Löw: Weiter Jugendkurs - kein Plan für Ballack

Joachim Löw (r.) weiß noch nicht, wie er mit Michael Ballack künftig umgehen wird
+
Joachim Löw (r.) weiß noch nicht, wie er mit Michael Ballack künftig umgehen wird

Neu-Isenburg - Joachim Löw wird auch im neuen Jahr seinen Jugendkurs in der deutschen Nationalmannschaft konsequent fortsetzen. Was mit Michael Ballack passiert, steht in den Sternen.

“Letztlich entscheidet die Qualität der Spieler. Da ist es völlig egal, ob einer zwölf oder 15 Bundesliga-Spiele bestritten hat“, betonte der Bundestrainer nach einer Tagung mit seinen Bundesliga-Kollegen am Montag bei Frankfurt/Main.

Ballacks Krankenakte in der Nationalmannschaft seit 2006

Ballacks Krankenakte in der Nationalmannschaft seit 2006

August 2006: Wenige Tage vor der Premiere von Joachim Löw als Bundestrainer verletzt sich Ballack im englischen Supercup-Spiel mit dem FC Chelsea gegen den FC Liverpool an der Hüfte. Ein Einsatz beim Löw-Debüt gegen Schweden (3:0) in Gelsenkirchen ist nicht möglich. © Getty
April 2007 - Februar 2008: Ballack zieht sich im Ligaspiel gegen Newcastle eine Knöchelverletzung zu. Nach einer ersten Operation muss er zunächst die Teilnahme an den Länderspielen gegen San Marino und die Slowakei absagen. Comeback-Pläne scheitern, es folgt eine zweite Operation und eine Auseinandersetzung zwischen dem Spieler, Chelsea, und den DFB-Verantwortlichen um die Behandlung von Ballacks Knöchel. Erst zu Beginn des Jahres 2008 kann Ballack nach fast einem Jahr Länderspiel-Zwangspause wieder im DFB-Trikot auflaufen. © Getty
Juni 2008: Einen Tag vor dem EM-Finale wird publik, dass Ballack wegen einer Wadenverletzung nicht trainieren kann. Löw ging nicht davon aus, dass sein Kapitän gegen Spanien spielen kann. 24 Stunden später steht der Kapitän aber auf dem Rasen, kann die 0:1-Niederlage gegen die Iberer aber nicht verhindern. © Getty
August - September 2008: Im Ligaspiel gegen Portsmouth zieht sich Ballack eine Sehnenverletzung im linken Mittelfuß zu und sagt für das Länderspiel gegen Belgien (2:0) ab. Vier Tage später spielt er gegen Wigan Athletic wieder für Chelsea, doch die Probleme bleiben. Nach einer Untersuchung bei Bayern- und DFB-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt muss er aber auch für die WM-Qualifikation in Liechtenstein und Finnland absagen. © Getty
Oktober - November 2008: Die rechte „Problem-Wade“ macht Ballack nach einem Tritt beim 2:1 gegen Russland erneut zu schaffen. Ballack verpasst zwar das Abschlusstraining vor dem Spiel gegen Wales, kann jedoch auflaufen. Nach der Partie (1:0) klagt er über Schmerzen in den Füßen. In Augsburg wird ihm im Vorderfuß jeweils ein Neurom (gutartige Knotenbildung) entfernt. Müller-Wohlfahrt ging von 2 Wochen Pause aus. Doch nach dem Streit mit Bundestrainer Löw steht Ballack einen Monat nach seiner OP nicht im Kader für das Länderspiel gegen England. © Getty
Dezember 2008: Trotz einer Platzwunde an der rechten Schläfe hält Ballack mit einem Kopfverband im Ligaspiel bei den Bolton Wanderers bis zum Schluss durch. © Getty
Juli 2009: Ballack erlitt im Vorbereitungsspiel von Chelsea beiden Seattle Sounders einen Bruch des kleinen Zehs und flog aus dem Trainingslager nach England zurück, wo er mit einer Spezialbandage ein individuelles Fitnessprogramm absolviert. Der Einsatz im WM-Qualifikationsspiel in Aserbaidschan drei Wochen später wird zum Wettlauf gegen die Zeit. © Getty
Mai 2010: Ballack wird im FA-Cup-Finale mit dem FC Chelsea gegen Portsmouth von Kevin Boateng gefoult und muss ausgewechselt werden. Eine erste Röntgenuntersuchung ergibt, dass nichts gebrochen ist. Der Knöchel ist stark geschwollen, sodass erst am Montag in München bei Nationalmannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt in München eine Kernspintomographie folgt. Dabei wurde ein Innenbandriss und ein Teilriss der Syndesmose im oberen rechten Sprunggelenk diagnostiziert. Damit ist das WM-Aus perfekt. © Getty
September 2010: Im dritten Bundesliga-Spiel seit seiner Rückkehr zu Bayer Leverkusen verletzte sich Ballack schon wieder. Diagnose: Eine feine Fraktur im Schienbeinkopf des linken Beines - sechs Wochen Pause. Damit verzögert sich das Comeback in der Nationalmannschaft zunächst. © Getty
Im Mai 2011 endet schließlich Ballacks Karriere in der Nationalmannschaft, Bundestrainer Joachim Löw (r.) erklärt, künftig nicht mehr auf den Mittelfeldspieler zu setzen. © getty

