Rekordnationalspieler im tz-Interview

Matthäus: Deutschland ist Titelkandidat, aber...

+
Lothar Matthäus spielte vier Jahre bei Inter Mailand.

München - Beim 2:3 gegen England offenbarte die Nationalelf einige Schwächen. Auch Lothar Matthäus war am Samstag im Stadion. Vor dem Duell gegen Italien (Dienstag, 20.45 Uhr)sprach die tz mit dem Rekordnationalspieler, der in seiner aktiven Zeit vier Jahre in Italien spielte.

Herr Matthäus, Jogi Löw erhofft sich viele Erkenntnisse aus diesen beiden Länderspielen jetzt. Welche Lehren kann er aus dem turbulenten 2:3 gegen England ziehen?

Matthäus: Für eine positive Überraschung hat am Samstag sicher Mario Gomez gesorgt, der eine gute Leistung gezeigt hat. Mich hat er gegen England überzeugt – in einem ausgeglichenen Spiel, in dem Tempo auf beiden Seiten drin war. England wollte den Sieg am Ende etwas mehr, deshalb war er auch nicht unverdient. Deutschland hatte Probleme, vor allem die Abwehr zeigte einige Schwächen. Und das nicht erst in der zweiten Halbzeit, auch vor der Pause kamen die Engländer zu guten Chancen.

In sechs Wochen nominiert Jogi seinen vorläufigen EM-Kader. Kann er das trotzdem entspannt angehen oder sind die Baustellen doch größer als angenommen?

Matthäus: Ich glaube, dass es vor der WM 2014 deutlich schlechter aussah als jetzt. Damals war Manuel Neuer angeschlagen, Philipp Lahm, Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger waren auch nicht richtig fit. Basti fehlt jetzt zwar auch wieder, aber man hat mindestens gleichwertigen Ersatz für ihn. Jerome Boateng fehlt ebenfalls noch, aber ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass er es zur EM schaffen wird. Vielleicht spielt er Ende April schon wieder im Champions-League-Halbfinale – wenn bei den Bayern und seinem Heilungsverlauf alles normal verläuft. Ganz sorgenfrei ist Joachim Löw aber nicht, glaube ich.

Warum?

Matthäus: Auf den Außenverteidiger-Positionen fehlen die ganz großen Namen. Links schon länger, und seit Philipp Lahm zurückgetreten ist auch rechts. Vor allem diese Seite ist auf höchstem Niveau eine Schwachstelle. Gegen Mannschaften auf Augenhöhe kriegt man da Probleme. Dass Emre Can kein Rechtsverteidiger ist, hat man am Samstag wieder gesehen. Er fühlt sich im zentralen Mittelfeld wohler. Was die Besetzung der beiden Außenpositionen angeht, ist der Bundestrainer ja notgedrungen ziemlich flexibel – das hat man nicht nur in der Vergangenheit gesehen, sondern auch jetzt wieder.

In Frankreich setzte es unter sicher außergewöhnlichen Umständen ein 0:2, jetzt gegen England ein 2:3 – steht Deutschland als Weltmeister trotzdem noch eine Stufe über den anderen Nationen, die sich Chancen auf den EM-Titel ausrechnen?

Matthäus: Eine Stufe höher würde ich nicht sagen, das klingt etwas respektlos. Der DFB zählt zusammen mit drei, vier anderen Mannschaften zu den Titelfavoriten in Frankreich. Die Quali war sicherlich durchwachsen, am Ende hat sich die Mannschaft trotzdem souverän für die Endrunde qualifiziert. Die Qualität ihrer Spieler ist enorm hoch, nicht nur bei den Akteuren von Bayern München. Die Dortmunder und die Stars, die im Ausland aktiv sind, spielen international auf so hohem Niveau, dass unsere Nationalmannschaft definitiv zum engeren Favoritenkreis gehört. Noch dazu ist sie amtierender Weltmeister, das sollte man nicht vergessen.

