"Uns fehlt die Kompetenz!"

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Marc Wilmots.

München - Belgiens Co-Trainer und Ex-Bundesligastar Marc Wilmots spricht im tz-Interview über Stärken und Schwächen des belgischen Fußballs.

Marc Wilmots, der als Sohn eines Landwirts in Dongelberg zwischen Brüssel und Lüttich aufwuchs, zählt mit drei WM-Teilnahmen zur goldenen Spielergeneration der „Roten Teufel“ – ihr vierter Platz bei der WM 1986 ist bis heute in Belgien unvergessen. 1996 wechselte er von Lüttich nach Deutschland und wurde bei Schalke mit dem Gewinn des Uefa-Cups zum Eurofighter mit dem Spitznamen „Willi, das Kampfschwein“. Im Oktober 2009 übernahm der heute 41-Jährige das Amt des Co-Trainers bei der Nationalmannschaft.

Herr Wilmots, Deutschland ist Belgiens Auftaktgegner in der EM-Qualifikation. Wäre Ihnen Kasachstan zum Start lieber gewesen?

Wilmots: Im ersten Spiel zu Hause gegen Deutschland – das ist doch wunderbar. Da kann man nicht viel falsch machen. Gegen einen kleineren Gegner musst du dagegen unbedingt gewinnen, schon mit einem Unentschieden gerätst du gleich voll unter Druck.

Belgien ist seit 2002 bei keinem großen Turnier mehr dabei. Was läuft schief?

Wilmots: Ich war 2002 selbst noch dabei. Unsere Mannschaft hatte einen Altersdurchschnitt von 29 Jahren. Nach der WM haben neben mir noch ein paar andere erfahrene Spieler aufgehört. Ich denke, dass die nachkommenden Spieler ein großes Potenzial hatten. Aber um ein Top-Niveau zu erreichen, braucht es auch Erfahrung. Jetzt haben wir wieder sehr vielversprechende Talente. Belgien ist bei der letzten U21-EM ins Halbfinale vorgestoßen, genau wie bei Olympia 2008.