“Letztlich entscheidet die Qualität der Spieler. Da ist es völlig egal, ob einer zwölf oder 15 Bundesliga-Spiele bestritten hat“, sagte Löw. Dabei erhielt er die volle Unterstützung der Liga. “Das ist der Weg, der für den einen oder anderen Verein in die Zukunft weist. Die Bundesliga ist mit jungen Talenten durchsetzt und hat eine tolle Bilanz aufzuweisen“, erklärte Liga-Präsident Reinhard Rauball beim Neujahrs-Empfang der Deutschen Fußball Liga in Frankfurt/Main.

Keine konkreten Pläne hat Löw für ein DFB-Comeback von Kapitän Michael Ballack, der sein letztes von bisher 98 Länderspielen vor neun Monaten beim 0:1-Test gegen Argentinien bestritten hatte. “Positiv ist auf jeden Fall, dass er die Vorbereitung durchgezogen hat. Was er jetzt braucht, ist Spielpraxis“, sagte Löw über den 34 Jahre alten Leverkusener, der nach Verletzung um Anschluss ringt.

Dass sich die Bundesliga mehr und mehr Löws Philosophie anschließt, die Qualität, technische Fertigkeiten und physische Belastbarkeit klar über Erfahrung stellt, freut den Freiburger. “Als wir 2004 mit Jürgen Klinsmann angefangen haben, hatte kein U 21-Spieler einen Stammplatz in der Bundesliga. Am Freitag bei Leverkusen gegen Dortmund standen 16 deutsche Spieler auf dem Platz. Das ist für die Nationalmannschaft immens wichtig“, betonte Löw.  

Im Gegenzug lobte Mirko Slomka, Trainer des Überraschungs-Zweiten Hannover 96, die Vorreiterrolle der Nationalelf vor allem bei der WM im vergangenen Sommer in Südafrika. Für ihn als Clubcoach seien Fitness, die passende Strategie für die Spieler und Teamgeist die entscheidenden Faktoren: “Und da konnte man sich bei allen Aspekten bei der Nationalmannschaft etwas angucken und abgucken.“

Dass nur elf der 18 Erstliga-Cheftrainer der Einladung nach Neu-Isenburg gefolgt waren, änderte für Löw nichts an der positiven Bewertung der Zusammenarbeit. “Alle hatten einen wichtigen Grund“, erklärte Löw. Bayern-Coach Louis van Gaal, den Assistent Hermann Gerland vertrat, hatte persönlich beim Bundestrainer abgesagt. Auch Felix Magath (Schalke), Robin Dutt (Freiburg), Michael Frontzeck (Mönchengladbach), Steve McClaren (Wolfsburg), Holger Stanislawski (St. Pauli) und Marco Kurz (Kaiserslautern) fehlten entschuldigt.

Mit der junge Generation der Bundesliga-Trainer um BVB-Coach Jürgen Klopp oder den Mainzer Thomas Tuchel sieht sich Löw ohnehin auf einer Wellenlänge. Für die Nationalmannschaft, die nach langer Zeit bei der EURO 2012 in Polen und der Ukraine sowie bei der WM zwei Jahre später endlich wieder einen Titel gewinnen will, würden aber noch gehobenere Ansprüche dazukommen. “Man muss die Talente erkennen, die in der Lage sind, bei einer EM und WM auch gegen Spanien oder Argentinien zu bestehen“, unterstrich Löw.

“Wir wollen die EM-Qualifikation so schnell wie möglich perfekt machen, um dann wieder junge, interessante Spieler einzubauen“, nannte Manager Oliver Bierhoff die wichtigsten Ziele für das Länderspieljahr 2011, das am 9. Februar mit einem Spiel gegen Italien beginnt. “Wir sind in Deutschland froh, viele davon zu haben. Das haben wir schon bei der WM gesehen, jetzt rücken andere nach wie ein Götze, ein Holtby oder ein Schürrle.“

Bierhoff wertet das als Zeichen, “dass die Investitionen in den Nachwuchs im deutschen Fußball gegriffen haben“. Man brauche aber auch einen guten Mix, “also auch einige gestandene Profis“. Zumindest ein positives Signal für die Routiniers Klose, Ballack und Co.

dpa

Auch interessant

Kommentare