bei der Frauen-WM in Kanada ist Kim Kulig in diesen Wochen für das ZDF als Expertin unterwegs.

München - Die verletzte Nationalspielerin Kim Kulig spricht im Exklusiv-Interview über ihre gesundheitliche Situation, die WM-Chancen der DFB-Elf, die Kunstrasen-Debatte und erklärt, wen man neben der Neid-Elf in Kanada auf dem Zettel haben sollte.

Sie galt als eines der größten deutschen Frauenfußball-Talente - bis zum verhängnisvollen Viertelfinal-Spiel der DFB-Elf bei der Heim-WM 2011 gegen Japan. Damals in Wolfsburg zog sich die Europameisterin von 2009 einen Kreuzbandriss im Knie zu und eine lange, kaum vergleichbare Leidensgeschichte nahm ihren Lauf. Nach mehreren Knie-Operationen und einigen missglückten Comeback-Versuchen steht eine Rückkehr der mittlerweile 25-jährigen Mittelfeldspielerin noch immer in den Sternen. Offiziell beendet hat die 33-malige Nationalspielerin ihre Karriere aber nicht - Kulig steht beim amtierenden Champions League-Sieger 1. FFC Frankfurt unter Vertrag, bei der Frauen-WM in Kanada ist sie in diesen Wochen für das ZDF als Expertin unterwegs ...

Vor vier Jahren standen Sie selbst auf dem Platz, in Kanada haben Sie vorerst die Seiten gewechselt und berichten für das ZDF vom Spielfeldrand – wie fällt ihr erstes Zwischenfazit aus, wie gefällt Ihnen der Job vor der Kamera?

Kim Kulig:  Sehr gut. Es macht mir großen Spaß und es ist sehr interessant, die WM aus einer anderen Perspektive zu erleben.

Gab es in den ersten Tagen schon besondere Erlebnisse oder Situationen, an die Sie sich in der Rolle der TV-Expertin noch gewöhnen müssen? 

Kim Kulig: Im Prinzip ist alles neu für mich, da ich diesen Job ja zum ersten Mal mache.

Als Nationalspielerin sind Sie natürlich nach wie vor ganz dicht an der DFB-Elf dran, kennen die Spielerinnen in- und auswendig – inwiefern kommt Ihnen das in der Funktion der Reporterin zugute?

Kim Kulig: Es ist schon ein enormer Vorteil, wenn man die Spielerinnen persönlich kennt. Da hat man gleich eine ganz andere Ebene. Außerdem kenne ich die Abläufe bei einem solchen Turnier, das finde ich auch wichtig.

Wiegt es manchmal schwer, so hautnah dabei zu sein, aber nicht selbst eingreifen zu können?

Kim Kulig: Nein, es schmerzt überhaupt nicht. Ich konzentriere mich voll auf meinen Job und kann mir gar nicht vorstellen, selbst auf dem Platz zu stehen.

Im Vorfeld des Turniers wurde viel über das Thema „Kunstrasen“ diskutiert – wie schätzen Sie als Expertin die Platzverhältnisse ein? Wie schnell kann man sich als Spielerin an den vermeintlich unbekannten Untergrund gewöhnen?

Kim Kulig: Eine WM auf Kunstrasen ist natürlich etwas Spezielles, nicht umsonst gab es ja auch die ganzen Diskussionen im Vorfeld. Ich denke, mittlerweile – nach vielen Trainingseinheiten und den ersten Spielen – haben sich alle Mannschaften mit den Rahmenbedingungen arrangiert und an den Untergrund gewöhnt.

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Sie haben eine lange Leidensgeschichte mit ihrem verletzten Knie hinter sich, wurden immer wieder zurückgeworfen, haben aber nie aufgegeben und stehen auch weiter beim Champions League-Sieger FFC Frankfurt unter Vertrag – wie steht es um ihre aktuelle gesundheitliche und sportliche Situation?

Kim Kulig: Hinter ihr steht ein großes Fragezeichen …

In den Medien wurden Sie zuletzt öfter Mal als „Badstuberin“ bezeichnet – besteht eine Verbindung zum FCB-Profi, haben Sie sich zum Beispiel mal ausgetauscht?

Kim Kulig: Nein, ich kenne Holger Badstuber leider nicht persönlich, aber ich verfolge seine Geschichte sehr interessiert und würde mich für ihn freuen, wenn er bald wieder auf dem Platz steht.

Wie geht es für die U20-Weltmeisterin von 2010 in der nächsten Saison weiter? Ist die aktive Karriere ein abgeschlossenes Thema oder werden Sie auch im möglichen Fall erneuter gesundheitlicher Rückschläge weiter für die Fußball-Karriere kämpfen?

Kim Kulig: Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dazu gar nichts sagen. Wie bereits erwähnt: Hinter meiner Zukunft steht ein großes Fragezeichen.

Der DFB-Kader in Kanada besteht quasi aus der „Generation Neid“: Spielerinnen wie Melanie Behringer, Annike Krahn, Simone Laudehr, Anja Mittag und Co. holten schon 2004 unter der Nationaltrainerin den U19-WM-Titel, 18 Europameisterinnen von 2013 sind dabei, dazu vielversprechende Youngster wie Lena Petermann und Pauline Bremer. Stimmt die Mischung?

