Weltenbummler Pfannenstiel im Interview

"Die Kinder singen, weil sie am Leben sind!"

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Lutz Pfannenstiel in Namibia: Die Kinder lachen, nur weil sie die blauen Trikots sehen.
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Lutz Pfannenstiel in Namibia: Die Kinder lachen, nur weil sie die blauen Trikots sehen.
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Lutz Pfannenstiel in Namibia: Die Kinder lachen, nur weil sie die blauen Trikots sehen.

Sinsheim - Lutz Pfannenstiel ist ein Weltenbummler in Sachen Fußball. Der Ex-Keeper hat auf seinen vielen Stationen jede Menge erlebt - und setzt sich heute für Hilfsprojekte in Afrika ein. Das tz-Interview.

Er war der erste Fußballer, der auf allen sechs Kontinenten in einem Profiverein spielte: In seiner Karriere als Torwart stand Lutz Pfannenstiel zwischen 1993 und 2010 bei fast 40 Vereinen unter Vertrag, zwischen Kanada und Malaysia, zwischen Finnland und Namibia. Bei der Nationalmannschaft Namibias arbeitete er bis 2010 noch als Co-Trainer, bevor er 2011 für viele überraschend als Scout zur TSG Hoffenheim ging. Im großen tz-Interview spricht der 40-jährige Weltenbummler über seine Hilfsprojekte für Afrika, über die Besuche in namibianischen Wellblech-hütten, über die deutsche Wohlstandsgesellschaft, über die Vorurteile gegen den Retortenklub Hoffenheim und die Lehren aus seiner Zeit im Gefängnis, als er in Singapur wegen angeblicher Spielmanipulation eingesperrt wurde.

Herr Pfannenstiel, auf Ihrer Facebook-Seite haben Sie gerade ein Video von einem Besuch in Namibia veröffentlicht. Man sieht, wie Sie in einer Suppenküche Lebensmittel an Kinder verteilen und mit ihnen Fußball spielen. Was führte Sie dorthin?

Pfannenstiel: Ich engagiere mich schon seit vielen Jahren mit meinem Hilfsprojekt Global United FC für Umwelt- und Klimaschutz und viele soziale Projekte. Im Rahmen dessen haben wir nun auch wieder Geld für Namibia gesammelt. Ich habe damals gesehen, wie arm das Land ist. Wie die Armen leben und wie die Ärmsten unter den Armen. Ich möchte ein bisschen helfen, wie eben in dieser Suppenküche für Waisen oder Kinder, die HIV-positiv sind.

Was sagt Ihr Arbeitgeber in Hoffenheim, dass Sie nun schon wieder so viel unterwegs sind?

Pfannenstiel: Der Verein steht voll dahinter. Ich bin dank meiner internationalen Erfahrung zuständig für International Relations und Scouting. Das heißt, ich fahre zur Spielerbeobachtung ins Ausland, aber auch, um den Verein nach außen zu repräsentieren und soziale Projekte mit anzuschieben. Hilfsaktionen, an denen sich mancher Traditionsverein in Deutschland ein Beispiel nehmen könnte.

Als Sie nach Hoffenheim gingen, dachten viele, das passe gar nicht zusammen, ein bunter, umtriebiger Vogel wie der Pfannenstiel plötzlich als sesshafter Funktionär bei so einem Retortenklub.

Pfannenstiel: Habe ich ja auch gehört, ist aber völlig falsch. Weil viele Fans Hoffenheim falsch wahrnehmen. Hoffenheim ist einer der wenigen Vereine, die wirklich innovativ neue Sachen anschieben, die modern sind und sich weiter orientieren. Das gilt für das Sportliche, aber auch für alles andere. Ich bin unwahrscheinlich glücklich, gerade weil solche Hilfsprojekte wie dieses auch dem Klub eine Herzensangelegenheit sind. Ganz Namibia ist nicht einfach, aber diese Suppenküche liegt in der härtesten Gegend überhaupt. Das sind Kinder, die haben nichts. Haben ihre Eltern verloren, sind mit HIV infiziert. Ein täglicher Kampf ums Überleben. Mittlerweile kennen sie uns schon, neulich war ich mit der U 23 von Hoffenheim dort. Da haben die Kinder schon gelacht, nur weil sie die blauen Trikots gesehen haben. Sie lachen, wenn man ihnen einen Stift in die Hand gibt, sie lachen, wenn man ihnen etwas zum Spielen gibt. Das zu sehen, ist sehr berührend und ergreifend.

In einer kurzen Sequenz in Ihrem Videofilm sagen Sie, die Kinder würden jeden Tag sagen, sie seien glücklich.

Pfannenstiel: Ja. Das ist Wahnsinn. Die Kinder singen jeden Morgen. We are happy. Glücklich, weil sie am Leben sind. Das muss man sich mal vorstellen. Das sind Kinder, die nie herummaulen und nörgeln. Und dann denkst du an das achtjährige behütete Kind in Deutschland, das sich aufregt, weil es vom Christkind keine Playstation 4 bekommt. Diese Unzufriedenheit in der materiellen Wohlstandsgesellschaft, da kriege ich manchmal das Kotzen.

Befremdet Sie dann auch dieser ganze Rummel in der Vorweihnachtszeit, die Einkaufshektik, der Konsumrausch?