Die bizarren Rituale der Fußballstars

Mario Gomez singt bei Länderspielen nie bei der Nationalhymne mit. Der Grund: Einst hatte er vor einer U-15-Partie nicht mitgesungen und prompt ein Tor erzielt. Seither verzichtet er auf Gesang.  © dpa
Der argentinische Torhüter Sergio Goycochea (Elfmeter-Killer bei der WM 1990) hatte eine besonders bizarre Marotte: Vor wichtigen Elfmeterschießen urinierte der Schlussmann auf den Platz. Seine Mitspieler bildeten dann einen Kreis um ihn als Sichtschutz. Er wollte damit den Gegner verunsichern. © getty
Gerd Müller trug immer Schuhgröße 41. Und das, obwohl der „Bomber der Nation“ eigentlich Größe 38 hatte. Er könne sich so besser drehen, gab er als Begründung an. © dpa
Der Däne Preben Elkjaer-Larsen war schon während seiner Profizeit Kettenraucher. Zu seinen Ritualen gehörte die Zigarette in der Halbzeitpause. © getty
Michael Ballack besteht bei seinen Clubs immer auf die Trikotnummer 13. Beim Dienstantritt in London sorgte dies für Ärger mit Teamkollege William Gallas, der die „13“ zuvor getragen hatte. Ballack setzte sich durch. © dpa
Die englische Fußball-Legende Gary Lineker schoss beim Aufwärmen niemals aufs Tor. Er wollte „die Treffer aufsparen“. Wenn er in der ersten Hälfte nicht einnetzte, wechselte er in der Pause sein Trikot. © getty
Der Ex-Nationalspieler Carsten Jancker küsste nach jeder Bude seinen Ring. Damit drückte er die Liebe zu seiner damaligen Freundin aus. © dpa
Giovanni Trapattoni (Was erlauben Struuuunz?/Gespielt wie eine Flasche leer...) vetraute bei der WM 2002 auf geweihtes Wasser. Damit besprühte er vor den Partien Teile des Platzes. Seine Schwester, die Ordensfrau ist, hatte ihm die Flüssigkeit besorgt. Gebracht hat es nichts. Italien schied früh aus.  © dpa
Der legendäre Dr. Socrates (Brasilien), der bei der WM 1986 einen Elfmeter aus dem Stand geschossen hatte (und vergab), betrat immer als letzter Akteur das Spielfeld. Der Grund: Aberglaube. © getty
Bei der WM 1986 gab es für die argentinische Nationalelf fünf Wochen lang kein Hühnerfleisch. Trainer Carlos Bilardo war der festen Überzeugung: Hühnerfleisch bringt Unglück. © Getty
Bei der WM 1998 küsste der französische Nationalspieler Laurent Blanc (2.v.r.) vor Beginn jeder Partie den kahlen Kopf seines Torhüters Fabien Barthez (2.v.l.). © dpa
Der Brasilianer Jorginho, der früher für den FC Bayern seine Kickstifel schnürte, ist streng gläubig. Vor den Partien überreichte er den gegnerischen Kapitänen stets eine Bibel. © dpa
Skandalkicker Eric Cantona nahm an jedem Spieltag morgens um Punkt acht Uhr ein fünfminütiges, heißes Wannenbad. © dpa
Frankreichs Ex-Nationalcoach Raymond Domenech soll bei der Aufstellung des Teams ganz genau auf die Strenzeichen der Spieler achten. Offenbar befragt er vor Kader-Nominierungen zudem das Horoskop. © dpa
Der Brasilianer Mario Zagallo, Weltmeister als Spieler sowie als Trainer, liebt die Zahl 13. Das rührt von der Verehrung des Heiligen Antonius her. Dessen Gedenktag wird am 13. Juni gefeiert. Zagallo lebt in einem 13. Stockwerk, heiratete am 13. Januar und verlangte als Spieler immer die Nummer 13. © dpa
Adrian Mutu trägt bei Spielen immer dieselbe Unterwäsche-Marke. © dpa
Auch der frühere kolumbianische Nationaltürhüter Rene Higuita schwörte auf Konstanz bei seiner Unterwäsche. Bei ihm mussten die Hosen blau sein. Eine Wahrsagerin hatte ihm dies empfohlen. © Getty
Miroslav Klose bekreuzigt sich vor jedem Einsatz. © dpa
Udo Lattek trug als Manager des 1. FC Köln in der Saison 1987/88 einen blauen Strickpulli. Und das 14 Spieltage lang. Immer denselben. Bis zur ersten Niederlage.  © dpa
Auch der frühere englische Nationalspieler Paul Ince hat stets darauf bestanden, das Spielfeld als letzter Akteur zu betreten. © dpa
Kölns Ex-Keeper Faryd Mondragon ist streng gläubig. Er ließ sich ein FC-Handtuch weihen. Vor den Spielen betet er, er soll sogar eine Marienfigur in der Kabine haben. © dpa
Der italienische Nationalkicker Gennaro Gattuso trug bei der WM in Deutschland die ganze Zeit über den gleichen Pullover. Außerdem packte er vor allen Partien ab dem Viertelfinale den Koffer für die Heimreise. Die Rituale waren von Erfolg geprägt, Italien wurde Weltmeister. © dpa
Der Engländer John Terry pflegt eine ganz besondere Beziehung zu seinen Schienbeinschützern. Jahrelang verwendete er immer dieselben. Als er sie nach einem Champions-League-Spiel in Barcelona verlor, war er am Erdboden zerstört. Außerdem setzt er sich im Mannschaftsbus immer auf den gleichen Platz. © dpa
Felix Magath hat während seiner ersten Zeit in Wolfsburg monatelang eine grüne Krawatte getragen. So lange, wie sein Club ungeschlagen war. © dpa
BVB-Verteidiger Neven Subotic trägt zwei Armbänder, die er von seiner bosnischen Oma Milena bekommen hat. Zu seinem Ärger muss er die Bänder vor den Spielen ablegen. Das gebieten DFL-Auflagen. © dpa
Der argentinische Superstar Juan Sebastian Veron wickelte immer eine Bandage um sein rechtes Knie. 1997 hatter er sich an dieser Stelle verletzt und den Verband von da an als Glücksbringer beibehalten. © dpa
1860-Verteidiger Moritz Volz geht vor Spielen regelmäßig in die Küche und backt Kuchen. Und nicht nur einen: „ Drei müssen es schon sein“, hat der Kicker in einem Interview gesagt. © dpa
Der englische Kult-Kicker und Trainer Jack Charlton („Die Giraffe“) wechselte als Spieler immer kurz vor dem Anpfiff die Stollen aus. Nach dem Aufwärmen marschierte er erst in die Kabine, wenn er einen Torschuss erfolgreich abgeschlossen hatte.   © getty
Louis Aragonés hasst die Farbe gelb. Der ehemalige Trainer der spanischen Nationalmannschaft soll während der WM 2006 in Dortmund einen gelben Blumenstrauß zur Begrüßung abgelehnt haben. Einst bat er sogar Mannschaftskapitän Raul, ein gelbes Jersey im Training auszuziehen. © dpa
Jörg Berger (†) wechselte vor seinem Dienstantritt bei der Frankfurter Eintracht im Jahr 1998 die Trainerbank aus. Das Möbelstück seiner Amtsvorgänger Horst Ehrmanntraut und Reinhold Fanz war ihm suspekt.  © dpa
Luca Toni schraubt nach Torerfolgen immer symbolisch an seinem Ohr. Das soll heißen:  „Avete capito“ (Habt Ihr das verstanden/Habt Ihr das gesehen?)! Böse Zungen behaupten hingegen, er würde den Regler seines Hörgerätes zurückdrehen, wenn es im Stadion zu laut wird. © dpa

