tz-Interview über den WM-Kader

Matthäus: "Löw hat sich selbst in die Enge getrieben"

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Lothar Matthäus.

München - Im tz-Interview spricht Lothar Matthäus über die aus dem DFB-Kader gestrichenen Spieler, über Sami Khedira und über die richtige Position für Jerome Boateng.

Herr Matthäus, Jogi Löw hat Mustafi, Schmelzer und Volland aus seinem Kader gestrichen. Sind Sie überrascht?

Matthäus: Nun ja, der Trainer hat seine Eindrücke. Er weiß, was er für ein System spielen will und auf welche Spieler er sich für dieses System verlassen kann. Was mich gewundert hat, ist seine Aussage, dass er nur absolut fitte Spieler mit nach Brasilien nehmen will – da muss man gespannt sein, ob das bis zum ersten Spiel auch klappt. Ich glaube nicht daran.

Bei der Nichtberücksichtigung von Marcel Schmelzer scheint diese Vorgabe gegriffen zu haben. Er hat in Südtirol nicht voll mittrainieren können.

Matthäus: Ja. Andere dagegen haben sich einen gewissen Status erarbeitet und fahren deswegen mit. Löw hat sich mit seiner Aussage selbst unter Druck gesetzt bzw. in die Enge getrieben. Nun musste er ein wenig davon abrücken.

Das trifft besonders auf Sami Khedira zu. Das Spiel gegen Kamerun machte aber nicht besonders viel Mut, oder?

Matthäus (lacht): Diese Testspiele haben uns ja nie richtig Mut gemacht, auch zu meiner Zeit nicht. Man darf das nicht überbewerten, aber es zeigt, dass es nach wie vor Probleme gibt auf gewissen Positionen. So zum Beispiel im zentralen Mittelfeld, wo Löw wahrscheinlich mit einer Doppel­sechs spielen wird – nach seinem Wunsch mit Khedira und Schweinsteiger. Doch beide sind nicht in Topform, können es nach ihren Verletzungen auch nicht sein! Man muss gerade bei Khedira den Hut ziehen, dass er überhaupt schon dabei ist nach seinem Kreuzbandriss. Dass er bei der WM in Bestform kommt, kann man aber nicht erwarten bei hoffentlich sieben Spielen auf höchstem Niveau. Das wäre unmenschlich!

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Auch deshalb nimmt Löw Christoph Kramer mit. Traut er sich Ihrer Meinung auch, den bislang unerfahrenen Gladbacher auf so einer wichtigen Position einzusetzen?

Matthäus: Das muss er ja! Ihm bleibt fast nichts anderes übrig. Mit Ginter hat er dort eine weitere Alternative. Und zur Not muss er auf Philipp Lahm zurückgreifen. Dann wäre Kevin Großkreutz hinten rechts unersetzbar.

Zuletzt spielte dort wieder Jerome Boateng.

Matthäus: Ich würde als Trainer niemals Spieler dort hinstellen, wo sie sich nicht wohlfühlen. Und das ist bei Boateng der Fall. Er hat mehrfach betont, dass seine Position das Abwehrzentrum ist. Und Kevin Großkreutz traue ich zu, einen Cristiano Ronaldo aufzuhalten, so wie Erik Durm auf links einen Star wie Gareth Bale ausgeschaltet hat.

Durm, Ginter, Kramer, das sind Namen, die vor einem halben Jahr noch niemand auf dem Zettel hatte. Kann man mit diesem Kader Weltmeister werden, Herr Matthäus?

Matthäus: Der Kader hat Qualität, ganz sicher. Aber man hat gesehen, dass es Schwierigkeiten gibt. Vielleicht hat das dazu geführt, dass die Erwartungen geringer geworden sind bei der Fangemeinschaft. Das nimmt ein wenig den Druck von der Mannschaft. Und das hilft natürlich bei dem großen Ziel.

Beim System zeichnet sich ab, dass Löw auf eine Offensive mit der falschen Neun setzt. Spricht die Nichtnominierung von Volland dafür?

Matthäus: Es sieht so aus, als würde er mit dieser Variation spielen. Aber bitte, Volland ist ja keine Neun! Wer mir das erzählt, der hat den Volland in den letzten fünf Jahren nicht Fußball spielen sehen. Er ist ein vielseitig einsetzbarer Offensivspieler, ähnlich wie Müller oder Podolski. Aber ein anderer Spieler als Götze, der mehr die spielerische Lösung sucht. Vielleicht hat man sich gegen Volland entschieden, weil er eben keine richtige Nummer neun ist.

Wer zuletzt auch gegen Kamerun nicht überzeugen konnte, ist Mesut Özil. Muss man von ihm nicht viel mehr erwarten?

Matthäus: Özil hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Er ist ein fantastischer Spieler, hat aber in den letzten Monaten die Leistungen, die man von ihm bei Real Madrid und in der Nationalmannschaft gewohnt war, bei Arsenal London nur sehr selten gezeigt. Beim DFB hat er an die schwachen Leistungen angeknüpft.

Was heißt das für das Turnier in Brasilien?

Matthäus: Wenn Mesut Özil nicht in Tritt kommt, dann hat man Alternativen. Ein Marco Reus kann zentral spielen und Andre Schürrle dann über links kommen, auch Draxler hat man noch in der Hinterhand.

Also ist auch ein Mesut Özil im DFB-Team nicht unantastbar?

Matthäus: Kein Spieler darf unantastbar sein. Außer vielleicht Ausnahmespieler wie ein Philipp Lahm oder im Tor ein Manuel Neuer.

Interview: Michael Knippenkötter

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