Pfannenstiel: Ich habe doch nichts dagegen, wenn die Leute ihren Kindern Geschenke kaufen. Das ist doch gut und schön, das tut der Familie gut, macht den Kindern eine Freude, das gehört doch alles dazu. Ich feiere Weihnachten auch in Deutschland, entweder mit meiner Frau in Frankfurt oder bei den Eltern in Niederbayern, daheim ist Weihnachten immer am schönsten. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass die Eltern vielleicht ein paar Euro weniger ausgeben und das lieber für Afrika spenden. Für eine Organisation wie unsere, wo dann nicht ein Großteil in der Bürokratie hängen bleibt und nur der Rest das Ziel erreicht. Wir haben noch nie einen Cent hängen lassen.

Wie verwenden Sie dann das Geld?

Pfannenstiel: Wir kaufen dort unten vor Ort im Supermarkt Lebensmittel ein, stopfen ein paar Autos bis oben voll, fahren zu den Kindern und packen es dort in die Speisekammer der Suppenküche. Dann wieder zurück zum Supermarkt, die nächste Fuhre. So lange, bis das Geld weg ist. Manchmal dauert das fast einen Tag. Aber lieber schleppen wir die Lebensmittel acht Stunden durch die Gegend, bevor auch nur ein Cent verloren geht. Das letzte Mal haben wir Vorrat gekauft, mit dem die Kinder zumindest vier Monate durchkommen. Wir werden das auch in der Zukunft so oft wie möglich wiederholen.

Herr Pfannenstiel, Sie sprachen von der U 23, die in der Armengegend auf Besuch war, für viele Jungprofis sicher auch eine neue Erfahrung.

Pfannenstiel: Absolut. Ein Augenöffner. Zu sehen, wie zehn Leute auf ein paar Quadratmetern in einer Wellblechhütte hausen, fast schon aufeinander sitzen, das hilft schon, etwas über das Leben zu lernen und zu realisieren, wie gut es uns eigentlich geht. Sehr beeindruckend fand ich ein Erlebnis mit Carsten Ramelow.

Sie meinen den früheren Leverkusen-Profi und Nationalspieler?

Pfannenstiel: Ja. Carsten war Teil unserer „Global-United“-Mannschaft, und seine Frau und die beiden Kinder waren auch dabei, die in Deutschland natürlich ohne materiellen Mangel aufwachsen. Die Kids haben dann einen Nachmittag in einer Blechhütte bei einer lokalen Familie verbracht. Er sagt, das habe seitdem die Einstellung seiner Kinder von Grund auf verändert: zu sehen, wie es real zugeht auf der Welt. Es ist wichtig zu wissen, dass es auch andere Dinge gibt als Friede, Freude, Eierkuchen und einen gefüllten Kühlschrank.

Das reale Leben haben Sie in Ihrer globalen Karriere mit Stationen auf allen Kontinenten auch bald kennen gelernt. Im Nachhinein, würden Sie diese Erfahrung eintauschen gegen eine Laufbahn in Deutschland mit der Aussicht auf sagen wir 100 Einsätze im Nationaltrikot?

Pfannenstiel: Wenn ich so zurückdenke und meine fußballerische Leistungsfähigkeit analysiere, dann hätte ich es vielleicht ein wenig weiterbringen können. Ganz ein Blinder war ich jetzt auch nicht, Premier League in England, Erste Liga in Brasilien und den USA ist jetzt nicht so schlecht. Ob ich aber ein herausragender Bundesliga-Torwart geworden wäre, ich weiß es nicht. Vielleicht wäre ich ein solider Zweitliga-Torwart gewesen, bei einem Bundesligisten auf der Bank gesessen und wäre jetzt irgendwo Torwarttrainer. Das, was ich jetzt tun kann, ist mir nur aufgrund meiner Vita möglich. Darum bin ich sehr dankbar für meine Erfahrungen, ich möchte sie gegen nichts eintauschen.

Dankbar auch für Ihre Zeit im Gefängnis? 2001 saßen Sie 101 Tage in Singapur im Knast wegen angeblicher Spielmanipulation, Sie wurden misshandelt und verprügelt, hatten vier Nasenbeinbrüche.

Pfannenstiel: Die größte Extremsituation meines Lebens. In meinem Falle war das natürlich besonders schwierig, wenn man unschuldig in einem der härtesten Gefängnisse der Welt sitzt. Ich habe aber versucht, aus dem ganzen Mist etwas Positives herauszuziehen. Ich hätte danach den Kopf in den Sand stecken und verzweifeln können, aber ich habe mich wieder aufgerappelt, habe wieder Fußball gespielt, habe studiert, habe Global United gegründet. Das ist genau das, was ich jüngst auch Gefängnisinsassen bei einem Besuch in der JVA Siegburg vermittelt habe. Dass das Leben nicht vorbei ist, dass man es nur selbst in die Hand nehmen muss, wenn man wieder draußen ist. Dass man aus allem, was man nicht mehr ändern kann, etwas Positives herauszieht. Das ist für mich die Essenz des Lebens.

Interview: Florian Kinast

Spendenkonto: Global United, 9818100 bei Bank für Sozialwirtschaft, BLZ: 70020500

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