Kim Kulig: Ich finde, dass die Mischung wirklich perfekt ist, da die vielen jungen Spielerinnen auf die Erfahrungswerte der arrivierten zurückgreifen können. Hinzu kommt, dass der größte Teil der Mannschaft vor zwei Jahren bei der EM eine schwierige Situation erfolgreich gemeistert hat – das schweißt zusammen.

Für Silvia Neid wird es vorerst die letzte WM-Endrunde als Trainerin sein – gibt ihr bevorstehender Rückzug dem Team nochmal einen Extra-Motivationsschub?

Kim Kulig: Nein. Eine WM zu spielen, ist das Größte! Da braucht man keinen Extra-Motivationsschub.

Wie beurteilen Sie persönlich den Rückzug Neids im Hinblick auf die Zukunft der Frauen-Nationalmannschaft? War ein Wechsel an der Zeit?

Kim Kulig: Ich kann ihre Entscheidung absolut nachvollziehen. Sie hat unglaublich viel für den deutschen Frauenfußball geleistet, als Spielerin und Trainerin. Das ist es ganz normal, dass man irgendwann auch nochmal was anderes machen will. Ich finde es auf alle Fälle schade.

Steffi Jones übernimmt ab 2016. Es gab nach der Bekanntgabe auch vereinzelt kritische Stimmen im Hinblick auf ihre mangelnde Erfahrung als Trainerin. Sie kennen die derzeitige DFB-Direktorin für Frauen- und Mädchenfußball gut – was denken Sie, wird sie anders machen als Neid? 

Kim Kulig: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich Steffis Visionen nicht kenne. Ich denke aber nicht, dass es einen radikalen Umbruch geben wird.

Kim Kulig: Die "Badstuberin" des Frauen-Fußball

2011 erlebte der Frauen-Fußball dank der Heim-WM einen außergewöhnlichen Hype, danach ebbte das öffentliche Interesse wieder ab - die TV-Quoten zum Start waren trotz der späten Übertragungszeiten stark. Denken Sie, die Endrunde in Kanada wird dem wieder entgegenwirken können, oder bleibt 2011 eine Ausnahmeerscheinung?

Kim Kulig: Eine Weltmeisterschaft und die nationalen Wettbewerbe sind einfach zwei verschiedene Paar Schuhe. Die Allianz Frauen-Bundesliga hat sich in den letzten Jahren ja gut weiterentwickelt, aber man darf nicht die TV-Quoten und die Zuschauerzahlen einer WM zum Maßstab nehmen. Natürlich wird das allgemeine Interesse am Frauenfußball nach der WM wieder abnehmen.

Bei der Endrunde sind 2015 erstmals 24 Mannschaften am Start – wie beurteilen Sie diese Neuerung?

Kim Kulig: Meiner Meinung nach ist die Aufstockung zu früh gekommen. Klar ist es schön, wenn die Kleinen mitspielen dürfen, aber die Attraktivität leidet schon. Von solchen Ergebnissen wie dem 10:0 zum Auftakt gegen die Elfenbeinküste will man ja eigentlich wegkommen.

Eine beeindruckende Qualifikation mit lupenreiner Weste, ein Torreigen zum Turnierstart, eine vermeintlich leichte Gruppe – stürmt die DFB-Elf mit Vollgas Richtung 3. Titel nach 2003 und 2007? Wie schätzen Sie das Potenzial der Nationalmannschaft in diesem Sommer ein?

Kim Kulig: Jetzt schon vom Titel zu reden, wäre absolut verfrüht. Der erfolgreiche Auftakt war ein erster Schritt – nicht mehr und nicht weniger. Klar hat unsere Nationalmannschaft das Potenzial, Weltmeister zu werden. Allerdings gilt das auch noch für andere Teams.

Teams wie Schweden, Brasilien, Weltmeister Japan, die USA oder auch Kanada als Gastgeber haben große Ambitionen – nicht alle sind allerdings überzeugend ins Turnier gestartet. Wen zählen Sie nach den ersten Eindrücken des laufenden Wettbewerbs zum engsten Favoritenkreis, welche der vermeintlich kleineren Teams sollte man auf dem Zettel haben?

Kim Kulig: Die Schweiz hat trotz der Niederlage gegen Japan eine gute Leistung gezeigt, Nigeria hat beim 3:3 gegen Schweden überzeugt. Was der deutliche Sieg von Kamerun wert ist, wird man sehen, wenn sie gegen stärkere Gegner spielen. Aus dem Kreis der oft genannten Favoriten hat sich noch keiner verabschiedet, ein holpriger Turnierstart sagt noch nicht viel.

Marta (29/Brasilien), US-Torfrau Hope Solo (33), Homare Sawa (36), die mit Japan als Titelverteidigerin kommt, Lotta Schelin (31) aus Schweden, Nadine Angerer oder die Französin Louisa Nécib – das Turnier ist gespickt mit vielen bekannten „Alt-Stars“. Wer könnte 2015 der Shooting-Star der WM werden?

Kim Kulig: Die Schweizerin Ramona Bachmann und die Nigerianerin Desire Oparanozie sollte man definitiv auf dem Zettel haben.

Interview: Thomas Deterding

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