Kommt die EM in zwei Jahren zu früh?

Wilmots: Kann sein. Aber ich denke, die Jungs werden erst in ein paar Jahren ihren Höhepunkt erreichen. 2014, bei der WM in Brasilien, da müssen wir dabei sein. Zuletzt hatten wir einen Altersdurchschnitt von 23 Jahren. Eden Hazard gilt als eines der größten Talente des europäischen Fußballs. Auch Steven Defour sowie Axel Witsel werden umworben.

Woher kommen diese belgischen Talente?

Wilmots: Vor allem Standard Lüttich hat eine hervorragende Jugendarbeit, im vergangenen Jahr hat Anderlecht nachgezogen. Keine Frage, wir haben Spieler mit Talent. Aber Talent allein reicht nicht aus. Du musst auch kämpfen. Das Problem bei uns Belgiern ist, dass wir uns oft zu schnell mit dem Erreichten zufriedengeben. Manchen Spielern genügt es, zu den Besten in Belgien zu gehören. Ich denke, das ist in Deutschland anders.

Man sagt, das Auftreten eines Teams ist Spiegelbild des Zustandes eines Landes. Ist der Konflikt zwischen Wallonen und Flamen bei Ihnen zu spüren?

Wilmots: Nein, ich habe absolut nicht den Eindruck, dass es zwei Lager gibt. Sobald ich das Gefühl habe, höre ich auf. Ich wohne in der wallonischen Region, wenige Kilometer vom flämischen Teil entfernt. Die allermeisten Wallonen haben kein Problem mit den Flamen und andersherum. Es sind die Politiker und die Medien, die daraus ein Problem machen.

Sie haben selbst einen Abstecher in die Politik unternommen.

Wilmots: Ich war von 2003 bis 2007 im Senat. Ich sollte an einem Projekt im Bereich Jugend und Sport mitarbeiten. Aber die Unterstützung war schlecht, es ging nichts vorwärts. Deshalb habe ich mich wieder zurückgezogen.

Zwei Jahre später kam die Bitte von Dick Advocaat, ihn als Co-Trainer der Nationalmannschaft zu unterstützen. Nach wenigen Monaten verabschiedete er sich in Richtung Russland.

Wilmots: Ich war enttäuscht, aber nicht sauer. Als Nationaltrainer von Russland hat er eine bessere Mannschaft und einen besseren Vertrag angeboten bekommen.

Advocaats Nachfolger, Georges Leekens, ist innerhalb von nur einem Jahr der dritte Nationaltrainer Belgiens. Was läuft da falsch?

Wilmots: Der belgische Verband ist manchmal schwer zu berechnen. Bisweilen fehlt es an der Kompetenz. Es wäre wünschenswert, dass jeder an der Position sitzt, die seinen Fähigkeiten entspricht. Auf jeden Fall geht es jetzt darum, endlich einmal Kontinuität reinzubringen.

Bei uns sind Sie ja als „Willi, das Kampfschwein“ bekannt. Kennen die Belgier Ihren Spitznamen?

Wilmots: Die wissen schon, wie man mich in Deutschland nennt. Ich habe auch kein Problem damit. Ich habe damals meinen Teamkollegen Olaf Thon gefragt, ob Kampfschwein positiv oder negativ ist. Olaf sagte, in Deutschland positiv. Dann war das für mich in Ordnung.

Wird sich Belgien erfolgreich durch die EM-Quali kämpfen?

Wilmots: Wir haben eine schwere Gruppe erwischt. Deutschland ist ganz klar der Favorit. Ich glaube, dass sich Österreich, die Türkei und Belgien ungefähr auf demselben Niveau bewegen. Wir wollen und können Platz zwei erreichen.

Interview: Roland Wiedemann

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