Thema internationale (Klub-)Wettbewerbe – die Italiener sind mit keinem Verein mehr im Viertelfinale vertreten…

Matthäus: …das sind die Zeichen der Zeit. Das ist eine Entwicklung, die sich nicht erst in dieser Saison abgezeichnet hat. Die italienische Liga ist auch schon in den vergangenen Jahren nicht mehr konkurrenzfähig gewesen auf internationalem Topniveau, mit Ausnahme von Juventus Turin. Ich hoffe allerdings, dass die italienischen Vereine, speziell die Mailänder, möglichst bald wieder eine größere Rolle spielen werden. Juventus ist ein gutes Beispiel, wie das funktionieren kann. Mit dem SSC Neapel und dem AS Rom sehe ich zwei Klubs, die auf internationalem Parkett absolut bestehen können. Aber grundsätzlich zeigen die Ergebnisse der jüngsten Vergangenheit ganz deutlich, dass der Calcio nicht mehr da steht, wo er noch zu meiner aktiven Zeit in den 90ern stand.

In der Nationalelf fehlen mit wenigen Ausnahmen heutzutage große Namen. Ist die Squadra Azzurra trotzdem noch eine große Mannschaft?

Matthäus: Als Kollektiv waren die Italiener schon immer stark. Die Mannschaft ist taktisch extrem gut ausgebildet, vor allem was die Defensive betrifft. Das war schon immer ihre große Stärke, deshalb ist es immer eine sehr knifflige Aufgabe gegen die Italiener. Dann ist es auch egal, ob ganz große Namen fehlen.

Was halten Sie von Coach Antonio Conte?

Matthäus: Wir kennen uns persönlich, schließlich haben wir früher auch das eine oder andere Mal gegeneinander auf dem Platz gestanden. Er ist auf der einen Seite ein ganz lockerer Typ, auf der anderen ein akribischer Arbeiter. Conte ist ein Trainer, der sich stets gut vorzubereiten weiß. Deshalb bin ich mir ziemlich sicher, dass er auch die richtige Taktik gegen die Löw-Truppe finden wird.

Konsequent ist er auch, Enfant terrible Mario Balotelli ist bei ihm außen vor – das hat er auch öffentlich ganz deutlich gemacht.

Matthäus: Mit der Einstellung steht er aber nicht alleine da, diese Meinung vertritt Balotellis Klubtrainer Sinisa Mihajlovic beim AC Mailand auch. Mario Balotelli ist immer und immer wieder über Jahre von seinen Trainern geschützt worden, egal von wem. Aber irgendwann ist das Fass auch mal übergelaufen. So ein Spieler kann ja nicht nur die ganze Mannschaft, sondern den kompletten Klub verrückt machen. Von daher ist es nur logisch, dass Conte konsequent bleibt. Die Mannschaft steht im Mittelpunkt, nicht Mario Balotelli.

Machen Sie sich eigentlich Sorgen hinsichtlich der drohenden Terrorgefahr während der EM im Sommer?

Matthäus: Gedanken ja, Sorgen nein. Es wäre angesichts der jüngsten schrecklichen Ereignisse auch verkehrt, wenn man sich keine Gedanken machen würde. Aber ich blicke da lieber positiv als negativ in die Zukunft. Ich vertraue auf die Arbeit der Behörden und hoffe natürlich, dass während der EM alles so verläuft, wie alle Fans es sich wünschen – ohne Angst.

Kann man als Spieler so eine reale Gefahr ausblenden?

Matthäus: Nein, vollständig ausblenden kann man das sicher nicht. Das ist ein Thema, das auch die Mannschaft beschäftigt.

Womit sollte sich Mario Götze beschäftigen? Mit dem DFB, mit dem FCB – oder sogar mit einem Vereinswechsel?

Matthäus: Das ist eine gute Frage, am besten sollte er sich mit allem beschäftigen. Es wird viel diskutiert über Mario. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich die Zeit seit dem WM-Finale auch anders vorgestellt hat. Aber so ist das eben im Fußball, die Karriere ist kein Wunschkonzert. Ich will mich da gar nicht groß zu äußern. Mario, seine Familie und sein Berater müssen sich da die Gedanken machen, wie es weitergeht.

Interview: Sven Westerschulze

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

DFB-Sportdirektor Flick hört überraschend auf 
DFB-Sportdirektor Flick hört überraschend auf 
So sieht der Spielplan des Afrika-Cup 2017 aus
So sieht der Spielplan des Afrika-Cup 2017 aus
Heinrich heute: Bundestrainer Pereira und Altstar Müller
Heinrich heute: Bundestrainer Pereira und Altstar Müller
Badstuber schwärmt von S04: "Gesamtpaket ist spannend"
Badstuber schwärmt von S04: "Gesamtpaket ist spannend"

Kommentare